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Nach Diktat verreist Kochen ist das Tennis der Nullerjahre

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H wie Hobby: Schach ist zu verkopft und Hockey irgendwie auch schon wieder durch

Leistung allein reicht nicht für den Aufstieg. Erst mit einem farbenfrohen Hobby wird aus einer 08/15-Führungskraft ein Top-Manager. Klaus Werle zeigt in seiner Karrierekolumne, wie kompliziert die Wahl der Freizeitbeschäftigung sein kann: Fußball ist zu prollig, Kite-Surfen zu neureich.

Zuerst die gute Nachricht: Erstmals seit vielen Jahren wurde Achtenmeyers Gehalt erhöht. Die schlechte: Er hat nicht den Hauch einer Ahnung, was er mit dem erhöhten cashflow anstellen soll. Ganz selbstverständlich war er davon ausgegangen, dass zwei Parteien den neuen Geldsegen brüderlich unter sich aufteilen würden: das Finanzamt und seine Frau.

Dann aber machte ihm ausgerechnet seine Gattin einen Strich durch die Rechnung. Sie saßen beim Italiener, die Kerzen flackerten, die Rosenblüten dufteten und die Gnocchi auch, das Leben war schön. Da sagte die Angetraute: "Weißt Du, ich brauch' ja eigentlich nichts. Warum nimmst Du nicht das Geld und finanzierst damit ein schönes Hobby?" Achtenmeyer schaute von seinen Saltimbocca auf und grinste unsicher. "Hobby? Ich dachte, Du brauchst neue Schuhe?" Ach was, replizierte seine Gemahlin, nun bereits ein wenig ungehalten über seine Begriffsstutzigkeit. Erst ein Hobby, das habe sie neulich sowohl in der "Cosmopolitan" gelesen als auch mit der Nachbarin besprochen - "und ihr Mann ist immerhin schon CEO, wie Du weißt" - erst ein Hobby jedenfalls mache aus Männern Manager und aus Managern dann Top-Manager.

Mit einem Mal ahnte Achtenmeyer, dass der italienische Abend nicht als gemütliche Erfolgsfeier gelabelled war, sondern als kick-off-meeting für einen neuen Großangriff auf seine Komfortzone.

Work-Life-Balance macht das Leben noch anstrengender

Schon seit längerem hat er den Verdacht, dass all die schönen bunten Dinge, die unter der Work-Life-Balance-Flagge dahergesegelt kommen, das Leben in Wahrheit anstrengender machen. Zu Zeiten, die Achtenmeyer nur noch aus TV-Dokumentationen kennt, ging man zur Arbeit, machte muffelig seinen Stiefel und widmete sich anschließend skurrilen Hobbys wie Modelleisenbahnbau oder Heckenpflege.

Heute muss nicht nur die Arbeit Spaß machen, damit das commitment stimmt. Auch die Hobbys sollten möglichst elegant auf den Job abgestimmt sein und im besten Fall einer ohnehin schon stattlich aufgestellten Business-Persönlichkeit dieses gewisse exotische Etwas verleihen, das aus einer Person einen Charakter macht. Ein neuer Marketingplan für die gesamte Abteilung ist ein Spaziergang dagegen, denkt Achtenmeyer bitter.

Laut sagt er: "Wie wäre es mit Tennis?" Seine Frau sieht ihn an, als habe er ihr eine Liaison mit Lady Macbeth gebeichtet. "Tennis?", echot sie tonlos, "Tennis ist nur noch ein schlechter Witz in weiß." Nachdem nun dergestalt die Fronten geklärt sind (Achtenmeyer hat wie üblich keinen Durchblick, weshalb seine Frau ihm karrieretechnisch auf die Füße helfen muss), wird das issue fokussiert analysiert. Es scheiden aus: Fußball (zu prollig), Kite-Surfen (zu neureich), Kochen (das Tennis der Nullerjahre), Schach (zu verkopft), Segeln ("bist Du nicht der Typ für"), Hockey (irgendwie auch schon wieder durch) und schließlich Oldtimer-Sammeln ("wie hoch genau war noch mal Deine Gehaltserhöhung?").

Cricket zehrt vom Commonwealth

Nach zwei Flaschen Barolo hat sich endlich ein Favorit herausgeschält: Cricket. Kompliziert genug, um einen gewissen Exklusivitätsfaktor zu garantieren, durch die Tradition von Empire und Commonwealth gleichzeitig reich an Tradition und global akzeptiert, und mit genau dem richtigen Schuss Snobismus. Dazu die elegante Mischung aus Mannschaftssportart (team spirit!) und aggressivem Einzelkämpfer-Machotum, da sich bei aller Liebe zum Team letztlich doch alles auf das geradezu epische Duell zwischen Werfer (bowler) und Schlagmann (batsman) reduziert. Soweit die executive summary seiner Frau, der sich Achtenmeyer bedingungslos anschließt. Erstens weil er nicht den Schimmer einer Idee hat, worüber sie spricht und weil er, zweitens, alle Sportarten schick findet, für die eine Menge equipment benötigt wird.

Solcherart versöhnt mit "seinem" neuen Hobby, sucht Achtenmeyer tags darauf den einschlägigen Fachhändler auf und kauft erstmal das Allernötigste: Trikot, weiße Schuhe mit Profilsohlen, Schläger, Helm, Handschuhe und natürlich die martialischen Beinschützer ("Pads"). Da er heute früher nach Hause kommt, beschließt er seine Frau zu überraschen, zieht die komplette Montur an und räkelt sich sportlich-lasziv auf der Wohnzimmercouch.

"Wie siehst Du denn aus?", ruft die Gattin bei der Heimkehr entgeistert. "Äh, ich dachte, wegen Cricket und so...", stottert Achtenmeyer. Doch seine Frau hat bereits wieder einen Strategieschwenk vollzogen: Ihr Nachbar, der CEO, spielt jetzt auch Cricket, "damit ist das für Dich natürlich gestorben". Am nächsten Tag werde man über Alternativen nachdenken müssen. Müde trollt sich Achtenmeyer in sein Arbeitszimmer. "Ach, und bitte bring morgen den ganzen Krempel zurück und lass Dir das Geld wiedergeben", ruft ihm die Gattin hinterher. "Ich brauche neue Schuhe!"


+++ Lessons learned +++

  • Aufstiegsturbo Hobby: Achtenmeyers Gattin hat durchaus recht - ein interessantes Hobby kann karrieretechnisch hilfreich sein. Vorausgesetzt, es fügt einer fachlich und sozial kompetenten Führungskraft eine spannende Facette hinzu, die sie im Gedächtnis bleiben und als Mensch wirken lässt, der breitere Interessen als nur seinen Job hat.
  • Vorsicht, Hipsterfalle: Doch ein Hobby muss in erster Linie zur Person passen, sie ergänzen und abrunden. Finger weg vor Sportarten, die gerade angesagt sind, zu denen man aber selbst keine Beziehung hat. Nur weil etwas gerade schick oder cool ist, macht es nicht jede blasse Führungskraft zum führungsstarken Charismatiker.
  • Dranbleiben: Deshalb ist es nicht ratsam, Hobby-Hopping zu betreiben und die Sportart zu wechseln, nur weil ein neuer Trend durch die Zeitläufte segelt. Das wirkt beliebig und opportunistisch - und signalisiert das genaue Gegenteil dessen, was ein Hobby unter Karriereaspekten eigentlich demonstrieren soll: Ausdauer und Authentizität.

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. wie armselig
snailfinger 15.05.2012
muss jemand sein, der derartige Lebenshilfe braucht. Kann nicht jeder einfach das tun, was ihm Spaß macht? Und wenn einer gern Wände anstarrt, ist es doch auch okay. Viele Manager sind doch auch deshalb so unangenehm, weil sie versuchen eine Rolle zu spielen, die ihnen nicht passt. Dazu gehören auch irgendwelche beklöoppten Hobbys.
2. Klar,
überich 15.05.2012
man könnte auch ganz nutzlos Gutes tun mit der "Gehaltserhöhung" - aber welcher Sozio....äh...Topmanager würde das wohl tun. Lieber die Komplexe pflegen. Findet was Euch Spass macht und tut dies - und wenn es "ficken" ist... (würd ich aber auch nicht in der Bewerbung angeben)
3. gut getroffen
ich2010 15.05.2012
der moderne mensch lebt für seine arbeit und macht sein hobby zum teil seines commitments. das sind dann die junydynamiker die spätestens ende 30 mit burnout aus den latschen kippen.
4.
gfh9889d3de 15.05.2012
Zitat von sysopLeistung allein reicht nicht für den Aufstieg. Nach Diktat verreist: Vom Bärchen zum Chairman - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,833146,00.html)
Der gut gemeinte Artikel und damit wohl vor allem der Autor verwechselt deutlichst Ursache und Wirkung. Man geht nicht wegen sondern gerade trotz der Karriere einem (seinem und nur seinem!) Hobby nach. Was dann so zu dem einen oder anderen positiven indirekten Effekt führen kann aber beileibe nicht muss. Das wäre ja auch nachgerade primitiv.
5. social networking
Miere 18.05.2012
Geht es bei solchen Hobbys nicht mehr darum, auch außerhalb des Jobs mit den "richtigen Leuten" Kontakte zu knüpfen und zu pflegen? Also müsste er doch auf jeden Fall Cricket spielen, wenn der erfolgreichere Nachbar das gerade macht, um in dessen Clique rein zu kommen?
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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.

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