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Nach Diktat verreist Vom Bärchen zum Chairman

Achtenmeyers Schreibtisch: Schnell mal Rückrufe einschieben, die nicht dringend sind Zur Großansicht
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Achtenmeyers Schreibtisch: Schnell mal Rückrufe einschieben, die nicht dringend sind

Stelle dich gut mit deiner Etatdirektorin: Moderne Management-Methoden lassen sich auf viele Lebensbereiche übertragen, zum Beispiel auf die eigene Ehe. Umgekehrt funktioniert es sogar noch besser, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

Schon seit er als Teenager Karl May las, hat Achtenmeyer eine Schwäche für Wörter. Als Führungskraft kanalisierte er diese Leidenschaft in ein Faible für schmucke Titel. Doch wie jede Schwäche hat auch diese seiner Karriere nicht eben Feuer unterm Hintern gemacht. In den vergangenen vier Jahren etwa erhöhte sich seine compensation um keinen einzigen Euro.

Zwar adressierte er das Thema in jedem Entwicklungsgespräch mit Dr. Karl, doch sein Vorgesetzter murmelte stets etwas von Budgetzwängen und allgemein durchwachsenen globalen Aussichten, um dann die Tonlage blitzschnell von Moll auf Dur umzuschalten und Achtenmeyer freudestrahlend zu verkünden: "Aber wie wäre es mit einer Beförderung? Erstmal nur im Titel sichtbar, aber das Gehalt wird dann ja quasi automatisch angepasst."

Dem Automatismus gelang indes das Kunststück, seinem eigenen Wortsinn zu entwischen, doch auf dem Papier - und nur da - ist Achtenmeyer auf diese Weise binnen kürzester Zeit rasant aufgestiegen: Vom "Marketing Director" zum "Associate Vice President", weiter zum "Vice President" und schließlich zum "Executive Vice President". Natürlich ohne dass dies irgendwelche Folgen für seine tatsächlichen Zuständigkeiten oder gar sein Gehaltskonto gehabt hätte.

Tiguan klingt doch viel pfiffiger als Cayenne

Nun, aktuell steht wieder eine Entwicklungs-facetime mit Dr. Karl an. Achtenmeyer fiebert ihr mit ungewöhnlich großer Anspannung entgegen, denn von Dr. Karl weitgehend unbemerkt, hat sich in Sachen "Aufstieg Achtenmeyer" eine Art perfect storm zusammengebraut. Zum einen gehen der Personalabteilung langsam die Business-Vokabeln für die Titel aus. Der einzig logische next step wäre der "Senior Vice President", doch diesen jobtitle führt bereits Dr. Karl, und dessen Position ist nun mal ungleich wichtiger als Achtenmeyers.

Zum anderen präsentiert sich die Situation an der Heimatfront in einem kritischen Zustand: Weil Achtenmeyer lange nur mit schöneren Titeln abgespeist wurde, brachte er auch nicht mehr Geld nach Hause. Die im Gegensatz dazu exponentiell steigende Erwartung seiner Ehefrau konnte er anfangs noch mit phantasievollen Wortgirlanden parieren ("Sieh mal, Porsche Cayenne klingt doch einfach nur affig und protzig. VW Tiguan dagegen, das hört sich nach einem pfiffigen kleinen, verspielten Tier an").

Erst "Bärchen", dann "Großinquisitor", dann "Chairman"

In der zweiten Phase kopierte er Dr. Karls Methode und beförderte seine Gattin, als gäbe es kein Morgen. Hatte er sie zu Beginn ihrer Ehe noch mit recht orthodoxen Kosenamen bedacht ("Bärchen", "Blume", "Goldstück"), wurden die Titel phantasievoller und ironischer, je mehr Routine den ehelichen Alltag dominierte ("Oberfeldwebel", "Großinquisitor"). Bis sich Achtenmeyer schließlich hemmungslos aus dem großen Corporate-Fundus bediente und seine Frau zunächst zur "Etatdirektorin" ernannte, später dann in den Vorstand des Eheunternehmens holte ("Chief Operating Officer") und sie schließlich zum "Chairman of the Board" machte. Irritierenderweise spiegelte der virtuelle Aufstieg seiner Frau auch die Realität des ehelichen Machtverhältnisses ziemlich genau wieder.

Das Problem aber ist ein anderes: Auch zu Hause ist nun das Ende der Titelfahnenstange erreicht. Wenn Achtenmeyer in den eigenen vier Wänden CEO unter seinem Chairman bleiben will, muss etwas Neues her.

So kommt es im Personalgespräch zum Showdown der Supermächte (Frau Achtenmeyer versus Dr. Karl), zwischen denen der Mittelmacht (Achtenmeyer) die totale Zerstörung droht. Wenn, ja, wenn seine Gattin nicht im Vorwege alle taktischen Winkelzüge von Dr. Karl antizipiert und Achtenmeyer intensiv gebrieft hätte. Deshalb sitzt der CEO von Achtenmeyer Inc. jetzt sehr entspannt auf Dr. Karls beigefarbenem Büroledersofa und pariert alle Vorstöße seines Chefs: Unsichere wirtschaftliche Lage? Unsere company steht glänzend da, und die - hausinternen! - Prognosen prophezeien stabiles Wachstum. Persönliche Leistung? Bitte schön: Alle Key Performance Indicators sind above expectations. Falsches Signal nach innen? Im Gegenteil, mein Beispiel wird die Motivation eher stärken.

Es kommt, wie es kommen muss: Achtenmeyer zieht tatsächlich als Sieger und um einige Euros reicher vom Schlachtfeld. Eine Woche später bemerkt er in einer Mail von Dr. Karl dessen neue Signatur: "Senior Executive Vice President". Was übersetzt heißt: In diesem Jahr keine Gehaltserhöhung für Dr. Karl. Ganz offensichtlich ist seine Gattin keine so gewiefte Verhandlungsexpertin, denkt Achtenmeyer. Und kauft auf dem Heimweg einen Blumenstrauß für seinen Chairman.


+++ Lessons learned +++

  • Geld ist nicht alles: Das stimmt sogar. Dennoch sollte eine "Beförderung" mehr umfassen als schönere Wörter auf neuen Visitenkarten. Zum Beispiel größere Verantwortung, spannendere Projekte oder mehr Entscheidungsbefugnisse.
  • Vereinte Kraft: Suchen Sie sich für Ihre Karriere mächtige Verbündete und Fürsprecher, gerne auch außerhalb des eigenen Unternehmens. Zum Beispiel Kunden, die Ihre Arbeit loben oder höherrangige Manager, die Ihren Namen bei passender Gelegenheit ins Spiel bringen.
  • Frauen-Power: Haben Sie keine Scheu, sich vor wichtigen Gesprächen von einer Frau coachen zu lassen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Frauen zwar schlechter als Männer verhandeln, wenn es um sie selbst geht. Aber ungleich besser, wenn sie es für jemand anderen tun. Das gilt natürlich auch, wenn Frauen Frauen coachen.

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insgesamt 2 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wundervoll
felisconcolor 03.04.2012
Zitat von sysopStelle dich gut mit deiner Etatdirektorin: Moderne Management-Methoden lassen sich auf viele Lebensbereiche übertragen, zum Beispiel auf die eigene Ehe. Umgekehrt funktioniert es sogar noch besser, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. Nach Diktat verreist: Vom Bärchen zum Chairman - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825333,00.html)
Klasse geschrieben. Und tja sowas von aus dem Leben gegriffen. "Tränen aus den Augen wisch"
2. Coaches auf die Couch
albert schulz 14.04.2012
Zitat von sysopGeld ist nicht alles: Das stimmt sogar. Dennoch sollte eine "Beförderung" mehr umfassen als schönere Wörter auf neuen Visitenkarten. Zum Beispiel größere Verantwortung, spannendere Projekte oder mehr Entscheidungsbefugnisse.
Quark. Für ein paar Hunderter mehr muß man Gülle saufen, mit dem Schwanz wedeln, Über-stunden schieben, die Privataufgaben des Chefs erledigen, es wird noch langweiliger, und man muß vor allem an viel mehr absolut bedeutungslosen Besprechungen teilnehmen. Und so tun als wäre man wer. Wer interessante Aufgaben will muß wechseln. Das tut weh. Die Kunden wollen es billiger, und scheuen sich nicht, Einem alles Schlechte nachzusagen. Im eigenen Unternehmen ist das komischerweise auch so, wenn man es nicht unterbinden kann. Man wird bestenfalls von einem Höherrangigen unterstützt, um für den einen unliebsamen Konkurrenten loszuwerden, und danach fallengelassen. Jeder ist sachlicher, wenn es um einen anderen geht. Das hat mit Frauen rein nichts zu tun. Frauen sind an manchen Stellen geschickter und kommunikativer, auch rücksichtsvoller, zuweilen übervorsichtig. Mir sind sie ehrlich gesagt auch lieber als männliche Klugschwätzer, wegen der Atmosphäre. Und weil sie Männer dazu bringen, sich halbwegs ordentlich aufzuführen. Und ich brauche mir keine Bundesligakommentare anhören. Achtet man auf die Vokabeln, wird man sofort gewahr, daß der supernaive Typ aus der Werbebranche kommt. Da ist man mit vierzig megatot oder hat eine eigene Agentur. Wie Leben funktioniert weiß man trotzdem nicht. Oder ein Beruf. Oder Menschen.
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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.

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