Gekündigte Mitarbeiter sind auf ihren einstigen Chef selten gut zu sprechen. Viele fühlen sich ungerecht behandelt und sind deshalb frustriert. Und wenn sie mal über ihr altes Unternehmen sprechen, dann machen sie es schlecht.
Schade, denn wer sich gern an seinen früheren Arbeitgeber erinnert, ist besser dran: Mitarbeiter, die sich nach ihrer Entlassung weiterhin stark mit ihrer alten Firma und den Vorgesetzten identifizieren, sind während ihrer Arbeitslosigkeit selbstbewusster und zielstrebiger. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der San Francisco State University. Und dieses Wohlbefinden wirkt sich demnach auch positiv auf die Suche nach einem neuen Job aus.
"Das Ergebnis hat mich anfangs überrascht. Ich dachte, dass Arbeitslose, die eine starke Bindung zu ihrem früheren Unternehmen haben, verletzt oder wütend sein würden", sagt Jennifer Tosti-Kharas, die Autorin der Studie. "Aber wenn jemand gern in einem Unternehmen gearbeitet hat, ist er zuversichtlich, dieses Erlebnis in einer anderen Firma zu wiederholen." Das mache ihn selbstbewusster als jemanden, der einen Groll auf seinen alten Arbeitgeber hegt. "Ich würde das mit einer Liebesbeziehung vergleichen: Es ist besser, eine Liebe zu verlieren, als niemals geliebt zu haben."
"Ich hab's vergeigt" kommt den Amerikanern leichter über die Lippen
Ebenfalls überraschend: Die Ergebnisse gelten nur für Arbeitslose, die sich an ihrem Job-Verlust selbst die Schuld geben. Die Gekündigten hatten ein gewisses Verständnis für ihren Rauswurf, offenbar, weil die Vorgesetzten ihnen nachvollziehbare Gründe nannten. "In Amerika herrscht die Meinung vor, dass es allein dein Verdienst ist, wenn du erfolgreich bist - aber wenn du scheiterst, ist das ebenso deine Schuld", so Tosti-Kharas. Daher komme US-Mitarbeitern ein "Ich hab's vergeigt" leicht über die Lippen - ohne, dass deshalb das Verhältnis zum Ex-Chef gleich zerstört sein muss.
Aber sind diese Ergebnisse repräsentativ? Und kann man sie auf deutsche Verhältnisse übertragen? Na ja. Die Wissenschaftlerin führte die Studie 2008 durch, als wegen der Wirtschaftskrise weltweit Hunderttausende Mitarbeiter entlassen wurden. Die Teilnehmer waren Büroangestellte; rund die Hälfte von ihnen hatte in der Finanzbranche gearbeitet. Die Zahl der Befragten war mit 86 denkbar klein. "Das ist natürlich wenig, für meine statistische Analysemethode waren es aber genügend Teilnehmer."
Immerhin gibt das Ergebnis Hinweise darauf, dass Arbeitslose, die mit sich selbst und ihrer Berufsgeschichte im Reinen sind, einen besseren Stand am Arbeitsmarkt haben. Das ist plausibel. So ist bekannt, dass rein negative Gefühle beim Gedanken an das ehemalige Unternehmen leicht zu Stress bei der Jobsuche führen. Der Salzburger Arbeitspsychologe Christian Blind spricht von einem "unangemessenen Bezug zur Arbeitswelt", der sich im schlimmsten Fall zu Selbstmitleid auswächst.
Tosti-Kharas will dem Phänomen zudem auf einer breiteren Basis nachgehen. Sie plant, die Studie auf andere Berufsfelder auszudehnen, den Untersuchungszeitraum zu erweitern und Personen zu befragen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken.
ant/mamk
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Kündigung - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH