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Nachtarbeit Wir machen durch bis morgen früh

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Corbis

Nachtarbeit: In vielen Branchen schwer verzichtbar, für manchen schwer erträglich

Millionen Deutsche verdienen nachts ihren Lebensunterhalt, ob in der Fabrik oder bei der Polizei, im Einzelhandel oder Krankenhaus. Gesund ist das eher nicht - dennoch können sich manche ein Leben ohne Schichtdienst gar nicht mehr vorstellen.

Um 23.10 Uhr ist die zweite Kanne Kaffee fällig. "Pro Nacht sind es insgesamt fünf bis sechs", sagt Dieter Rosenfeld. "Ohne Kaffee geht hier gar nichts." Rosenfeld ist Wachhabender im Polizeikommissariat 23 in Hamburg und seit gut zwei Stunden im Einsatz. Es ist Freitagabend und ziemlich viel los. Im Minutentakt erreichen Rosenfeld und seine Kollegen über Funk Meldungen über Wohnungseinbrüche, Hausbrände oder Personen, die mit einem Messer bedroht wurden.

"Gerade nachts ist es gut, wenn wir was zu tun haben", sagt der Polizeibeamte. "Dann denkt man gar nicht daran müde zu werden." Er muss noch einige Stunden durchhalten. Bis sechs Uhr morgens wird sein Nachtdienst dauern.

So wie Rosenfeld geht es jedem zwölften erwerbstätigen Deutschen. Mehr als drei Millionen Erwerbstätige arbeiteten 2009 laut Statistischem Bundesamt nachts, also zwischen 23 und 6 Uhr. Weitere 2,4 Millionen Erwerbstätige verzichteten ganz oder zum Teil auf ihre Nachtruhe, um ihrem Job nachzugehen.

Polizeibeamte wie Rosenfeld sind dabei in der Minderzahl. Nur etwa sieben Prozent der Nachtarbeiter sind in der Öffentlichen Verwaltung tätig. Das Gros der Deutschen, die nachts arbeiten, ist im Verarbeitenden Gewerbe beschäftigt: Gut ein Drittel der Nachtarbeiter stellt Autos, Lebensmittel oder Kleidung her, während andere schlafen. Weitere 22 Prozent der deutschen Nachtarbeit gehen auf das Konto des Gesundheitswesens, 11 Prozent arbeiten im Verkehr.

In der Krise wurde an teuren Nachtschichten gespart

Besonders verbreitet sei Nachtarbeit beispielsweise bei Autoherstellern, sagt Thomas Bartscher, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Deggendorf. "Anbieter von Massenprodukten können auf Nachtarbeit nicht verzichten." Andernfalls seien sie im Vergleich zur Konkurrenz nicht produktiv und schnell genug. Während dort tagsüber vorwiegend komplexe Prozesse abliefen, müssten nachts vor allem standardisierte Prozesse überprüft und gesteuert werden.

Da vor allem diese Massenproduzenten von den Folgen der Wirtschaftskrise betroffen waren, erlebte die Nachtarbeit in Deutschland 2009 einen beispiellosen Einbruch. Nachdem der Anteil der Nachtarbeiter 2008 mit 9,1 Prozent den Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht hatte, ging er binnen eines Jahres auf 8,3 Prozent zurück. "Nachtarbeit ist verhältnismäßig teuer. In der Krise haben viele Massenproduzenten deshalb an den Nachtschichten gespart", erklärt Bartscher die Entwicklung. Zahlen für 2010 liegen noch nicht vor. Experten gehen aber davon aus, dass mit dem Wirtschaftsaufschwung auch die Zahl der Nachtarbeiter wieder leicht steigt.

Dass Arbeitnehmer für ihre Leistungen zu später Stunde besser entlohnt werden müssen, hat der Gesetzgeber im Arbeitszeitgesetz festgelegt. Demnach müssen Arbeitgeber "eine angemessene Zahl bezahlter freier Tage oder einen angemessenen Zuschlag auf das ihm hierfür zustehende Bruttoarbeitsentgelt" gewähren. Doch was "angemessen" bedeutet, ist Auslegungssache. So bekommen etwa Hamburger Polizeibeamte im Nachtdienst einen Zuschlag von 1,28 Euro pro Stunde, steuerfrei. In anderen Branchen wie dem Gast- oder dem Verarbeitenden Gewerbe können die Zuschläge bis zu 100 Prozent des Lohns betragen.

Zudem haben Nachtarbeiter einen Anspruch darauf, sich alle drei Jahre auf Kosten des Arbeitgebers medizinisch untersuchen zu lassen, nach dem 50. Lebensjahr sogar einmal jährlich. Der Grund: Schichtarbeit birgt erhebliche gesundheitliche Risiken. Das Internationale Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsbehörde WHO hat Nachtarbeit bereits 2007 als krebserregend eingestuft. Zu den weniger dramatischen, wenngleich weit verbreiteten Beschwerden zählen Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Erkrankungen.

König Kunde verlangt längere Öffnungszeiten

Wissenschaftler der Universitäten Kiel und Odense in Dänemark erklären die Beschwerden damit, dass sich Schichtarbeiter nicht nach ihrem natürlichen Wach-Schlaf-Rhythmus richten können und so ihre innere Uhr durcheinander kommt. Das könne einen direkten Einfluss auf unsere Erbanlagen und die darin enthaltenen Gene haben. Um die Veränderungen des menschlichen Körpers zu untersuchen, hat die Forschergruppe eine Studie mit Zwillingspaaren aus Dänemark gestartet, von denen jeweils ein Zwilling im Schichtsystem arbeitet. Die Studie läuft bis 2013.

Trotz der gesundheitlichen Auswirkungen wird Nachtarbeit immer selbstverständlicher - auch weil König Kunde danach verlangt. So haben etwa manche Supermärkte in Ballungsgebieten bis Mitternacht geöffnet. Die längeren Öffnungszeiten sind allerdings umstritten. "Seit 2005 ist die Umsatzentwicklung im Einzelhandel stabil - trotz erweiterter Öffnungszeiten", sagt Marco Steegmann von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Es gebe also keinen ökonomischen Anreiz, die Läden länger als bis 20 Uhr zu öffnen. "Das ist reiner Verdrängungswettbewerb", so Steegmann. Doch selbst die Gewerkschaft räumt ein, dass viele Arbeitnehmer die längeren Öffnungszeiten aufgrund des Lohnzuschlags oder aus zeitlichen Gründen zu schätzen wissen.

Zu ihnen gehört auch der Hamburger Polizist Rosenfeld. Er arbeitet seit über 30 Jahren im Schichtdienst - und möchte nichts anderes. "Als meine Kinder klein waren, hatte ich mehr von ihnen als andere Väter, die tagsüber arbeiten", sagt der 51-Jährige. Gesundheitliche Probleme oder Schlafstörungen habe er nicht. Aber natürlich gebe es Kollegen, denen der ständige Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst mehr zu schaffen mache.

Als über Funk Handgreiflichkeiten gemeldet werden, ruft einer der Kollegen: "Das könnte ich nach so einem Nachtdienst auch manchmal." Alle lachen. Er hat es wohl im Scherz gesagt.

Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Nachtschicht - Arbeiten, wenn andere schlafen":

Montag - Nachtschicht: Mit dem Pizza-Express durch Berlin
Dienstag - Lichtscheue Gestalten: Darum lieben wir Nachtarbeit
Mittwoch - Innere Uhr: Nachtarbeit macht krank
Donnerstag - Nachtarbeiter: Wer hat an der Uhr gedreht?
Freitag - Carpe noctem: Freunde der Nacht
Samstag - Grauenhaft gute Laune
Sonntag - Stress pur bis morgens um sieben

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. 2 Paar Schuhe
Gegengleich 11.04.2011
---Zitat--- ... Zudem haben Nachtarbeiter einen Anspruch darauf, sich alle drei Jahre auf Kosten des Arbeitgebers medizinisch untersuchen zu lassen, nach dem 50. Lebensjahr sogar einmal jährlich. Der Grund: Schichtarbeit birgt erhebliche gesundheitliche Risiken. ... http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,755977,00.html ---Zitatende--- Nacht-und Schichtarbeit werden hier in einen Topf geworfen und die Begriffe wild durchmischt, obwohl es sich hier um zwei grundverschiedene Dinge handelt.
2. Und dann gibt's da noch ...
Gerdd 11.04.2011
... die "Unersetzlichen", die Tag- und Nachtarbeit verrichten. Heute sind es wohl hauptsächlich die jüngeren Mediziner in den Krankenhäusern, die immer wieder in Dreißig-Stunden-Schichten verwickelt werden. Früher war das auch bei Computer-Experten weit verbreitet - in der damaligen Phase wurde mit viel Einsatz tags und nachts programmiert, was die Welt so sehr dringend brauchte. Das mag es heute auch noch geben, aber es ist sicher nicht mehr so weit verbreitet. Und wenn, dann kann man die Extra-Schichten wenigstens von zu Hause aus erledigen. Gesundheitsförderlich war das natürlich auch nicht gerade. Aber irgendwie haben wir's doch überlebt ...
3. Wechselschicht ist ungesund
AllesGrau 11.04.2011
Soweit ich mich erinnere sind weniger als 20% unserer Gesellschaft wirkliche Frühaufsteher, die nötigen aber den Rest der Bevölkerung dazu, sich einen Wecker zu kaufen. Wer nach seinem normalen Rhythmus arbeiten darf ist vermutlich glücklich und gesund, egal zu welcher Tageszeit er sein Glück findet. Das kann man von Personen mit Wechselschicht und unausgeschlafenen Morgenmuffeln vermutlich nicht behaupten. Ich kann zu den unmöglichsten Zeit arbeiten, aber für eine "Frühschicht" im Büro ( 06:00 - 15:00 Uhr) bedankt sich mein Magen gerne mit vormittäglichen Krampfattacken. Gleitzeit oder Mittagsschicht ist schon was schönes, wenn man den Wecker wegwerfen kann und auch im Winter erst aufsteht, wenn die Sonne schon scheint. Vermutlich die beste Prophylaxe gegen Depressionen.
4. Ja
liborum 11.04.2011
Zitat von GegengleichNacht-und Schichtarbeit werden hier in einen Topf geworfen und die Begriffe wild durchmischt, obwohl es sich hier um zwei grundverschiedene Dinge handelt.
Ihre Bemerkung ist korrekt. Aber häufig trifft Beides gleichzeitig zu. Und wenn es ganz "dick" kommt dann noch "Vollkonti"-Schichten.
5. Nacht- und Schichtarbeit
JaguarCat 11.04.2011
Ich stimme hier meinen Vorpostern zu, dass man Nacht- und Schichtarbeit keineswegs in denselben Topf werfen sollte! Wer jahrzehntelang im Dreischichtsystem (eine Woche Frühschicht, dann eine Woche Spätschicht, dann eine Woche Nachtschicht) arbeitet, belastet sich tatsächlich sehr stark, da seine innere Uhr nie zur Ruhe kommen kann. Anders bei Menschen, die dauerhaft Nachtschicht arbeiten. Diese finden viel eher wieder einen festen Rhythmus. Nur halten die Gewerkschaften, viel stärker als die Arbeitgeber, an der Gleichbehandlung aller Arbeitgeber fest. Daraus folgt dann das Dreischichtenprinzip: Jeder arbeitet, im steten wöchentlichen Wechsel, auf allen möglichen Arbeitszeitmodellen. Dadurch bekommt jeder mal die lukrative, aber im Dreischichtensystem auch sehr kräftezehrende, Nachtschicht. Hier sollten die Gewerkschaften wirklich über Flexibilisierung nachdenken, auch dahin, dass Arbeitnehmer, wenn sie wollen, eben mehr oder gar ausschließlich Nachtschichten arbeiten. Jag
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Viele Musiker sind selbst Nachteulen - und haben den Nachtarbeitern dieser Welt eigene Songs gewidmet. Hier die wichtigsten:

The Commodores - Nightshift
D.A.F. - Nacht Arbeit
Franz Ferdinand - Van Tango
Michael Jackson - Working Day and Night
Prince - Ballad of Dorothy Parker
Rufus Thomas - All Night Worker
Scissor Sisters - Night Work

Zu guter Letzt geht es aber auch darum, die Sau rauszulassen - nach der Nachtschicht:

The B-52's - Hot Pants Explosion



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