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Ausländer flüchten aus Neu-Delhi "Die schmutzige Luft vergiftet unsere Kinder"

Die Sonne ist nie zu sehen: Indiens Hauptstadt versinkt im Giftnebel Zur Großansicht
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Die Sonne ist nie zu sehen: Indiens Hauptstadt versinkt im Giftnebel

Selbst Schmerzensgeld kann ausländische Manager nicht in Neu-Delhi halten: Sie fliehen vor dem Smog. Die deutsche Botschaft zahlt ihren Mitarbeitern sogar Giftzulagen.

In diesen Tagen herrscht Alarmstimmung in einem Internetforum in Neu-Delhi. Eine ausländische Mutter schreibt besorgt, dass ihre Familie an akutem Vitamin-D-Mangel leide. Der Kinderarzt habe ihr erklärt, das sei normal. Selbst Straßenkinder, die im Freien lebten, hätten hier oft zu wenig von dem lebensnotwendigen Vitamin. Grund: Vitamin D wird mithilfe von Sonnenlicht gebildet. Doch die Sonne sieht man über Indiens Hauptstadt selten. Dicker Smog liegt wie eine Glocke über der 17-Millionen-Einwohner-Stadt.

Die Reaktionen anderer Eltern pendeln zwischen Resignation und Panik. Forumsnutzer tauschen Namen von Ärzten und Vitaminpräparaten aus, berichten von den Ängsten um die Gesundheit ihrer Kinder und vom Husten. Fast jeder hustet.

Eigentlich kann man in Delhi als Expat - also als kurzfristig in Indien stationierter ausländischer Arbeitnehmer - ein sehr bequemes Leben führen, mit Nannys, Köchin und Fahrer. Doch der Traum vom neokolonialen Wohlleben hat sich im Lauf des vergangenen Jahres in der toxischen Delhier Luft aufgelöst.

Im Winter vor zwei Jahren war die Luft über der Hauptstadt so dick, dass sich das Umweltproblem nicht länger leugnen ließ. Studien belegten, was längst vermutet wurde: Die Luft von Delhi macht krank.

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Der Smog ist in der kalten Jahreszeit besonders schlimm. Der vergangene Winter war in Sachen Luftqualität der schlimmste seit Menschengedenken. Immer mehr Ausländer und einige wohlhabende Inder ziehen nun die Konsequenzen: Als Umweltflüchtlinge verlassen sie die Stadt. Wer bleibt, rüstet mit Atemschutzmasken und teuren Feinstaubfiltern auf, lässt seine Kinder nicht aus dem Haus.

Europäische Diplomaten berichten, dass sich in den Heimatländern immer weniger Mitarbeiter für Delhi bewerben. Gleiches gilt für internationale Firmen. Ein deutscher Finanzdienstleister, ein amerikanischer Autokonzern und eine französische Textilfirma klagen über Probleme, Manager aus den Hauptquartieren nach Indien zu locken. "Wer Kinder hat, überlegt sich zweimal, ob er ihnen das Gift antun will", sagt ein Mitarbeiter einer deutschen Entwicklungshilfeorganisation.

Die Deutsche Botschaft in Neu-Delhi gilt auch wegen der Umweltprobleme als ein Posten der C-Klasse. Für den Entsendungsort mit speziellen Härten gibt es Zuschläge. Wer wegen drohender Gesundheitsschäden schon nach zwei statt nach drei Jahren wieder nach Berlin zurückgehen will, darf seine Zeit in Delhi verkürzen.

Die schlechte Luft ist ein Dauerthema

Vincent van Noord, ein Niederländer, der in Delhi die auf Ausländer spezialisierte Immobilienagentur Bricks betreibt, sagt, dass die Abwanderung von Freunden und Kunden aus der Stadt deutlich spürbar ist. "Wer nicht wegen der Arbeit in Delhi bleiben muss, zieht weg", sagt der 44-Jährige. "Auch bei uns zu Hause ist die schlechte Luft Dauerthema", sagt der Vater von zwei Kindern. "Würde es mein Beruf erlauben, würde ich Delhi auch gern verlassen."

Alex Lieury, 38, betreibt zusammen mit seiner Frau ein Boutique-Hotel in der indischen Hauptstadt. "Unsere Kinder wurden hier geboren, aber die Luft ist seitdem so viel schlechter geworden. Ich kann es nicht mehr verantworten, sie hier großzuziehen", sagt der Franzose. Künftig wird er die Geschäfte aus der Ferne lenken: Wie viele andere Ausländer ziehen die Lieurys nach Goa. Dort bieten eine französische und eine internationale Schule die nötige Infrastruktur. Eine indische Montessori-Schule nimmt die Kinder im Umweltexil auf.

In China führte die Abwanderung ausländischer Führungskräfte schließlich dazu, dass Peking härter gegen Umweltverschmutzer durchgriff.

In Delhi lässt das auf sich warten: Noch stellt die Regierung Narendra Modis den wirtschaftlichen Aufschwung über die Gesundheit der Bevölkerung.

"Wenn sie schwere Gesundheitsschäden für Millionen Menschen verhindern will, muss die Regierung umgehend handeln", sagt Barun Aggarwal, Direktor von BreathEasy. Sie hat jüngst die Deutsche Schule in Delhi mit Filtersystemen ausgestattet. Eine erste Maßnahme müsse die Einführung von besserem Brennstoff sein. In Europa gelte inzwischen die Abgasnorm Euro 6, die meisten Lastwagen in Delhi fahren aber noch mit Euro 3.

Große Hoffnungen auf Besserung macht sich Aggarwal jedoch nicht. "Selbst wenn sofort was passiert, werden wir erst in fünf, sechs Jahren eine echte Verbesserung spüren". So lange bliebe den Einwohnern von Delhi nur: "Wegziehen - oder husten."

  • Ulrike Putz (Jahrgang 1973) ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
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1.
lupidus 05.05.2015
der kunde möchte eben “billig”. das geht eben nur, wenn dort produziert, wo diese lästigen umweltschutzgesetze keine kosten verursachen und man sich nicht um seine abgase kümmern muss.
2. niedlich
intervolk 05.05.2015
“In China führte die Abwanderung ausländischer Führungskräfte schließlich dazu, dass Peking härter gegen Umweltverschmutzer durchgriff.” Dieses Statement ist ja niedliche und naiv. Ich wohne seit vielen Jahren in Peking und verfolge die Smog-related Politik hier mit grossem Interesse. Ausländische Führungskräfte sind mit Sicherheit kein Grund für die Chinesische Regierung Luftverbesserungsmassnahmen zu initiieren. Ich fürchte hier ueberschaetzen Sie die Hilfsbeduerftigkeit der Chinesen etwas. Ausländische Firmen sind in China nur geduldet - und zwar nur solange solange sie nützlich sind. Die Verbesserung der Luftqualität unterliegt hier anderen Einflussgrößen.
3. niedlich
intervolk 05.05.2015
“In China führte die Abwanderung ausländischer Führungskräfte schließlich dazu, dass Peking härter gegen Umweltverschmutzer durchgriff.” Dieses Statement ist ja niedliche und naiv. Ich wohne seit Jahren in Peking und verfolge die Smog-related Politik hier mit grossem Interesse. Ausländische Führungskräfte sind mit Sicherheit kein Grund für die Chinesische Regierung Luftverbesserungsmassnahmen zu initiieren. Ich fürchte hier ueberschaetzen sie die Hilfsbeduerftigkeit der Chinesen etwas. Ausländische Firmen sind in China nur geduldet - und zwar nur solange solange sie nützlich sind. Die Verbesserung der Luftqualität unterliegt hier anderen Einflussgrößen.
4. und? Wen juckt das schon?
hansmaus 05.05.2015
Die Industrie wurde und wird in Europa im großen Stil abgewickelt und in eben jene Länder wie Indien und China verlagert, wen juckt das das die leute dafür sterben das wir billigen Plastikmist einkaufen können? Richtig, ernsthaft interessiert das kein Mensch! Klar wird betroffen geklagt und gejammert das das alles ja soooo schrecklich ist aber beim nächsten Einkauf ist das alles wieder vergessen keine Sorge. Auch unsere Politiker die ja sooooo auf die Umwelt achten juckt es nicht die Bohne wie die Produkte im Ausland hergestellt werden....billig muss es sein.....deutsche Umweltstandards+ deutsche Arbeitnehmer? zu Teuer ab nach Indien/China/Vietnam/Osteuropa da ist die Welt noch in Ordnung. Billige Menschen und billige Umwelt. Achja das ganze wird sogar noch durch die "Entwicklungshilfe" gefördert TOP!
5. Lastwagen?
murray_bozinsky 05.05.2015
Ich war in Indien nicht in Delhi, sondern nur in einer "kleinen" Stadt mit ca. 300000 Einwohnern. Dort gab es keine dichte Dunstglocke, aber permanent beißenden Gestank. Den habe ich allerdings nicht dem Verkehr mit seinen rußenden Dieseln und Zweitaktern zugeschrieben, sondern eher der vorherrschenden Art der Müllentsorgung: Kleine Haufen des überall herumliegenden Unrats (zum Großteil Plastik) werden zusammengekehrt und dann angezündet. Vor allem abends sah man alle 10 Meter so ein Giftfeuerchen schwelen. Subjektiv hat diese Praxis zur schlechten Luft mehr beigetragen als der Straßenverkehr. Meiner Einschätzung nach würde sich mit einer organisierten Müllentsorgung in Indien sehr vieles zum Besseren wenden, nicht nur die Luft-, sondern auch die Wasserqualität könnte sich deutlich verbessern. Wie man das allerdings in einem Land mit 1 Mrd. Einwohnern "mal eben" umsetzt ist natürlich eine andere Frage...
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