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Redakteure mit Down-Syndrom "Da rein, da raus - und drin bleibt der Ohrenkuss"

Redakteure mit Down-Syndrom: "Ich bin da, weil ich schreiben kann" Fotos
DPA

In diesem Magazin sind Rechtschreibung und Grammatik egal: Die Artikel im "Ohrenkuss" werden von Autoren mit Down-Syndrom geschrieben. Sie finden erstaunlich berührende Worte - für Liebe, Glück oder Krieg.

"Afghanistan: Das Problem ist groß. Mörder ist. (...) Krieg: wäre besser, wenn Ende ist. Ich dagegen."

Bei der Zeitschrift "Ohrenkuss" dürfen Grammatik und Rechtschreibung krumm und schief sein. Das Magazin ist das einzige in Deutschland, das ausschließlich von Autoren mit Down-Syndrom gemacht wird. Alle Texte sind unverfälscht authentisch, werden von Helfern ohne Down-Syndrom bewusst nicht korrigiert. Auch der Titel ist der Einfall eines Autors: "Da rein, da raus - und was im Gehirn bleibt, das ist Ohrenkuss", sagte er - und alle waren begeistert.

Etwa 20 feste Redakteure arbeiten für das Magazin. Die Konferenzen finden alle zwei Wochen abends in Bonn statt, vielen nehmen eine lange Anreise in Kauf. In den 14 Tagen zwischen den Sitzungen wird recherchiert, getextet, man geht auch gemeinsam auf Exkursion. Die Autoren tippen, schreiben von Hand oder diktieren den Assistenzkräften ihre Zeilen. Weitere 40 Autoren liefern aus entfernteren Teilen Deutschlands oder auch aus dem Ausland zu, manche schicken besprochene Bänder.

"Mit normalen Menschen komme ich nicht richtig recht. Was die mir denn sagen, verstehe ich null - null wie keine Ahnung", sagt "Ohrenkuss"-Redakteurin Angela Fritzen. Erklärend fügt sie hinzu: "Die Menschen mit Down-Syndrom haben 47 Chromosomen, einer mehr als die anderen."

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"Ich kann alles verstehen, auch Menschen mit Down-Syndrom und erwachsene Leute. Die verstehen mich selbst auch, weil ich deutlich spreche und Deutsch", sagt Julian Göpel. Bei ihm und den anderen Redakteuren ist das Chromosom 21 dreimal vorhanden, was zu unterschiedlich schweren Behinderungen führt. "Die Mitmenschen, die 46 haben, finde ich persönlich viel cooler", sagt Johanna von Schönfeld in die Runde. Aber sie selbst sei auch cool. "Schreiben ist eben meine Stärken und sind meine Hobbys."

"Ohrenkuss" gibt es schon seit gut 15 Jahren, alle sechs Monate neu. Gerade ist die neueste Ausgabe geschafft, ein Hochglanzheft zum Thema Insel.

"Gefangen/alleine sein/ich schreibe Tagebuch/denke vor mich hin/Trauminsel."

"Ich Hausmeister Haus auf der Insel. Insel ist gut. Insel ist König, Chef, Kumpel, Mann. Königin ist Frau."

Die Biologin Katja de Braganca kam bei ihrem Forschungsprojekt an der Uni Bonn auf die Magazin-Idee. Die Wissenschaftlerin erhielt das Bundesverdienstkreuz, der "Ohrenkuss" viele Auszeichnungen, zum Beispiel den Jugendkulturpreis NRW, den Deutschen PR-Preis oder einen Förderpreis des Bundestags.

Jedes Heft hat ein spezielles Thema - Liebe, Mode, Luxus, Schönheit, Wunder, Reisen oder Sport.

"Mann zu sein ist nicht einfach. Denn sie wollen immer den Boss oder den Chef zeigen und über sinnlose Sachen zu diskutieren und müssen immer Recht haben aber das wollen sie ja nicht zugeben und geraden öfters außer Kontrolle über sich selber."

"Das Glück bedeutet für mich Hoffnung und Vertrauen. Ich war schon sehr glücklich von ganzem Herzen. Wenn ich lache, dann bin ich glücklich. Ich war sehr mit meiner Glücklichkeit zufrieden."

Die Arbeit für das Magazin macht Spaß, da sind sich alle Redakteure einig. "Ich bin da, weil ich schreiben kann", sagt Daniel Rauers. Sein Kollege Achim Priest sagt, er sei da, damit "meine ganzen Märchen und das, was sich sonst so schreibe, in die Presse kommt, damit das mal in Büchern gedruckt wird". Eine Arzt habe einmal seinen Eltern geraten, ihn in ein Heim zu geben und zu vergessen. Als er das sagt, fangen alle zu weinen an. Die Konzentration ist futsch.

"Das Down-Syndrom ist hart für mich", sagt Paul Spitzeck. De Braganca versucht zu beruhigen, macht Mut: "Man muss lernen, mit einem schwierigen Thema umzugehen. Auch das Reden darüber macht uns stark. Wir müssen aber auch wegpacken können." Noch vor wenigen Jahrzehnten sei der Irrtum weit verbreitet gewesen, Menschen mit Down-Syndrom könnten gar nicht schreiben und lesen, erinnert de Braganca. Was für ein Fortschritt also, dieser "Ohrenkuss". Das hilft den Autoren. Paul Spitzeck gibt dem Team tröstend mit auf den Weg: "Wir sind alle eins."

Yuriko Wahl-Immel/dpa/vet

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
rambazambah 21.04.2014
Ich bin wirklich geneigt, mir ein Exemplar zu besorgen. Die Einfachheit der Worte spiegelt oft eher die Emotionen wieder, als hochtragende Wortspielereien. Und den Kommentar von "freiheitstehauf" finde ich geschmacklos!
2. Respekt
jinngo73 21.04.2014
Rambahzambah hat meine Gedanken genau beschrieben. Die Artikel der Autoren mit Down-Syndrom vermitteln mir den Eindruck einer Leichtigkeit seine Gefühle auszudrücken. Traumhaft! Sieht aus, als ob andere ( mich eingeschlossen ) das noch lernen müssen.
3. Schöne Idee!
lachina 21.04.2014
dennoch würde ich ein Lektorat begrüßen. Rechtschreibfehler werden auch bei "normalen" Schreibern korrigiert; tatsächlich ist die Fehlerfreiheit der Schriftsprache keine Bedingung für einen Autor! Wenn Fehler nicht korrigiert werden, besteht die Gefahr, dass alles auf dem Niveau: "Ach, ist das süß!" verniedlicht wird und Außenstehende die Texte nicht lesen ( können). Gerade damit die Autoren ernst genommen werden, sollte man die groben Fehler korrigieren ( dabei aber unterscheiden; eigenwillige Grammatik beispielsweise kann durchaus zur Kunst gehören.)
4. Wer steht wo?
svizzero 21.04.2014
Behinderte geben mir immer wieder das Gefühl, dass sie die normalen Menschen auf diesem Planeten sind. Sie zeigen Gefühle, wissen sofort wenn es mir schlecht geht, sie leben ihre Träume und Träumen vom Leben. Sie bekunden klar ihren Unmut, wenn ihnen etwas nicht passt. Ihre Freude und Dankbarkeit sind echt und gehen ans Herz. Die andere Seite muss ich wohl nicht mehr beschreiben. Die kennen wir bestens.
5.
Caffelatte 21.04.2014
In einer Gesellschaft in der man sich mittlerweile rechtfertigen muss, ein behindertes Kind bewusst auf die Welt zu bringen ist es erfrischend zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die anerkennen, dass auch behinderte Menschen das Leben ihrer Mitmenschen bereichern können und nicht nur eine Geißel für unsere Sozialsysteme darstellen. Danke dafür.
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Bei Enterability kümmern sich derzeit vier Berater ständig um bis zu 45 Klienten in der Vor- und Nachgründungsphase. Seit Start des Projekts vor neuneinhalb Jahren kam es nach eigenen Angaben zu 236 Vollerwerbsgründungen, cirka 80 Prozent davon seien bis heute am Markt. Das Berliner Integrationsamt fördert die Initiative mit jährlich 330.000 Euro. Offenbar gut angelegtes Geld: Wie eine Studie ermittelte, wirft jeder in Enterability investierte Euro knapp vier Euro sozialen Gewinns ab. Seit 2011 existiert ein Ableger in Sachsen-Anhalt.

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