Mit einem knatternden Lastenaufzug kommt man am schnellsten an den Arbeitsplatz von Bernd Reinartz. "Es ist ein Vorteil, wenn man schwindelfrei ist", sagt der Orgelbauer. Weit oben, über dem Eingangsportal des Doms von Speyer, steht die silbrig glänzende Hauptorgel. Nach Jahren der Planung und Monaten des Baus ist sie fast einsatzbereit. Fast, denn die Feinabstimmung an dem zwölf Meter hohen Instrument ist noch nicht abgeschlossen.
Der Dom zu Speyer ist ein ganz besonderer Bau - anno 1061 geweiht, heute die größte erhaltene romanische Kirche der Welt und seit 30 Jahren auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Also braucht sie auch eine besondere Orgel. Rund 1,8 Millionen Euro kostet das neue Instrument und ist selbst für erfahrene Orgelbauer eine Herausforderung. Diese Spezialisten müssen vieles können: eine neue Orgel bis ins kleinste Detail konstruieren, sie an den Raum und Klang riesiger Kirchengebäude anpassen, Orgeln warten, pflegen und restaurieren.
Orgelbauer sind die Monteure der geistlichen Musik. Oftmals arbeiten sie monatelang in den Kirchen der Republik, weit entfernt vom eigentlichen Firmensitz. Zu beobachten ist das zurzeit am Dom in Speyer. Die Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt Seifert aus Kevelaer tüfteln seit Monaten am perfekten Klang der neuen Orgel. Dabei müssen sie jeden einzelnen Ton der etwa 5500 Orgelpfeifen abhören. Und ein wenig Zeitdruck gibt es auch: Der Termin zur Orgelweihe rückt immer näher.
Jede Pfeife wird per Hand eingestellt
Ursprünglich sollte die Orgel am 25. September geweiht werden, doch dann ist der Papst zu Besuch in Deutschland. Obwohl Benedikt XVI. gar nicht in den Dom zu Speyer kommt, wurde die Orgelweihe um eine Woche vorgezogen. Am 18. September also soll die etwa 30 Tonnen schwere Orgel perfekt und laut vernehmbar im Dom erklingen.
Deshalb arbeitet Bernd Reinartz, 32, mit seinen Kollegen zumeist bis spät in die Nacht. "Wir müssen immer wieder unterbrechen, beispielsweise wenn Besuchergruppen kommen oder während der Gottesdienste", erzählt er. Reinartz ist mit seinem Kollegen Klaus Fischer für die Intonation zuständig. Dabei geht es um das Klangbild der Orgel: Die Intonateure bringen den Stil der etwa 1,8 Millionen Euro teuren Orgel und die Akustik des Doms miteinander in Einklang.
Fischer, 59, sitzt dafür auf einer Bank im Kirchenschiff und schlägt die Töne der Orgel mit einer eigenen Tastatur über Fernsteuerung an. Dann gibt er seine Befehle nach oben, wo Bernd Reinartz - gebeugt über einem Pfeifenstock - die entsprechende Orgelpfeife manuell einstellt.
Beruf für Idealisten
Um die Labial- und Lingualpfeifen zu stimmen und zu intonieren, müsse es still sein, sagt Fischer: "Das können wir nicht machen, wenn Besucher zwischen den Kirchenbänken umherlaufen." Da könne schon das Trippeln einer Kirchenmaus die Konzentration stören.
Rund 170 Fachbetriebe gibt es nach Angaben des Bundes Deutscher Orgelbaumeister bundesweit. Dort arbeiten 2500 Mitarbeiter, darunter etwa ein Sechstel Lehrlinge. Während der Arbeiten schlafen Orgelbauer oft monatelang in Klöstern oder Priesterseminaren fremder Städte. "Für soziale Kontakte hat man wenig Zeit", sagt Reinartz - der Beruf erfordere einen gewissen Idealismus.
Der muss in früheren Zeiten noch ausgeprägter gewesen sein. Denn bis vor einigen Jahren legten Orgelbauunternehmen und Kirchen großen Wert darauf, dass die Mitarbeiter konfessionell auf der richtigen Seite standen. "Katholische Orgelbauer haben katholische Kirchen beliefert, und Protestanten waren in evangelischen Kirchen zugange", so Reinartz.
Domkantor Christoph Keggenhoff ist begeistert von der neuen Orgel, die künftig den Speyerer Dom etwa mit Bachkantaten erfüllen soll. Der amtliche Orgelsachverständige war vor einigen Jahren daran beteiligt, die passende Firma für den Bau der Orgel auszusuchen. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Orgel sich gut im Dom entfalten wird", sagt er. Schon eine kleinere Orgel, die von der Firma Seifert im vorderen Bereich des Doms installiert wurde, habe Speyer musikalisch "in ein neues Zeitalter geführt".
Stephen Wolf, dapd/jol
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