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Ostfriesischer Pilot "Ich bringe die Kultur auf die Inseln"

Ostfriesischer Pilot: Die Filme kommen mit dem Lufttaxi Fotos
dapd

In diesem Job kann es nur einen geben: Jan-Lüppen Brunzema hat die Hollywood-Stars an Bord seiner Cessna. Er fliegt Kinofilme vom Festland auf die ostfriesischen Inseln, und das schon seit 30 Jahren. Vielleicht ist es seine letzte Saison. Denn Digitaltechnik ersetzt die riesigen Filmrollen.

Julia Roberts ist schon mit ihm geflogen. Angelina Jolie und Brad Pitt auch. Die Hollywoodstars sind regelmäßige Gäste an Bord der Cessna 172 von Jan-Lüppen Brunzema - allerdings nur auf Zelluloid. Der Ostfriese fliegt seit gut 30 Jahren exklusiv Kinofilme vom Festland im niedersächsischen Harlesiel auf die Inseln im Wattenmeer. "Ich habe die Kultur auf die Inseln gebracht", sagt der Pilot und Geschäftsführer der Fluggesellschaft Luftverkehr Friesland Harle.

Diese Saison könnte die letzte sein. Die Digitaltechnik macht auch vor den Inselkinos nicht Halt. Doch noch fliegt Brunzema, 59. An diesem Tag liegt zuerst Juist auf seiner Route. "Für die rund 60 Kilometer brauche ich etwa 20 Minuten", sagt er. "Wenn ich Glück habe, erreiche ich dort noch die Kutsche." Wenig später ist die einmotorige Cessna 700 Meter hoch. Unter ihr reihen sich Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum und Norderney mit ihren Häusern, Dünen und Sandstränden aneinander.

Die Kinoflüge sind Chefsache, seit Brunzema 1980 damit begonnen hat. "Damals hat mich Freymuth Schultz von den Vereinigten Lichtspielen in Borkum gefragt, ob ich das ein Leben lang machen will, und ich habe Ja gesagt", erzählt der Pilot. Unzählige romantische Komödien, Actionthriller und Märchenfilme hat er seitdem dreimal in der Woche zum Vergnügen insbesondere der Urlauber ausgeliefert - "bis zu zehn Kopien pro Insel, denn Langeoog und Wyk auf Föhr haben beispielsweise zwei Kinosäle". Durch den Austausch der Filme untereinander können die kleinen Inselkinos ein Programm wie in der Großstadt bieten.

Ohne Brunzema und seine Cessna wäre das in der Vergangenheit gar nicht möglich gewesen. Denn das Lufttaxi ist schneller und flexibler als die teilweise tideabhängigen Schiffe. "Kritisch wird es nur bei Eisregen und Nebel", sagt Brunzema. Da muss ein Film schon mal ausfallen. An größere Pannen kann er sich in all den Jahren nicht erinnern. "Ich bin allerdings schon mal auf Borkum gelandet, als die Zuschauer bereits im Saal saßen."

Festplatten ersetzen Filmrollen

Einmal geriet er unter Verdacht: "Um 1985 bin ich regelmäßig auf dem Flugplatz Bordelum bei Bredstedt im nördlichen Schleswig-Holstein gelandet. Ein Bauer, der nebenan sein Feld bestellte, beobachtete jeden Montag und Freitag das Umladen der Fracht und vermutete einen Grenzschmuggel nach Dänemark. Eines Tages erwartete uns dort der Zoll."

Insgesamt 14.500 Flugstunden war der Pilot bislang in Sachen Kino in der Luft. Dabei sei er selbst kein typischer Kinogänger - wenn er sich überhaupt einen Film anschaue, dann am liebsten Dokumentationen über die Inseln und die Nordsee. "Sie ist gleichzeitig schön und rau", sagt Brunzema. Deshalb sei auch noch nach 30 Jahren jeder Flug anders. "Mal habe ich klare Sicht, mal sehe ich Schiffe, mal beobachte ich die Seehunde auf den Sandbänken." Nebenbei hat er in diesem Sommer schon 29 verlassene Kegelrobbenjunge und Heuler aufs Festland gebracht.

Bald dürfte Brunzema mehr Zeit an seinem Schreibtisch verbringen, als ihm lieb ist. Seit die Inselkinos vor kurzem auf digitale Technik umgerüstet haben, ersetzen Festplatten die 35-Millimeter-Rolle. Mehr noch: "Die großen internationalen Filmgesellschaften werden in nächster Zeit die Ausstrahlung ihrer Filme über Satellit direkt ins Kino vornehmen", sagt Vereinigte-Lichtspiele-Chef Freymuth Schultz.

Pünktlich erreicht die Cessna 172 Juist. Der Pilot hievt seine Fracht aus dem Flugzeug und rollt sie auf einem Handwagen zu der Linien-Kutsche. Die wartet knapp 180 Meter abseits des kleinen Flugplatzes, damit der Motorenlärm die Pferde nicht scheu macht, denn Juist ist eine autofreie Insel. Der Filmvorführer ist gekommen, um die 35 Kilogramm schwere Filmrolle mit einer Detektivgeschichte, die noch nicht umkopiert wurde, und die Festplatte "Werner - Eiskalt" in Empfang zu nehmen. Kurz darauf startet Brunzema mit Kurs auf Borkum.

Manuela Ellmers, dapd/jol

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