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Homosexualität im Job Bei diesen Firmen dürfen Sie sich outen

Im Büro seinen Freund küssen? In Firmen mit LGBTI-Siegel kein Problem Zur Großansicht
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Im Büro seinen Freund küssen? In Firmen mit LGBTI-Siegel kein Problem

Sag ich's oder sag ich's nicht? Übers Outing im Job sollte niemand grübeln müssen, meint Stuart Cameron. Der Initiator der schwul-lesbischen Karrieremesse "Sticks & Stones" vergibt jetzt ein Siegel an Unternehmen, bei denen sich Angestellte nicht verstellen müssen.

Rückblickend kann man es kaum glauben: Bis in die neunziger Jahre war Homosexualität in Deutschland noch teilweise verboten. Erst am 11. Juni 1994, also heute genau vor 20 Jahren, hob die damalige Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl den Paragrafen 175 des deutschen Strafgesetzbuches auf. Dort stand:

Ein Mann über achtzehn Jahre, der sexuelle Handlungen an einem Mann unter achtzehn Jahren vornimmt oder von einem Mann unter achtzehn Jahren an sich vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das Gericht kann von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn 1. der Täter zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war oder 2. bei Berücksichtigung des Verhaltens desjenigen, gegen den sich die Tat richtet, das Unrecht der Tat gering ist.

Seither hat sich die Wahrnehmung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen in Deutschland rasant verändert: Zahlreiche Geschäftsführer, Konzernchefs und Spitzenpolitiker bekennen sich heute offen und stolz zu ihrer Homosexualität.

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Jobmesse für Homosexuelle: Kannst ruhig fragen, ob ich schwul bin
Doch abseits des Rampenlichts fühlen sich viele schwule und lesbische Arbeitnehmer im Berufsleben noch immer nicht akzeptiert. Sie fürchten, dass andere Mitarbeiter sie wegen ihrer sexuellen Orientierung meiden oder ihnen berufliche Aufstiegschancen verwehrt bleiben. Also verheimlichen sie ihre Sexualität, oft jahrelang.

Stolz sein auf die Vielfalt in der Firma

Die Betreiber der Karrieremesse "Sticks & Stones" wollen das ändern. In Zusammenarbeit mit dem Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte, stellten die Initiatoren am Mittwoch in Berlin das "Pride 175"-Siegel vor. Die Auszeichnung soll an Unternehmen verliehen werden, die Schwulen, Lesben und Transsexuellen die Möglichkeit geben, sich im Job frei zu entfalten, ohne ihre Sexualität verstecken zu müssen. "Die Energie, die schwule und lesbische Arbeitnehmer darauf verwenden, sich zu verstecken, können Sie in Zukunft in ihre Arbeit stecken, wenn sie sich dort wohlfühlen", sagt Stuart Cameron, der das Projekt koordiniert.

Unternehmen, die sich um das Siegel bewerben, müssen in einer Absichtserklärung darlegen, dass sie öffentlich zu ihren schwulen und lesbischen Mitarbeitern stehen und sie vor Mobbing am Arbeitsplatz schützen. Im Text der Erklärung taucht immer wieder die Abkürzung
LGBTI auf. Die steht für "Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersexual" und schließt alle Formen der gleichgeschlechtlichen Sexualität mit ein.

"Es reicht uns nicht, dass Arbeitgeber Homosexualität in ihren Unternehmen akzeptieren", erklärt Cameron. "Wir wollen, dass sie stolz auf die Vielfalt ihrer Angestellten sind und das auch offen zeigen." Er erwartet, dass sich bis Ende nächsten Jahres rund tausend Unternehmen für das Siegel bewerben.

"Wir suchen nach Leuten, die frei sind im Kopf"

Der Software-Hersteller IBM hat seine Bewerbung schon angekündigt. "Im Kampf um die besten Talente auf dem Arbeitsmarkt wollen wir uns als offener und moderner Arbeitgeber präsentieren", sagt Uta Menges, Verantwortliche für LGBTI-Vielfalt bei IBM im deutschsprachigen Raum. Auch Kevin Sternkopf, Geschäftsführer der Münchner IT-Beraterfirma Fullhouse, will sein Unternehmen zertifizieren lassen. "Wir suchen nach Leuten, die anders denken und frei sind im Kopf", sagt er. "Diese Arbeitnehmer erreiche ich hoffentlich, indem ich zeige, dass unser Betrieb keinen Wert auf die sexuelle Orientierung der Angestellten legt."

Auch für heterosexuelle Mitarbeiter wirke ein Unternehmen modern und ansprechend, wenn es sich für die Bedürfnisse seiner LGBTI-Mitarbeiter einsetze, bestätigt Dominic Frohn, Diplom-Psychologe aus Köln. Er beschäftigt sich beruflich mit dem Umgang mit sexueller Vielfalt im Arbeitsmarkt und hält das Siegel für eine gute Idee: "Ein Arbeitsumfeld mit geringer Offenheit für LGBTI-Mitarbeiter wirkt sich deutlich negativ aus und kann sogar zu psychosomatischen Beeinträchtigungen führen."

Begegne der Arbeitgeber seinen Angestellten mit Offenheit und Akzeptanz, fördere das die Verbundenheit mit dem Unternehmen und die Leistung der betroffenen Angestellten, so Frohn. "Trotzdem braucht ein solcher Kulturwandel Zeit, rasante Veränderungen wird es nicht geben."

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Offensichtlich Notwendig
Nicht Lustig 11.06.2014
Beim lesen des Artikels wunderte ich mich, ob Deutschland mittlerweile nicht schon weiter ist und eine derartige Zertifizierung ueberfluessig ist. Allerdings hat mich schon gleich der erste Beitrag im Forum (irronischerweise von einem “Doktor”) des Besseren belehrt.
2.
kebabpunk 11.06.2014
So Herr Dr Dax, der Grund warum Sie ihre sexuell-analen Leidenschaften im Büro nicht herumposaunieren und sie nicht liebkosend Händchen haltend mit ihrer Frau durch die Firma laufen, ist da sie zumindest eine Ahnung haben werden des professionellen Auftretens im Geschäftsleben. Das ist bei (zumindest den meisten) von uns Schwulen und Lesben genauso. Dazu gehört daß wir, genauso wie Sie, nicht unsere(n) Ehemann/Frau, Freund/in geheim halten wollen bei der nächsten Betriebsfeier. Sie vergessen zudem das Generationen von Frauen die, aus welchen Gründen auch immer, leider auch nicht 'natürlich' Kinder zeugen können - soll man jene auch 'ausrotten'?! Darum geht's hier: um (hoffentlich baldige) selbstverständliche Gleichwertigkeit innerhalb des Menschenspektrums. Und es geht um Menschenrechte. Genau Herr Dr Dax, 'solche' sind Menschen. Offensichtlich mit Liebespreferenzen anders als der Ihrigen, aber trotzdem sehr verbreitet - und natürlich: empfundene Liebe im beiderseitigen Einverständnis zwischen Erwachsenen Menschen ist immer natürlich. Und wenn's sich mit einem Bussi auch im Büro, Händchen haltend durch die Firma laufend ausdrückt, dann soll es so sein verdammt. Wenn sie sich daran heute noch stoßen, dann haben wir hier wirklich ein erbärmliches (und veraltetes) Armutszeugnis hinsichtlich Bildung und Menschlichkeit. Nun gut: ein Gütesiegel 'wir-sind-sexuell-offen!' finde ich zwar nett gemeint aber trotzdem traurig: daß es 2014 überhaupt noch notwendig ist. Jedoch hat Herr Dr. Dax perfekt mit seinem Kommentar angegeben das es so ist und warum. Haldun, London
3. herzlichen ...
herrwestphal 11.06.2014
... Glückwunsch, SpOn! Für die geschickte Bildwahl. Damit habt ihr es ja gschafft die am meisten homophoben unter den SpOn Foristen hervorzuholen. Zum Bild; Ob Heterosexuelle oder Homosexelle, Sie würden sich sicherlich nicht in der Geschäftswelt so intensiv küssen, aber das Bild suggeriert, Homosexuelle machen es von nun an ungehemmt. Echt geschickt!
4. Gute Idee
mistermister 11.06.2014
Ich finde diese Idee sehr gut, denn es geht vor allem darum, dass man sich am Arbeitsplatz nicht verstellen muss. Natürlich ist klar, dass man Privates und Berufliches trennt. Aber ich habe schon so OFT erlebt, dass ich von Kollegen aber auch Vorgesetzten gefragt wurde, ob man verheiratet ist. Und genau dann ist der Punkt an dem man sich dann zum Beispiel getraut zu sagen: Ich habe einen Partner - und eben nicht sagt: Ich bin Single...
5. @5. h.buhr
billigerAssistent 11.06.2014
"Ich erztähle auch nicht den 2500 Leuten in meiner Firma das ich verheiratet bin und Kinder habe." Nun, zumindest die Personalabteilung dürfte Bescheid wissen und wenn Sie einmal Kinderkranktage genommen haben auch Ihr Chef - und das, ohne dass Sie befürchten müssen, dass es zu Gerüchten über Sie kommt. Am Montag kommt es sicher auch ab und an vor, dass Sie im Gespräch Ihre Wochenendaktivitäten mit der Familie erwähnen oder dass Sie nach Ihrem Urlaub gefragt werden, wo Sie nach dem Urlaub gefragt werden (oder sogar Bilder zeigen? - ohne, dass Sie Personen ausblenden oder sogar lügen müssen, um zu vermeiden, dass man hinter vorgehaltener Hand über Sie spricht oder Ihr Karriereende naht, weil man "SO einen" nicht doch besser nicht befördert. Über das Bild auf dem Schreibtisch, die Betriebsfeier oder das Betriebsjubiläum mit Ehefrau, das Geschäftsessen mit Ehefrau etc. will ich hier gar nicht reden. Bedeutet das alles, dass Sie herumlaufen, dass Sie "jedem Ihre Orientierung erzählen" oder heißt das, dass Sie einfach ganz normal am Arbeitsalltag teilnehmen? Und wenn Ihre Antwort ist, "am Arbeitsalltag teilnehmen" (es sei denn Sie arbeiten in einem Unternehmen, in dem keinerlei persönliche Kontakte zwischen Kollegen stattfinden), dann frage ich Sie: weshalb sollte das bei lesbischen und schwulen KollegInnen etwas anders bedeuten?
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