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Rettung des "Beamtenbaggers" Nostalgie siegt, der Paternoster bleibt

Aufzug-Aufstand: Lang lebe der Paternoster Fotos
DPA

Reinspringen, hochrumpeln, rausspringen: Jetzt dürfen Bürger auch ohne Fahrstuhl-Führerschein wieder Paternoster fahren. Nach heftigen Protesten hat das Bundeskabinett seine Verordnung aufgehoben.

"Beamtenbagger" nennen böse Zungen die vertäfelten Umlaufkabinen, die an Seilen aufgefädelt werden und oft in alten Behördenbauten zu finden sind. Unter Kettengerassel rumpeln die Kabinen gemächlich von Etage zu Etage - und erreichen dabei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 0,45 Metern pro Sekunde. Etwa 250 Paternoster soll es in der Republik noch geben, deutschlandweit der erste fuhr 1885 in Hamburg.

Doch nach einer Verordnung aus dem Bundesarbeitsministerium stehen seit dem 1. Juni die meisten der historischen Gefährte still. Bis heute. Die gute Nachricht: Jetzt dürfen sie wieder ihre Runden drehen. Wenn die Betreiber sich verpflichten, "durch zusätzliche Maßnahmen Gefährdungen bei der Benutzung zu vermeiden", wie das Bundeskabinett am Mittwoch beschloss. Und sofern der Bundesrat in seiner nächsten Sitzung am 10. Juli zustimmt.

Sind Paternoster wirklich zu alt, zu gefährlich? Ja, befand das Arbeitsministerium von Andrea Nahles (SPD). Zum Anfang des Monats hatte es per Bundesverordnung die öffentliche Nutzung von "Personenumlaufaufzügen" mit offenen Kabinen untersagt. Das Paternosterverbot versteckte sich in einer Betriebssicherheitsverordnung mit 58 Seiten: Der Arbeitgeber habe dafür zu sorgen, dass die Aufzüge "nur von durch ihn (den Arbeitgeber) eingewiesenen Beschäftigten verwendet werden".

Hier noch jemand ohne Fahrstuhl-Führerschein?

Schluss also mit der Mitfahrgelegenheit für alle. Und selbst routinierte Beschäftigte, die seit vielen Jahren Tag für Tag die vertäfelten Waben nutzen, sollten plötzlich eine Art Führerscheinprüfung ablegen. Als Vorsichtsmaßnahme: damit wirklich jeder, der reingeht, auch wieder rauskommt. Heil und vollständig.

Schon 1972 gab es einen Anlauf zum Paternosterverbot - vergebens. Und der jetzige Entwurf für die einschlägige Verordnung stammt aus dem Jahr 2013, als die Arbeitsministerin noch Ursula von der Leyen hieß. Nun sollte der Plan umgesetzt werden. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Die Beamten hatten die sentimentale Ader in der Bevölkerung unterschätzt.

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Aufzugtypen: Diesen Kollegen begegnen Sie im Fahrstuhl
Überall gingen plötzlich Bürger auf die Barrikaden, wetterten gegen die "Nonsens-Verordnung" und den "Bürokratiewahn" - ein ähnlicher Furor wie Anfang des Jahres bei der neuen Arbeitsstättenverordnung. Damit wollte das Arbeitsministerium auch für Heimarbeit verbindliche Standards festlegen und stieß auf heftigen Widerstand, der allerdings wie von Arbeitgeberverbänden orchestriert wirkte ("Wahnsinn aus Absurdistan!").

Bei der kleinen Paternoster-Rebellion verbündeten sich spornstreichs Nostalgiker aus München mit Romantikern aus Stuttgart oder Hamburg. "Das ist doch nah am Wahnsinn!", wetterte Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) gegen Genossin Nahles. "Null Verständnis" zeigte auch Stuttgarts grüner Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle.

In Wuppertal sammelten sentimentale Fahrstuhlfreunde Unterschriften für den Traditionsaufzug. In Kiel waren Abgeordnete aller Parteien einig. Einstimmig beschlossen sie bereits am Freitag: Schluss mit der Paternoster-Posse. Seitdem rattern die offenen Kabinen im Landtag wieder von Etage zu Etage - sogar mit dem Segen aus Berlin.

"Der Paternoster ist ein Kulturgut"

Dort milderte das Bundeskabinett jetzt die Paternoster-Regelung ab: Betreiber dürfen den Zwangsstopp aufheben, wenn Schilder auf mögliche Gefahren hinweisen. Und auch künftig dürfen in den historischen Kabinen keine Lasten transportiert werden.

Risiken lauern ja überall, wo sich jemand bewegt. Wie groß sie beim Paternoster sind, ist strittig: Sicher nicht größer als bei Fahrstühlen oder Rolltreppen, sagen die Freunde des offenen Aufzugs. Aktenkundig sind indes einige Fälle, bei denen sich Benutzer einklemmten; Knochenbrüche sollen bisweilen vorkommen. Weil er sich in Panik an der Fußbodenkante festhielt, wurde ein Junge in Oberhausen vor Jahren in den Schacht gedrückt. Benutzer sollen auch immer wieder versuchen, Teewagen oder andere Lasten in einem Paternoster zu transportieren - was in den seltensten Fällen gut geht.

Was sollen Betreiber nun tun? Zum Beispiel Piktogramme über die richtige Nutzung anbringen, ähnlich wie bei einer Rolltreppe im Kaufhaus. Auch Ampeln wurden von den Ministeriumsfachleuten dem Vernehmen nach diskutiert: Wenn die Kabine sich entfernt, könnte ein warnendes Rot leuchten. Ebenso ist von Lichtschranken ist die Rede.

Klar ist: Betreiber haften, wenn etwas passiert - und wenn sie keine Vorkehrungen ergriffen haben, kann ihnen künftig wohl auch eine Ordnungswidrigkeit vorgehalten werden. Dass der Bundesrat der Neuregelung zustimmt, gilt als sicher.

Mit einer Wiedereröffnungsparty will Stuttgart die Rettung des Paternosters feiern. Verwaltungsbürgermeister Wölfle kündigte am Mittwoch eine Feier an, sobald die drei historischen Aufzüge im Rathaus wieder fahren dürfen. "Der Paternoster ist ein Kulturgut", sagte auch NRW-Minister Schneider zufrieden, "ich bin sehr froh, dass Bundesministerin Nahles durch schnelles Handeln die Angelegenheit aus der Welt geschafft hat." Und in Wuppertal will Oberbürgermeister Peter Jung schon am Donnerstag den Paternoster im Rathaus Barmen persönlich wieder in Betrieb nehmen.

dpa/sid/jol

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Vater unser ..:) ..
"Armenhaus" 24.06.2015
Wow -welch wichtiges Sommerlochthema, der Paternoster bschädigt also doch keine Beamte -ist okay.- Und wer ist jetzt dieses Nahles ( Nahles, Andrea) ?? ..-
2. Bitte um Hilfe
holdost 24.06.2015
Seit meiner Kindheit benutze ich Paternoster. Ich habe gar nicht gewusst, was alles passieren kann. Ich bitte dringend um Unterstützung der Regierung anlässlich meines nächsten Autokaufs. Verkäufer sollten verpflichtet werden, die Unfallstatistiken der letzten 60 Jahre auszuhändigen. Und wenn ich für meine Frau das Mittagessen koche? Darf ich das ohne Kenntnisnahme all der Gefahren, die mit der Nahrungsaufnahme verbunden sind? Sie könnte sich verschlucken! Ein bekanntes Phänomen. Sie könnte sich verbrennen! Merken die Regierenden nicht, wie lächerlich sie sich machen?!
3. Natürlich gefährlicher
dirkozoid 24.06.2015
Paternoster sind natürlich gefährlicher als normale Aufzüge und zudem nicht behindertengerecht. Sich aus nostalgischen Gründen an nicht zeitgemäße Technik zu klammern, zeugt einfach nur von großer Dummheit!
4. Pater Noster
melmag 24.06.2015
Bedeutet "Vater unser". Was besseres kann man angesichts der Nahles nicht empfehlen. Nackter Wahn...
5. Jetzt wäre
oldhenry49 24.06.2015
es noch schön,wenn man Politikern die Kosten solchen Unsinns aufbürden könnte. Demnächst wäre dann auch Herr Dobrindt fällig,wenn die EU die deutsche Maut abschmettert.
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