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Unternehmensvideos Hauptsache, dem Chef gefällt's

Unternehmensvideo-Persiflage: Ilja Richter als hyperaktiver Chef Zur Großansicht

Unternehmensvideo-Persiflage: Ilja Richter als hyperaktiver Chef

Harmlos, aber peinlich: Gerade haben sich ein paar Bank-Azubis mit einem Werbevideo für ihren Arbeitgeber blamiert. Warum geht beim Genre Unternehmensvideo so leicht etwas schief? Ein paar Filme - vorbildliche wie schreckliche - illustrieren das Problem.

Am Ende half nur die Notbremse. Die Frankfurt School of Finance and Management löschte das Video von ihren Servern, auch bei YouTube war es zeitweilig schwer zu finden. Die Zahl der Klicks war dort zuletzt rasant angestiegen - und die Zahl der hämischen Kommentare. Eins der freundlicheren Zitate: "Nur Chuck Norris hat das bis zum Ende gesehen."

Was eine Handvoll Azubis der Bank Sparda Südwest da unter dem Titel "Sparda Movie Stars" produziert hatte, taugte eher zum Fremdschämen denn als Werbung: In einer selbst gedichteten Rap-Nummer singen sie über das "Bankenwunderland", in dem sie arbeiten dürfen. Sie treten als Glücksfeen auf, die ihrer Kundschaft jeden Wunsch erfüllen, sie tanzen mit dem Bausparfuchs, und sie reimen: "Wir helfen wichtige Vordrucke zu finden, damit die Zukunftsängste verschwinden." Ja, genau so rhythmisch ist das.

Bald wurde das Filmchen im Internet weiterempfohlen: als delikate Peinlichkeit, die das Potential hat, jenes Recruiting-Video, mit dem BMW im vergangenen Jahr zu zweifelhaftem Ruhm kam, noch zu unterbieten. Das "Handelsblatt" sprach von einem "PR-Gau", was übertrieben ist. Aber schließlich wurde das Video zurückgezogen, auch die auftretenden Azubis waren nicht zu sprechen. Man wollte die jungen Leute vor dem befürchteten Shitstorm schützen.

Wie kommt das Video da draußen an?

Inzwischen findet sich der Film wieder auf YouTube, allerdings nicht von der Bank selbst dort platziert. Sparda-Sprecher Andreas Manthe sagt: "Wir stehen zu dem Video." Profi-Rapper wollten die Azubis schließlich nie sein, es sei um ein persönliches, augenzwinkerndes Berufsbild gegangen. Alle anderen Einwände seien Geschmackssache. Die Frankfurt School habe den Film nur deshalb entfernt, weil viele Zuschauer in ihren Kommentaren so furchtbar entgleist seien.

Auf ein bisschen Distanz legt er dann aber doch Wert. So betont Manthe, dass es sich bei den "Sparda Movie Stars" nicht um einen offiziellen Streifen seiner Bank handele. Formell ist das richtig, denn die Azubis hatten an einem Wettbewerb teilgenommen, in dem die Frankfurt School "persönliche Sichtweisen auf den Beruf des Bankkaufmanns erhalten" wollte. Bei der Umsetzung half aber die Pressestelle des Geldhauses, buchte ein Tonstudio und ein Filmteam. Offenbar war keinem der Beteiligten klar, wie das Video außerhalb der Bank wohl ankommen könnte.

Deshalb liegt auch hier die Frage nahe: Warum geht so leicht etwas schief, wenn Unternehmen in Internetfilmen dargestellt werden?

Der Spagat ist schwierig: Einerseits sollen echte Mitarbeiter in ihrem natürlichen Arbeitsbiotop gezeigt werden, um für offene Stellen zu werben. Schwäbelnde Schnauzbartträger, die erkennbar noch nie vor einer Kamera gestanden haben, sind aber eben leichte Beute für Kommentatoren in Ätzlaune. Andererseits soll das Ganze so originell sein, dass auch bei Zuschauern Interesse erwacht, die von dem Unternehmen noch nie etwas gehört haben.

Viele Jobs sehen einfach öde aus

Zusätzlich erschwerend: Die Filme sollen das Image der Firmen polieren. Das ist angesichts der Wirklichkeit in manchen Betrieben ohnehin heikel. Und selbst in tadellos geführten Unternehmen sieht die Arbeit, durch ein Kameraobjektiv betrachtet, oft einfach öde aus.

In diesem Spannungsfeld können die Videomacher leicht den falschen Ton treffen. Wer von ihnen einen zündenden Einfall hat, muss über eine schwierige Hürde: Am Ende entscheidet der Chef, und dessen Sehgewohnheiten haben mit denen typischer YouTube-Gucker wenig gemein.

In den meisten Fällen führt das alles dazu, dass die Filme ein bisschen langweilig sind, aber eben auch nicht schlimm. Dafür ist das Video von Haltec ein Beispiel, siehe unten. Gut, vieles wirkt arg gestelzt ("Du, ich hab da noch einen guten Tipp für dich"), aber die Firma schildert ihre Vorteile, ohne total albern zu erscheinen.

Noch lustig oder schon pappnasig?

Die Grenzen sind fließend. Ist es noch originell, wenn ein SAP-Mitarbeiter die Vorzüge seiner Software für einen Eis-Lieferanten preist und anschließend in ein Magnum beißt? Oder ist das schon pappnasig?

Viel hängt an der Machart. Henkel zum Beispiel hat Interviews mit Mitarbeitern online gestellt. Die Idee ist recht sympathisch: Sagt uns um sechs Uhr morgens, noch auf der Bettkante, was euch an eurem Job gefällt. Nur die Umsetzung ist unglaubwürdig: Die Leute sehen aus wie Figuren aus der Shampoo-Reklame, nicht wie Menschen, die der Wecker eben aus den Träumen gerissen hat. Und dass sie auch bei Aussagen vor sich hingrinsen, die gar nicht amüsant sind ("Nachhaltigkeit ist für uns ein wichtiges Thema"), macht die Sache nicht besser.

Manches filmische Desaster hätte sich verhindern lassen, wenn den Film vorher Leute gesehen hätten, die weder zum Unternehmen gehören noch am Auftrag Geld verdienen. Da geht es Henkel mit seinen perfekt ausgeleuchteten Sets nicht besser als den Sparda-Azubis: Die Zusammenarbeit mit Profis schützt nicht vor Peinlichkeiten.

Doch hinein ins Vergnügen. Es folgt eine Auswahl von Videos: schreckliche, schrecklich gute und - Trommelwirbel! - sogar ganz normale. Viele Hinweise gehen auf Vorschläge unserer Leser zurück. Henkel ist in unserer Übersicht aber nicht dabei, die entsprechenden Filme finden sich hier.

  • Roche: Wir stellen vor - der neue Chef

Das Video ist furchtbar dröge, aber immerhin kurz. Da Roche in diesem Fall auch keine Teenager mit Aufmerksamkeitsdefizit zur Zielgruppe hat, dürfte der Streifen seinen Zweck erfüllen.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • LR: Ich wollte den Job zum Auto

"Ich habe mich immer gefragt: Was muss ich für einen Job machen, um so ein Auto zu bekommen?", sagt eine Mitarbeiterin des Strukturvertriebs LR. Die Antwort: Cremes verkaufen. Die Bilder vom Jahresfest sehen aus wie eine Massenhochzeit bei der Moon-Sekte. Also wahrscheinlich authentisch.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • NHTV: Alles eine Soße
Vorsicht, nichts für Diabetiker! Die niederländische Hotelfachschule NHTV taucht ihre Zuschauer in eine klebrige Soße aus Kitsch ("NHTV, get a new meaning!"). Vorteil: Wer den Unternehmenssong vollständig gehört hat, kann sich auf Jahre die Eintrittskarten für Musicals sparen.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • Bäckerhandwerk: Rammstein mag auch Kuchen

Zur Abwechslung etwas freiwillig Komisches: Die deutschen Bäcker werben um Azubis, mit "Backe, backe Kuchen" im Rammstein-Sound. Die sieben Sachen für einen Kuchen sind: "Herz und Hand, Fleiß und Verstand, Spaß und Stolz - und ein gutes Nudelholz." Auch das ist nicht jedermanns Geschmack, aber allemal originell und zielgruppengerecht.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • Haltec: Da habe ich noch einen guten Tipp

Die Firma Haltec stellt ein - so sieht Recruiting-Video-Durchschnittsware aus. Ein bisschen ungelenk im Detail, so altbacken, dass es kracht, dafür aber informativ: Ein Mitarbeiter erzählt einem Wechselwilligen, was er an seinem Mitarbeiter gut findet. Der Mitarbeiter kommt arg altklug rüber, dafür stellt sein Freund gute Fragen.

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  • SAP: This is going to change the world as we know it

Das Video gehört in den Bereich der Produktwerbung, aber Mitarbeiter spielen die Hauptrolle. Wie sie die Software ihres Brötchengebers erklären ist authentisch - die Gimmicks drumherum sind es eher nicht. Und ist die Sache mit dem Eis nun cool oder eher doch nicht?

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • Mondi: Hauptsache, sie fährt kein Ski

Ein leicht chauvinistischer Chef sucht eine neue Sekretärin, und zwar pronto. Das Video des Personaldienstleisters Mondi ist ironisch und macht sich über das eigene Genre lustig. Allerdings wurde dafür auch ein Hauptdarsteller eingekauft, der's kann: Ilja Richter, eine TV-Legende der siebziger und achtziger Jahre ("Disco"). Authentisch ist hier also nichts, aber für einen Wirtschaftsfilmpreis 2009 war das Ganze gut.

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  • Österreichisches Heer: Spritztour gefällig?

Kommen wir zu den Klassikern: Das Werbevideo der österreichischen Armee war ein kleiner Skandal, als es neu war, zu Recht. Zielgruppengerecht mag das Filmchen schon sein, aber ansonsten halt überhaupt nicht tragbar. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll: Beim Frauenbild? Beim Männerbild? Beim Videobild?

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

  • MTS: We are the best

Wo wir beim Fremdschämen sind: Auch dieses russische Video ist ein YouTube-Klassiker, auch hier gerät der Komplettgenuss zur Mutprobe. Lektion: Wer in so einem Film behauptet, seine Firma sei die beste, hat schon verloren.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
fagus 27.09.2012
Zitat von sysopHarmlos, aber peinlich: Gerade haben sich ein paar Bank-Azubis mit einem Werbevideo für ihren Arbeitgeber blamiert. Warum geht beim Genre Unternehmensvideos so leicht etwas schief? Ein paar Filme - vorbildliche wie schreckliche - illustrieren das Problem. Peinliche Unternehmensvideos: Nicht nur Sparda hat Probleme - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/peinliche-unternehmensvideos-nicht-nur-sparda-hat-probleme-a-857187.html)
Es würde schon ungemein helfen, Leute zu beauftragen, die Ahnung davon haben, wie man Filme macht. Ganz einfach. Und dann auch auf die zu hören. Leider glauben heute viele, Filme kann jeder machen, der den Anknopf an der Handykamera findet. Ist aber nicht so.
2. Profis engagieren Profis
frankyboy040 27.09.2012
Zitat von sysopHarmlos, aber peinlich: Gerade haben sich ein paar Bank-Azubis mit einem Werbevideo für ihren Arbeitgeber blamiert. Warum geht beim Genre Unternehmensvideos so leicht etwas schief? Ein paar Filme - vorbildliche wie schreckliche - illustrieren das Problem. Peinliche Unternehmensvideos: Nicht nur Sparda hat Probleme - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/peinliche-unternehmensvideos-nicht-nur-sparda-hat-probleme-a-857187.html)
Eigentlich sollte jede Firma, die eine Webseite hat, auch ein eigenes Video präsentieren. Anhand der Qualität des Videos kann man dann viel besser entscheiden, ob die Geschäftsführung was taugt oder einfach kein gutes Urteilsvermögen besitzt. Ein professionell arbeitender Chef wird sicher auch nur Profis für das Firmen-Video engagieren.
3. Wo ist die GEMA...
ddg28 27.09.2012
wenn man sie mal braucht. Super gemachte Videos werden bei Youtube gesperrt. Aber so eine Grütze ist frei verfügbar. Noch schlimmer, dass Werbeagenturen für solch "professionelle" Videos mit Sicherheit nicht schlecht bezahlt werden.
4. MUHAHAlol! Wie geil!
laberhannes 27.09.2012
"genau so rhythmisch ist das." Ach? DAS ist das Problem! *Verflixt!* Aber der Inhalt der Aussage: "Wir helfen wichtige Vordrucke zu finden, damit die Zukunftsängste verschwinden." ist DAS nicht der eigentliche Skandal? Die totale Sinn-Blödheit! Oder Sarkasmus pur? Geht in Meditation über den Inhalt dieser Aussage! Stellt sie euch vor! Versucht, ihren Sinn zu greifen! OMMMMM! Mal abgesehen davon, daß man nicht rappen sollte wenn man es nicht kann, wie LL Cool J in "Mama said knock you out". Am Ende muß jeder von uns eingestehen: genau wegen SOWAS sind wir auf dieser Welt. OMM! ;) ;)
5. Nichts geht über BMW!
Zentralabitur 27.09.2012
Nichts ist peinlicher als der BMW Hip Hop / Azubi - Rap. Ich meine nicht Bushido, sondern dass Video vom Autohersteller ("BMW Praktikum Rap").
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