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Extrempendler Wenn das Büro 8000 Kilometer entfernt ist

David Neeleman (hier im Jahr 2008) pendelt fast 16.000 Kilometer pro Woche Zur Großansicht
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David Neeleman (hier im Jahr 2008) pendelt fast 16.000 Kilometer pro Woche

Sonntags hin, donnerstags zurück. Damit die Familie nicht umziehen muss, nehmen manche Menschen Arbeitswege von Tausenden Kilometern auf sich. Doch ist das für die Kinder die bessere Lösung?

Seit 23 Jahren führt Peter Schreiber* ein modernes Nomadenleben. Der zweifache Vater wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg, doch dort ist er meist nur an den Wochenenden. Mehr Zeit verbringt er an seinem Arbeitsplatz - und der ist oft in Paris, manchmal aber auch in Moskau, irgendwo in Asien oder im Nahen Osten. Schreiber fliegt durchschnittlich 6000 Kilometer pro Woche.

Für seine Familie bleibt wenig Zeit. "Wir versuchen, die Wochenenden besonders intensiv zu nutzen", sagt er. Obwohl er Geschäftsführer eines französischen Unternehmens ist, kam ein Umzug nach Paris nie infrage. Denn auch dort verbringt er nur etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit. Seine Familie wollte er dafür nicht entwurzeln.

Für das Statistische Bundesamt gelten schon Erwerbstätige, die mehr als 50 Kilometer zur Arbeit zurücklegen, als "Fernpendler". Jeder 20. fällt in diese Kategorie. Größere Distanzen werden nicht erfasst. Eine Studie des Landes Nordrhein-Westfalen konnte einen engen Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der Länge des Arbeitswegs feststellen: Je höher der Verdienst, desto häufiger werden längere Strecken zurückgelegt - ein Phänomen, das sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt. Innerhalb der USA hat sich die Zahl der jobbedingten Umzüge in den letzten 40 Jahren halbiert.

Wissenschaftlerin Ellen Galinsky, Chefin des US-Instituts für Familie und Arbeit, erforscht das Phänomen. "Vielen Männern ist es wichtig, nicht nur Ernährer, sondern auch guter Vater zu sein. Und das bedeutet im Umkehrschluss, die Kinder nicht aus ihrem Umfeld herauszureißen", sagte sie dem US-Wirtschaftsmagazin "Quartz".

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JetBlue-Gründer David Neeleman scheint ihre These zu bestätigen. Als der Top-Manager 2008 die Fluggesellschaft Azul in Brasilien gründete, schien ein Umzug nach Südamerika die logische Konsequenz. Doch wo würden seine zehn Kinder in Brasilien American Football und Lacrosse spielen? Pendeln statt umziehen, hieß die Lösung.

Zwischen Neelemans Zuhause in Connecticut und seinem Büro in Sao Paolo liegen fast 8000 Kilometer. Zehn Stunden dauert der Flug. Der Manager tritt ihn jeden Sonntag und Donnerstag an. Vor allem die unterschiedlichen Jahreszeiten machen ihm zu schaffen, sagte er "Quartz": "Ich fliege runter und es herrschen 32 Grad. Dann komme ich nach Hause, und es sind minus zwölf Grad. Diese Umstellung ist das Schwierigste." Aber für das Wohl seiner Kinder nehme er das gern auf sich.

Aber profitieren die wirklich vom Dauerpendeln des Vaters? Familienforscherin Galinsky hat in einer Studie Kinder gefragt, was sie sich von den Eltern wünschen. Das überraschende Ergebnis: Am Wichtigsten war den Kleinen nicht, mehr Zeit mit Mama und Papa zu verbringen. Sie wünschten sich vielmehr, dass die Erwachsenen "weniger gestresst und müde sind". Und wer ist nach einem zehnstündigen Flug nicht gestresst und müde?

Ein Umzug scheint trotzdem keine gute Alternative zu sein. Eine Auswertung der Krankenakten von 500.000 Kindern amerikanischer Militärangehöriger hat ergeben, dass Kinder nach einem Umzug häufiger unter psychischen Problemen leiden. Für Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren ist demnach der Ortswechsel schwerer zu verkraften als für Kinder zwischen sechs und elf Jahren.

"Das darf die Kollegen nicht beeinträchtigen"

Die neun Jahre alte Tochter von Start-up-Gründer Erik Church hat ihrer Lehrerin erzählt, ihr Papa arbeite am Flughafen. Kein Wunder: Seit vier Jahren fliegt er mindestens einmal wöchentlich zwischen Vancouver und Toronto hin und her, 4000 Kilometer pro Weg. Für Schulaufführungen der Tochter legt Church die Strecke auch zweimal am Tag zurück. Ihm geht es dabei nicht nur um das Wohl der Kleinen, sondern auch um die Karriere seiner Frau: Sie hat eine Arztpraxis in Vancouver.

Der Spagat zwischen Job und Familie betrifft aber nicht nur Kinder und Partner. Sondern auch die Arbeitskollegen. Church sagt, er habe seinen Mitarbeitern versprochen, "dass mein Arbeitsweg nie der Grund dafür sein wird, dass ich ein Meeting verpasse", zitiert "Quartz" den Manager. "Ich habe mir diesen Lebensstil selbst ausgesucht, das darf die Kollegen nicht beeinträchtigen."

Um den Nomaden-Alltag zu erleichtern, haben die Extrempendler Überlebensstrategien entwickelt. David Neeleman schläft in der Nacht vor jedem Flug besonders wenig und nimmt ein Daunenkissen mit. Church stellt seine Uhr um, sobald er im Flieger sitzt und richtet sich dann nach der Zeit am Ankunftsort. Auch Peter Schreiber versucht, sich so schnell wie möglich an die Ortszeiten anzupassen.

Noch zehn, maximal 15 weitere Jahre will Schreiber quer durch Europa und die Welt pendeln. Dann geht er in Rente. Obwohl er sich nicht vorstellen kann, an nur einem Ort zu arbeiten, überkommt ihn doch manchmal Wehmut: "Meine Kinder sind quasi ohne Vater aufgewachsen. Je älter ich werde, desto mehr komme ich ins Grübeln. Wenn ich alles noch einmal machen könnte, dann würde ich es wahrscheinlich anders machen."

*Name von der Redaktion geändert

asc/vet

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insgesamt 63 Beiträge
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1.
mowlwrf 21.10.2015
Schlauer ist man immer hinterher. Letztendlich geht das aber bei jeder Entscheidung einher.
2.
wandfarbe 21.10.2015
Sorry, aber das ist doch völlig verrückt....
3. Wir pendeln zwischen Madrid und Bonn
andreasclevert 21.10.2015
Ich glaube, die Eltern sind gestresst oder nicht gestresst, so oder so. Mit oder ohne Pendeln. Manchmal gibt es auch Doppelpendeln. Bei uns. Kinder in Bonn. Papa in Berlin. Mama in Madrid. Und der Babysitter verzweifelt (die Langversion: http://wp.me/p4WCtx-4A). Aber es geht, immer. So oder so.
4. Mache ich auch
DrStrom66 21.10.2015
Ich pendele auch in der Weltgeschichte rum , bin natuerlich nicht ein CEO oder Boss einer Firma, aber habe das selbe Problem. Entweder sehe ich die Familie alle vier Monate oder sie kommt mit, was nicht geht da die Kinder in der Schule sind. Leider spielt auch das deutsche Finanzrecht gegen jeden Auslandsarbeiter , geldwerter Vorteil und andere Schweinereien. Verhindern ein oefteres Sehen der Familie. ES macht schon nicht Spass als ein deutscher Familievater im Ausland zu arbeiten. Wenn ich die Zeit zurueckdrehen koennte wuerde ich samt Familie auswandern und dann den Job machen.
5. So einen kenne ich auch...
frutsch 21.10.2015
Da gab es mangels Kindern zwar keine Erziehungsprobleme, aber Ärger anderer Art: Das Finanzamt wollte keine doppelte Haushaltsführung anerkennen. Erst als der Mann dann eine Steuererklärung mit Kilometerpauschale einreichte und mit Klage drohte, bewegte sich etwas. (Arbeitgeber in Deutschland, Gehalt hier versteuert; Arbeitsplatz war eine Forschungsstation im Niemandsland.)
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