2011 ging nichts ohne Burnout. Wen auch immer ich fragte, jeder stand mindestens kurz davor. In den Unternehmen stieg die Sorge vor der "Welle" im eigenen Unternehmen, und gegen Jahresende stellten viele Firmen die Gesundheit der Mitarbeiter auf die Tagesordnung. "Alle sind ratlos", sagt mein Kollege Thomas Hochgeschurtz, Führungskräftetrainer und ehemaliger Geschäftsführer des Tesa-Werks Offenburg. Und alle wollen handeln - nur wie?
Unternehmen haben für 2012 aufgerüstet: Trainings zur Burnout-Prophylaxe sind gefragt wie nie, Burnout-Spezialisten haben Hochkonjunktur. Vorgesetzte werden, instruiert von der Firmenspitze, penibel darauf achten, was sie ihren Mitarbeitern zumuten können. Eine Mitarbeiterin, die mit der Diagnose Burnout einige Wochen ausgefallen war, behandelte die Abteilungsleitung bei der Rückkehr wie ein rohes Ei. "Mute dir nicht zu viel zu, nur langsam", sagte der Chef. So ging das fast ein Vierteljahr lang. Der Effekt: Die Mitarbeiterin litt schon bald an Unterforderung und langweilte sich. Noch allzu oft wird Burnout als zeitliche Überforderung fehlinterpretiert.
"Die Ursache für die Burnout-Welle und auch andere Krankheiten ist doch in Wahrheit, dass Mitarbeitern immer weniger Autonomie zugestanden wird", sagt Hochgeschurtz. Durch die Trends der letzten Jahre, etwa durch Standardisierung und Prozessoptimierung, seien Mitarbeiter immer weniger motiviert: Ihnen bleibt schließlich wenig Entscheidungsfreiheit, sie müssen nur funktionieren. Das schlage sich in verschiedenen Krankheiten nieder, die Folge seien zum Beispiel Bandscheibenvorfälle - und bei Akademikern meist Burnout.
Die wirksamste Maßnahme dagegen sind Freiräume. Denn nur Mitarbeiter, die für ihre Arbeit Verantwortung tragen, sind motivierte Mitarbeiter. Von hier ist es nicht weit bis zu einer Flexibilisierung der Arbeit. "Themen wie Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensurlaub sind 2012 auf Arbeitgeberseite sehr gefragt", weiß Hochgeschurtz. Bis hin zum ROWE, dem Results only Work Environment, ist es allerdings oft ein weiter Weg. In ROWE-Unternehmen kann jeder kommen und gehen, wann er möchte - entscheidend ist, dass vereinbarte Ergebnisse erreicht werden.
Dass immer mehr Unternehmen die Arbeit flexibilisieren, wurde schon 2011 deutlich. Mitarbeiter indes tasten sich nur langsam in Freiräume vor, die Unternehmen schaffen. Ein Hamburger Unternehmen gab in diesem Jahr die Devise aus, dass jeder Mitarbeiter Home-Office-Tage einlegen könne, wenn er das wolle. Mitarbeiter verrieten mir: Niemand nahm das in Anspruch. Zu groß war der Druck von den Vorgesetzten, die deutlich signalisierten, dass sie die von der Personalabteilung ausgegebene Richtlinie für nicht praktikabel hielten.
Das Misstrauen ist berechtigt. Die meisten Veränderungen scheitern daran, dass die Führungskräfte sie nicht vorleben. Bleibt auch der Chef immer bis 22 Uhr im Büro, so wird sein ehrgeiziger Mitarbeiter sich kaum wagen, einen Tag zu Hause zu verbringen. Werden weiterhin diejenigen befördert, die abends am längsten bleiben, nimmt niemand die neue Unternehmenskultur mehr ernst.
Flexibilisierung gegen Burnout - das ist der eine Trend. An noch einer anderen Stelle haben Unternehmen 2012 mehr Veränderungsdruck: beim demografischen Wandel. Selbst Markenunternehmen mit traditionell hohem Bewerberzulauf wie Bosch oder Audi klagen. Das führt zu einem langsamen Umdenken: Es wird deutlich, dass der hundertprozentige Bewerber mit dem Top-Fachprofil am Markt nicht vorhanden ist. So sind die Firmen gezwungen, die Persönlichkeit der Bewerber und Mitarbeiter mehr in den Mittelpunkt zu stellen - und Fachkenntnisse hintanzustellen. Denn die lassen sich durch Schulungen auch später noch entwickeln, Charakter und Persönlichkeit dagegen kaum.
Vor wenigen Tagen bekam ich einen Anruf: Ein Unternehmen suchte eine Trainerin, die mit den Mitarbeitern erarbeiten sollte, in welche Bereiche und Funktionen sie aufgrund ihrer Persönlichkeit passen. Die Personalleiterin hatte festgestellt, dass viele nicht ihren Neigungen entsprechend arbeiten. Sie glaubt, dass sich durch einen anderen Einsatz und Wechsel innerhalb des Unternehmens Ressourcen besser nutzen lassen.
Es wird immer wichtiger, die Wünsche des Mitarbeiters zu berücksichtigen. Um als guter Arbeitgeber in Erinnerung zu bleiben, tun Firmen Dinge, die früher undenkbar waren. Der Arbeitgeber eines meiner Kunden zum Beispiel wird 2012 die Kosten für dessen berufliche Neuorientierung tragen. Obwohl die Firma weiß, dass der Mann sich bei anderen Unternehmen umhören wird und sie damit einen etablierten Mitarbeiter verliert.
Was sollten die Vorgesetzten auch machen? Burnout wäre schließlich die Alternative zum Bleiben gewesen - so jedenfalls sehen das immer mehr Chefs. Deutliche Zeichen einer Zeitenwende.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Erste Hilfe Karriere | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH