KarriereSPIEGEL: Herr Maassen, die Bundesregierung will die europaweite Frauenquote stoppen. Diese Nachricht müsste Sie als Personalmanager auf Jobsuche doch freuen?
Maassen: Sie freut mich als Gegner der Frauenquote. Endlich eine Regulierung weniger. Jetzt muss sich die Regierung nur noch klar gegen die Quote in Deutschland aussprechen. Sie tut weder den Frauen noch den Unternehmen gut.
KarriereSPIEGEL: Wieso denn nicht?
Maassen: Das ganze Thema Frauenförderung ist völlig auf den Kopf gestellt, wenn wir nur über die 0,1 Prozent reden, die Top-Positionen sind. Frauenförderung fängt unten an. Wenn ein Unternehmen nur einen einstelligen Prozentsatz an Frauen in der Belegschaft hat, wie soll es da 20 Prozent im Top-Management erreichen? Wenn wir die Quote im Vorstand erhöhen wollen, müssen wir erst mal in den unteren Ebenen anfangen.
KarriereSPIEGEL: So kann man die Quote aber auch hinausschieben.
Maassen: Nicht unbedingt. Bei meinem alten Arbeitgeber, der HypoVereinsbank, hatten wir das Ziel, unsere Frauenquote im Management durch eine Vielzahl von Maßnahmen in fünf Jahren von zehn auf 20 Prozent zu erhöhen. Als ich gegangen bin, waren wir bei über 15 Prozent. Es geht also, aber es dauert.
KarriereSPIEGEL: Mit einer Quote geht es schneller.
Maassen: Die letzten drei Frauen, die ich in Top-Positionen befördert habe, sagten mir alle: Heute habe ich es viel schwerer. Ich muss beweisen, dass ich den Job bekommen habe, weil ich qualifiziert dafür bin und nicht weil ich eine Frau bin.
KarriereSPIEGEL: Und warum soll die Quote den Unternehmen schaden?
Maassen: Wenn ich die Quote als Türöffner für Frauen sehe, muss ich zwangsläufig meinen Anspruch aufgeben, immer nur den besten Kandidaten für die jeweilige Position zu nehmen. Wenn ich drei Männer und drei Frauen in der engeren Wahl habe und alle gleich gut sind, würde ich keine Sekunde zögern und die Frau nehmen. Wenn der Beste ein Mann ist, ich aber die Frau nehmen muss, habe ich ein Problem damit. Da wird die Quote für mich dann zum Teufelszeug.
KarriereSPIEGEL: Ist das denn heute so?
Maassen: Headhunter haben mir häufiger gesagt, dass heute oft die wichtigste Suchvorgabe ist, eine Frau zu finden. Viele Vorstände wollen möglichst schnell eine Frau fürs Top-Management oder den Aufsichtsrat, damit sie nicht mehr angreifbar sind. Eine Managerin hat mir vor kurzem erzählt, sie könne derzeit gleich zehn Aufsichtsratsmandate annehmen, weil ein Headhunter nach dem anderen bei ihr anklopft.
KarriereSPIEGEL: Gibt es überhaupt genug Frauen für Top-Positionen?
Maassen: Natürlich gibt es viele Frauen, die hochqualifiziert und sehr gut sind. Auch weil sie gute Förderer hatten. Das waren übrigens meist Männer. Der Beweis, dass Frauen auch besser bei der Förderung anderer Frauen sind, muss erst noch geliefert werden.
KarriereSPIEGEL: Ist es heute einfacher für Frauen in einer Top-Position?
Maassen: Nein, Frauen werden noch immer hart von den Männern angegriffen und stehen unter enormem Erwartungsdruck. Das gilt vor allem, wenn sie die einzige Frau im Top-Management ist und auf den Ebenen darunter weiter nahezu 100 Prozent Männerwirtschaft herrscht.
KarriereSPIEGEL: Was können Unternehmen tun?
Maassen: Das Talent-Management weiblicher gestalten, die Karrierewege auch auf die Anforderungen von Frauen einstellen und eine Infrastruktur schaffen, in der Frauen und Männer die Doppelbelastung von Privatleben und Beruf auch bewältigen können. Zudem: anders kommunizieren.
KarriereSPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Maassen: Als ich einmal mit sechs Trainees, drei Frauen und drei Männern, über das Thema Frauenförderung diskutiert habe, sagte eine junge Frau: Ich finde, dass wir in unserer Arbeitgeberkommunikation viel zu männlich kommunizieren. Ich habe dann Frauen und Männer getrennt gebeten, eine Stellenanzeige zu gestalten.
KarriereSPIEGEL: Wie haben die sich unterschieden?
Maassen: Es war frappierend. Die Anzeige der Frauen sprach die Bewerber persönlich an und machte Appetit auf den Job. Die Anzeige der Männer war schwarzweiß im Blocksatz und wie ein Kochrezept: Man nehme und rühre - Sie müssen - Sie bekommen. Da hat es bei mir Klick gemacht. Die junge Frau hatte recht. Als Personaler müssen wir uns bewusst machen, dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren und das auch herausstellen.
KarriereSPIEGEL: Unternehmen brauchen also mehr weibliche Sichtweisen?
Maassen: Unbedingt. Gefragt ist eine Unternehmenskultur, in der sich Frauen und Männer besser verstehen und sich gegenseitig fördern. Man muss beide Seiten dazu bringen, sich ihrer unterschiedlichen Sichten und Herangehensweisen bewusst zu werden. Benötigt wird ein ganzer Bauchladen von Maßnahmen, um ernsthafte Frauenförderung zu betreiben. Das verlangt aber eine Entwicklungszeit und lässt sich nicht kurzfristig mit einer gesetzlichen Quote erreichen.
KarriereSPIEGEL: Sie suchen derzeit einen neuen Job. Sind Sie frustriert, dass Frauen heute manchmal vorgezogen werden?
Maassen: Nein, ich lamentiere nicht, Stellen auf dieser Hierarchieebene sind nun mal dünn gesät. Aber ich bemerke mit einem gewissen Augenzwinkern, dass mich meine eigene Begeisterung für das Thema Frauenförderung gerade einholt und geeignete Jobs heute an Frauen gehen. Solange die Frau besser ist, habe ich kein Problem damit. Aber wenn Mannsein zum Ausschlusskriterium wird, dann finde ich das schlimm.
KarriereSPIEGEL: Sie stecken also im Geschlechterkampf?
Maassen: Überhaupt nicht, ich mache den Frauen keinen Vorwurf. Mein Vorwurf richtet sich an die Männer, die jetzt nur hektisch ihre Quote erfüllen wollen.
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