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Kirchenrecht Wenn Pfarrer gemobbt werden

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Rolf Thumm ist Pfarrer. Er kam plötzlich nicht mehr in seine Kirche. Der Kirchenvorstand hatte die Schlösser ausgetauscht. Evangelische Gottesmänner können überraschend leicht Opfer von Attacken werden - dank überkommener Kirchengesetze.

Als die Mitglieder des Kirchenvorstands nicht mehr in seine Gottesdienste kamen, ahnte Pfarrer Rolf Thumm, dass er auf der Abschussliste stand. Er wurde ganz aus dem Gottesdienstplan gestrichen, beurlaubt, stand vor ausgetauschten Kirchenschlössern. Und erlitt einen Burnout.

Kirchengemeinden als Hort von Mobbingattacken - das will nicht recht zum Gebot der christlichen Nächstenliebe passen. Doch dass bei rund 26.500 katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland auch Pfarrer von Mobbing betroffen sind, liegt auf der Hand. Konkrete Zahlen gibt es nicht. Als vor elf Jahren die letzte repräsentative Studie über Mobbing unter deutschen Erwerbstätigen erschien, lag die Betroffenenquote bei 11,3 Prozent.

Der Clinch zwischen Pfarrer Thumm in der Evangelischen Kirchengemeinde Eitorf im Rhein-Sieg-Kreis und seinem Kirchenvorstand schwelte schon lange. Thumm hatte 2009 bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige wegen Veruntreuung erstattet - im Zuge der Pfarrhaussanierung hätten sich drei Kirchenvorstandsmitglieder Aufträge selbst zugeschanzt. Der damalige Vorsitzende des Bauausschusses im Kirchenvorstand, Walter Beig, sagt, mit Korruption habe das nichts zu tun gehabt, der Kirchenvorstand habe die Aufträge schließlich an seine Firma vergeben. Das Verfahren wurde eingestellt.

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Die Gegenseite wiederum zeigte Thumm beim Landeskirchenamt Düsseldorf an. Er habe rund um den Wiederaufbau der abgebrannten Kirche eigenmächtig Aufträge vergeben, etwa Kirchenfenster bestellt. Es sei alles einstimmig beschlossen worden, hielt Thumm dagegen. Er wurde von der Evangelischen Kirche im Rheinland EKiR abberufen, klagte dagegen und wurde dann beurlaubt. "Ich wurde einfach kaltgestellt", sagt er.

Die Crux der Kirchengerichtsbarkeit

Als Pfarrer ist Thumm kirchlicher Beamter und fällt damit unter die Kirchengerichtsbarkeit. Im Gegensatz zu weltlichen Gerichten sind kirchliche Gerichte nicht zur Wahrheitsfindung verpflichtet. Nach dem evangelischen Pfarrdienstgesetz reicht es, wenn das Verhältnis zwischen Pfarrer und Gemeinde oder Kirchenvorstand "zerrüttet" ist, um ein Verfahren gegen den Pfarrer zu eröffnen und ihn abzuberufen.

"Das führt dazu, dass Mobbing strategisch eingesetzt wird, um dann von einer Zerrüttung zu sprechen", sagt Sabine Sunnus vom Verein David, der Mobbingopfern in der Evangelischen Kirche hilft. Über 60 Fälle hat der Verein im vergangenen Jahr betreut, die meisten der Hilfesuchenden waren Pfarrer. "Meist werden gezielt Lügen und Gerüchte verbreitet", sagt Sunnus.

In der katholischen Kirche werden Pfarrer anders als bei den evangelischen Kollegen nicht vom Kirchengemeinderat gewählt - die Posten werden von der Diözesanleitung zugeteilt. Wenn katholische Priester gemobbt werden, dann also eher vom Dekan. Als Anlaufstellen dienen die Betriebseelsorger der einzelnen Diözesen; im Ordinariat Rottenburg-Stuttgart etwa gibt es eine eigene Mobbingkommission für kirchliche Beschäftigte.

In Zukunft nur Vertretungsjobs

Dem evangelischen Pfarrer Peter Lehwalder wurde vorgeworfen, er grüße nicht und spiele zu wenig Musik in seinen Gottesdiensten. Nach 20 Jahren in der Kirchengemeinde Burgholzhausen im Taunus teilte ihm der Kirchenvorstand nach den Sommerferien 2011 mit, man habe ihm das Vertrauen entzogen, er solle die Gemeinde verlassen. Mit Mobbing habe das nichts zu tun, sagt der Kirchenvorstandsvorsitzende Heinrich Adam Loy, "es gab seit Jahren ein Grundrauschen der Unzufriedenheit." Die eigens gegründete Initiative gegen Mobbing in der Evangelischen Kirchengemeinde Burgholzhausen hält dagegen: "Der Vorsitzende wollte unseren Pfarrer loswerden", sagt Barbara Völksen von den Lehwalder-Unterstützern.

Am Ende drängte die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beide Konfliktparteien, ihre Ämter zum 31. Mai 2013 niederzulegen. "Das Kirchenrecht sieht zurzeit keine andere Lösung vor", erklärt Jens-Markus Meier von der EKHN. Lehwalder, der sich wegen des andauernden Konflikts nicht äußern will, unterschrieb die Vereinbarung und konnte so ein Verfahren wegen "nachhaltiger Störung in der Wahrnehmung des Dienstes" vermeiden.

"Wenn gegen einen Pfarrer erst ein Verfahren läuft, dann will ihn meist keine Gemeinde mehr haben", so Kirchenmobbing-Expertin Sunnus. Der Neuanfang wird auch so schon schwer: Statt der erhofften Pfarrstelle hat der 52-Jährige, der derzeit auf einer halben Vikarstelle im Nachbardorf arbeitet, bisher nur Vertretungsdienste in Aussicht.

Rechtlos in der Kirche

Pfarrer Thumm hat dieses Problem nicht mehr. Seit Januar 2012 ist der 66-Jährige in Rente. Vor ein paar Monaten konnte er doch noch einen kleinen Erfolg verbuchen. Im Dezember 2012 befand das Kirchliche Verwaltungsgericht der EKiR seine Abberufung für rechtswidrig. Begründung: Das Landeskirchenamt habe die gegen Thumm erhobenen Vorwürfe nicht überprüft. Der Neusser Rechtsanwalt Ulrich Walter, der mehrere Pfarrer in Mobbing-Fällen vertritt, bewertet das Urteil als Quantensprung: "Erstmals hat ein Kirchengericht bemängelt, dass es keine Sachverhaltsprüfung gab", sagt er.

Das Landeskirchenamt hat Revision eingelegt. Man wolle damit derlei Versetzungsfälle "letztinstanzlich klären", so die EKiR. Thumm ist zuversichtlich, aber er will den Konflikt endlich hinter sich lassen. Er wünscht sich, dass kirchliche Beamte künftig auch vor ordentliche Gerichte ziehen können: "Es kann nicht sein, dass ein ganzer Berufsstand der Institution Kirche praktisch rechtlos ausgeliefert ist."

Thumm hat mittlerweile einen Selbsthilfeverein gegründet für Menschen mit Problemen aller Art. Auch katholische Pfarrer, die gemobbt werden, haben sich schon gemeldet.

Informationen zum evangelischen Kirchenrecht gibt es hier.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Passow (Jahrgang 1979) hat in Leipzig und Lima (Peru) Hispanistik, Germanistik und Journalistik studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg und Umgebung.

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insgesamt 78 Beiträge
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1.
cs01 30.05.2013
Es droht immer noch das jüngste Gericht als allerletzte Instanz. Und ob das Mobber so gute Karten haben?
2. Pfarrer sind auch keine besseren Menschen.
goethestrasse 30.05.2013
Inn der nähreen Umgebung gibt es mehrere Stelleninhaber, die ihren Beruf verfehlt haben. Pfarrer sind auch Seelsorger und sollten ihren Job als Berufung verstehen. Dienst nach Vorschrift geht meiner Meinung gar nicht.
3. optional
thomas.b 30.05.2013
Kirchliche Gerichte, also sowas. Und dann nicht mal der Wahrheit verpflichtet. Schon sehr merkwürdig, was sich hier für Parallelgesellschaften gebildet haben...
4. Religion vs. Spiritualität
platon2011 30.05.2013
man kann auch an Gott, Jesus, die Bibel(meinetwegen auch an Koran, Mohamed, Moses, Thora) glauben ohne einer weltlichen Institution beizutreten, in welcher man sich selbst dem Diktat einiger selbstsüchtiger Autokraten überlässt. Ich werde nie verstehen warum man spirituelle Ansichten in weltlichen Macht- und Gierausgerichteten Organisationen ausleben sollte. Die christlichen Werte, welche ich teilweise schätze, kann(sollte) jeder auch privat im Alltag zum Leben erwecken. Niemand braucht dazu mit Gold und Juwelen vollgestopfte Kirchen und sog. Würdenträger mit sündhaft teurer Gardrobe. Um es mit John Niven zu sagen: SEID EINFACH LIEB
5. Kirche und Korruption gehören zusammen
iffel1 30.05.2013
ob nun in Bayern CSU-Politiker ihre Familien auf Steuerzahlerkosten beschäftigen oder Kirchenentscheider den (Kirchen-) Steuerzahler betrügen, ist eines. Das geht zurück bis ins Mittelalter mit den Ablaßbriefen - Geschäft ist Geschäft. Würde es diese "Geschäfte" nicht geben, gebe es kein Christentum.
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Über arbeitsrechtliche Streitigkeiten...
... entscheiden in den ersten zwei Instanzen die Gerichte der Landeskirchenämter der Evangelischen Kirche (Kirchliches Verwaltungsgericht, Kirchengerichtshof der Evangelischen Kirche in Deutschland). Erst in der dritten und vierten Instanz sind das Oberverwaltungsgericht und das Bundesverfassungsgericht zuständig. Diese nehmen die die Fälle aber meist gar nicht an und verweisen auf die Autonomie der Kirche.
Sowohl die Richter als auch die Beisitzer...
... der Kirchengerichte werden von der Kirchenleitung berufen.
Die Autonomie der Kirche...
... wurde bereits in der Weimarer Reichsverfassung (Artikel 137) festgelegt und im Artikel 140 des Grundgesetzes übernommen. Dort heißt es: "Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes."
Das Pfarrdienstgesetz...
... schreibt in den Paragrafen 79 und 80 des EKD-Entwurfs vom November 2010 fest, dass Pfarrer versetzt werden können, wenn "in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes" festgestellt wird. Diese liege vor, wenn "das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist" oder "das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist". Das Gesetz sagt weiter: "Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen." Ist gegen einen Pfarrer so ein Verfahren anhängig, kann er zwischen ein und drei Jahren in den Wartestand versetzt werden. Findet er in dieser Zeit keine Stelle, droht ihm, egal wie alt er ist, der vorgezogene Ruhestand.

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Richtiges Mobbing dagegen sei beziehungsorientiert und destruktiv. Ungelöste Konflikte und Kränkungen wachsen sich zu Hassgefühlen aus. "Zwischen den Akteuren besteht ein hierarchisches, auf Konfrontation angelegtes polarisierendes Macht-Ohnmacht-Verhältnis mit wechselseitiger Du-Kommunikation aus Anschuldigungen, Vorwürfen, Behauptungen, Unterstellungen, Rechthaberei und Schuldzuweisungen. Hieraus ergibt sich die typische Täter-Opfer-Beziehung. Mobber agieren tätertypisch und greifen an. Gemobbte reagieren opfertypisch und fühlen sich dem Mobber hilflos ausgeliefert."

Beide Akteure seien Gefangene ihrer einseitigen Wahrnehmung. So entsteht ein "Tunnelblick", der eine nüchterne Auseinandersetzung verhindere.

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