• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Phantombildzeichner "Hatte er Falten, eine Warze, Narben?"

SPIEGEL ONLINE

Den Mund nimmt Polizeispezialist Norbert Schulz von einem Ex-Häftling, die Falten von Rock'n'Roll-Legende Keith Richards. Phantombilder anzufertigen, ist ein Puzzlespiel - und für die Opfer von Gewaltverbrechen oft qualvoll: Gelingt das Bild, schauen sie ihrem Peiniger erneut in die Augen.

Am Computer sucht Norbert Schulz passende Wangenfalten: Das Gesicht von Keith Richards wurde vom Rock'n'Roll-Leben besonders interessant zerfurcht und geknittert. Schulz operiert die Falten des Stones-Gitarristen heraus und setzt sie dem gesuchten Vergewaltiger ein.

Auch Prominente müssen in der Bilddatenbank des erfahrenen Phantombildzeichners aushelfen, wenn es darum geht, einen Täter zu jagen. Im Computer sind Gesichtsformen, Augen, Münder und Nasen etlicher Menschen gespeichert. Aus diesen Puzzleteilen soll ein neues Gesicht entstehen - nicht irgendeines, sondern das des Täters.

Seit Jahrzehnten schon arbeitet Schulz beim Hamburger Landeskriminalamt. An den Fenstern seines Büros im Polizeipräsidium hängen Gardinen, Blumenbilder an den Wänden sollen die Büro-Tristesse vergessen machen, der Raum sei extra von einer Psychologin eingerichtet worden, erzählt Norbert Schulz. Hierher kommen Zeugen, aber auch Opfer vor Gewaltverbrechen: Frauen etwa, die nun ihren Vergewaltiger beschreiben müssen.

Angst lässt den Menschen genauer beobachten

Aber Mitleid hilft nicht, wenn es darum geht, ein Phantombild anzufertigen, schon eher das Jagdfieber, das den 58-Jährigen oft packt. Schulz klopft dann ein paar flotte Sprüche, während er eine unendliche Abfolge von Augen über den Computerbildschirm flimmern lässt: alte Augen, junge Augen, blaue, braune, grüne - mit und ohne Falten darum.

Fotostrecke

16  Bilder
Phantombilder zeichnen: Der war's! War er's?
Konzentriert arbeiten und zugleich sein Gegenüber bei Laune halten: Das ist der Job eines Phantombildzeichners. Wie das geht? "Ich bin eben nicht der Beste, sondern der Lustigste", antwortet Schulz - und zeigt weitere Bilder von Augen: "Sahen sie so aus? Oder doch eher größer?"

Die richtigen Augen aus den Bildvorlagen herauszusuchen, sei das Schwierigste, erklärt Schulz. Ist das geschafft, sieht das Opfer den Täter plötzlich vor sich. Der Blick der Opfer wird starr, manche beginnen zu weinen. "Dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin", sagt Schulz. "Dann möchte ich es richtig gut machen."

Solche Momente sind allerdings selten. Die Erinnerung an den Täter ist trügerisch - vor allem bei Zeugen, die ein Tatgeschehen nur als Unbeteiligte miterlebt haben. Sie verbinden keine Angst, keinen Schrecken mit dem Gesicht, das sie beschreiben sollen. Doch gerade diese Gefühle scheinen unerlässlich, damit sich das Gesicht des Täters in die Erinnerung eingräbt. Denn Angst lässt den Menschen auf einmal ganz genau beobachten. Freunde oder Verwandte zu beschreiben, daran würden hingegen die meisten scheitern, meint Schulz: "Von meiner eigenen Frau könnte ich zum Beispiel kein Phantombild anfertigen."

Auch auf die Warze kommt es an

Nachdem Schulz die richtigen Augen, Mund und Nase herausgesucht und ins Gesicht eingesetzt hat, geht es an die Details: Brille, Bart, Falten werden ins Gesicht gefügt. "Seien Sie ehrlich", mahnt Schulz, "hatte er Falten, eine Warze, Narben?" Das menschliche Gesicht mit allen Eigenarten - seit über 36 Jahren ist das sein Job.

"Schon als Kind wollte ich Phantombildzeichner werden", erzählt Schulz, während er die Gesichtsfalten in die Stirn einsetzt. Damals habe er einen Fernsehbericht über einen Phantombildzeichner gesehen. Eine festgelegte Ausbildung gibt es aber nicht. Also ging Schulz zur Bundeswehr, studierte dann Kunst. Als Künstler hat er sich allerdings nie gesehen. So etwas passe nicht ins Polizeipräsidium - "als Phantombildzeichner musst du hundertprozentig Polizei sein".

Früher hat Schulz seine Phantombilder noch mit dem Bleistift gezeichnet. Er wird ein bisschen wehmütig, wenn er davon erzählt. Gern würde er noch immer mit Papier, Radiergummi und Stift arbeiten, "aber mit dem Computer geht es halt schneller".

Von Schulz einstigem Traumberuf ist wenig geblieben. Nur in der Freizeit zeichnet Schulz noch mit Bleistift: Bilder von seinen Enkeln - jedes Jahr ein neues. "Damit man sieht, wie sie wachsen."

  • Leila Knüppel (Jahrgang 1978) ist Multimedia-Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
thana 22.11.2011
Die zeichnen doch gar nicht mehr, die klicken nur zusammen. Der Beruf sollte Phantombildersteller heißen.
2. Aber...
romang 22.11.2011
Mich hätte jetzt jedoch noch sehr interessiert, was dabei rauskommt, wenn der "zeichner" das gesicht anhand des fotos rekonstruiert. D.h., inwieweit könnte er anhand seiner folien das tatsächliche aussehen zusammenfügen?
3. ...
s.s.t. 23.11.2011
Zitat von thanaDie zeichnen doch gar nicht mehr, die klicken nur zusammen. Der Beruf sollte Phantombildersteller heißen.
"*nur*" ist gut.
4. Beispiele
PercySt 23.11.2011
Mich würde ja mal interessieren, wie die erstellten Bilder im direkten Vergleich mit den tatsächlich gesuchten Menschen aussehen. Kann man da mal ein paar Beispiele beistellen?
5. Alt, faltig, verbraucht
Rostnase 23.11.2011
Bei dem Gesuchten auf dem Bild handelt es sich eindeutig um Keith Richards von den Stones. :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Tatort - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Spurensicherung und Co.: Kriminalisten und die größten Krimi-Lügen

Verwandte Themen
Fotostrecke
Einbruch in Hamburg: Wenn die Spusi kommt

Fotostrecke
Gerichtszeichnerin: Mit Stiften und Block zum Prozess


Social Networks