Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaErste Hilfe KarriereRSS

Alle Kolumnen


 

Powerpoint-Qual Schalt doch mal den Beamer aus!

Wer braucht schon Powerpoint? So pennt garantiert keiner ein Zur Großansicht
Corbis

Wer braucht schon Powerpoint? So pennt garantiert keiner ein

Nie waren Präsentationen langweiliger als heute, findet Martin Wehrle. Vor lauter Powerpoint kommt keine Power rüber. Das muss doch auch anders gehen, meint der Karriereberater und fordert: Schluss mit dem Technik-Schnickschnack.

Vorträge machen Angst. Nicht dem Redner. Sondern dem Publikum. Hunderte Präsentationen habe ich in den letzten Jahren erlebt, in zwei von drei Fällen in der Furcht: Gleich nickst du ein! Offenbar ging es den anderen Zuhörern nicht besser - die typische Handbewegung führte vor einen gähnenden Mund.

Wie kann das sein? Die Präsentationstechnik ist ausgereifter denn je, aber die Präsentationen werden langweiliger? Klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. Denn gerade weil es so viele technische Finessen gibt, verhalten sich die meisten Redner wie Autofahrer, die mit einem Navigationssystem unterwegs sind. Sie konzentrieren sich nicht mehr auf ihren Weg, sondern verlassen sich auf die Technik. Womit sie bald verlassen sind: von der Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer.

Kürzlich habe ich den Vortrag eines Managers erlebt. Er huschte auf die Bühne, während im Hintergrund schon der Titel seines Vortrags auf einer Powerpoint-Folie flackerte. Und ehe das Publikum den Mann richtig wahrgenommen hatte, klickte er schon die nächste Folie an. Die Blicke wendeten sich von ihm ab - und blieben in buntem Foliensalat hängen. Optische Hilfsmittel auf Kindergarten-Niveau, dazu Gemeinplätze. Kostprobe: "Mitarbeiter gewinnen: 1. Einbeziehen durch Gespräche, 2. Motivieren durch Perspektive, 3. Optimieren durch Seminare."

Fotostrecke

18  Bilder
Powerpoint-Vorträge: Die Welt zerlegt in Folien und Charts
Der Manager tastete sich am Geländer seiner Präsentation entlang, rezitierte die Folien fast wortwörtlich und mit der emotionalen Kühle eines Nachrichtensprechers. Nicht er füllte seine Folien mit Leben - sie schienen das Leben aus ihm herauszusaugen. Sein Blick klebte an der Leinwand, nicht am Publikum. Am Ende hatte er 50 Folien angeklickt, nur im Kopf seiner Zuhörer hatte es nicht "Klick" gemacht. Der Vortrag war ein typisches Schlafmittel: berechenbar, überladen, platt. Vor lauter Powerpoint kam keine Power rüber.

Effekt schlägt Inhalt

Das andere Extrem ist ein multimedialer Overkill: Wenn der Redner Filmausschnitte über die Leinwand jagt, Bässe dröhnen, Sketche ablaufen und am Ende die Welt explodiert. Mindestens. Fragt man, was dieser Zauber soll, lautet die Antwort meist: "Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich verkürzt, die Sehgewohnheiten sind anders als früher." Mit dieser Begründung verkauft der Action-Präsentator das alles als pädagogischen Schachzug.

Okay, seine Zuhörer sind immerhin nicht eingeschlafen. Aber dafür hat er die komplette Aufmerksamkeit des Saals an die Leinwand abgetreten und sich selbst zum kleinen Filmvorführer degradiert. Nehmen Sie den Begriff "Ansehen" einmal wörtlich: Wer es ernten will, muss von vielen Augen angesehen werden. Der Action-Präsentator tut alles, um die Blicke von sich abzulenken. Für die Substanz gilt in diesen Fällen: Effekt schlägt Inhalt. Am Ende kann sich das Publikum vielleicht noch an eine Filmszene erinnern. Aber wie hieß gleich noch der Redner, und worum ging's?

All die modernen Präsentationstechniken haben sich abgenutzt. Wer heute mit seinem Vortrag glänzen will, sollte ohne Technik vor sein Publikum treten. Es kommt nicht auf Schaubilder an, sondern auf die Persönlichkeit und die Botschaft des Redners. Beides sollte im Mittelpunkt stehen - das bringt Ansehen. Denn wer ohne Technik auftritt, muss sich etwas einfallen lassen, um das Publikum zu gewinnen: indem er nicht nur auf Fakten setzt, sondern auch auf Anekdoten; nicht nur auf Zahlen, auch auf Emotionen; nicht auf Erwartbares, sondern auf Überraschendes.

Applaus statt Gähnen

Es kommt zum Beispiel gut an, das Publikum einzubeziehen und ein paar Zuhörer für ein Rollenspiel auf die Bühne zu holen. Diese Live-Situation garantiert höchste Aufmerksamkeit. Schließlich ist der Ausgang eines solchen Experiments ungewiss - und jeder Zuhörer muss damit rechnen, auch nach vorn zitiert zu werden.

Freies Reden bietet auch eine rhetorische Chance: Der Vortragende kann auf jede Regung, jede Bewegung, jede Geste seines Publikums eingehen. Wenn er gut ist, wird er die ganze Bandbreite seiner Stimme nutzen, wird flüstern und brüllen, wispern und knurren. Er wird seine Rede beschleunigen, um sein Publikum mitzureißen, und sie mittels rhetorischer Pausen verlangsamen, um die Spannung zu erhöhen.

Auch die inhaltliche Tiefe gewinnt: Wer ohne technische Hilfsmittel auftritt, bereitet sich automatisch besser vor - so wie man vor einer Fahrt ohne Navigationssystem die Landkarte aufmerksamer studiert.

Nun höre ich schon den Einwand: "Wer mit technischer Hilfe ein schlechter Redner ist, ist ohne noch lange kein guter." Stimmt. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er so aus seinen Möglichkeiten mehr rausholt.

Das technik-gequälte Publikum wird es ihm danken. Vielleicht durch eine Handbewegung, die nichts mit Gähnen zu tun hat: Applaus.

Fotostrecke

6  Bilder
Konferenzzeichner: Bitte ein Bild, Tempotempo!

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. PowerPoint Bashing
SNA 21.07.2014
Ist noch langweiliger als schlechte PowerPoint Präsentationen. Es ist, als ob man einen Kigelschreiber für den schlechten Roman verantwortlich macht, den der Autor verbrochen hat.
2. Der hat den aber nicht ...
Loddarithmus 21.07.2014
Zitat von SNAIst noch langweiliger als schlechte PowerPoint Präsentationen. Es ist, als ob man einen Kigelschreiber für den schlechten Roman verantwortlich macht, den der Autor verbrochen hat.
... mit dem Kigelschreiber, sondern mit Word verfasst. Das hat nämlich eine Rechtschreibprüfung! ;-)
3. In der IT extrem / ich habs mal probiert
bastard_operator 21.07.2014
In der IT ist es besonders schlimm, offenbar ist PowerPoint der Hammer, mit dem jedes "Präsentationsproblem" zum sprichwörtlichen Nagel wird. In meinem Studium (2006 - 2009) habe ich das mal probiert: Menschlich sein, die Zuschauer überzeugen, malen - ohne PowerPoint. Resümee des benotenden Prof.: "Der Vortrag wäre eine 1 gewesen, wenn Sie PowerPoint genutzt hätten" :-) Irgendwann ist die Zeit reif...
4. Setzen, Sechs
ohminus 21.07.2014
PowerPoint ist ein Medium, das kann man gut oder schlecht einsetzen, Wer glaubt, ohne Technik würde alles besser hat noch nie einen Vortragenden erlebt, der 45 Minuten lang sein Manuskript abliest. Und wer glaubt, es ginge auch ohne Schaubilder hat offensichtlich bisher lediglich in sehr seichtem Wasser gefischt und hält nicht viel davon, seine Ausführungen zu belegen.
5. Death by Power Point.
spon-facebook-10000523851 21.07.2014
Hausgemachte PP ohne guten Presenter sind wie ein Rennwagen, der von einem Fahrschueler gefahren wird. Wertlos.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Fotostrecke
Expertentipps: So gelingt die Präsentation auf Englisch

Verwandte Themen
Fotostrecke
Kritzelbilder: Ist das Kunst, oder kann das weg?

Fotostrecke
Büroleben: Elf Sätze für das Phrasenschwein


Social Networks