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Die Allesfalterin Jetzt oder nie, Origami

Heute basteln wir einen riesigen Papierpanzer, morgen eine Notunterkunft. Kristina Wißling hat den korrekten Kniff. Als Origami-Expertin und preisgekrönte Designerin kennt sie verblüffende Anwendungen für kluge Falttechnik, ob beim Airbag oder Cabrio-Verdeck, in Medizin oder Weltraum.

Wer schon einmal mit einem riesigen Stadtplan gekämpft oder den Beipackzettel zurück in die Pillenschachtel stopfen wollte, lernt den Wert von Falten an der richtigen Stelle zu schätzen. Korrekte Knicke sind die Spezialdisziplin von Kristina Wißling. Falten gehören zu ihrem Leben - und das schon seit der Kindheit. Für Berg- oder Talfalten kann sie sich begeistern wie andere für einen Sonnenuntergang oder ein schnelles Auto.

Daraus hat die Lennestädterin inzwischen ihren Beruf gemacht: Als Origami-Designerin unterstützt sie Industrie-Firmen genauso wie Kunstausstellungen und hat bereits diverse Preise abgeräumt. "In Deutschland ist Origami noch ziemlich exotisch", sagt Kristina Wißling, 33. Ein wenig ärgerlich schiebt sie hinterher: "Die Leute denken oft, es geht ums Basteln, wenn ich erzähle, dass ich mich auf Origami spezialisiert habe." Sie selbst vergleicht ihre Arbeit eher mit der eines Ingenieurs oder Konstrukteurs.

Wie wenig manche Origami-Objekte mit simplen Falttierchen oder -blumen zu tun haben, konnten Besucher kürzlich in Dresden sehen. Dort entstand vor dem Militärhistorischen Museum ein riesiger Panzer - gänzlich aus Papier. Die Idee hatte der Kölner Künstler Frank Bölter; als Expertin für kluges und elegantes Falten plante Wißling die Vorlage für die Knicke, anhand von Konstruktionszeichnungen eines echten "Leopard"-Panzers. Wochenlang saß sie dafür am Computer, bis sie das endgültige Faltmuster ausgetüftelt hatte.

Der Papierpanzer trotzte sogar dem Regensommer

Aus nur zwei Stücken Papier, davon eines 20 mal 20 und das andere 20 mal 10 Meter groß, konnte dann der Panzer gefaltet werden. Allerdings nicht von ihr allein. "Dafür braucht man 10 bis 20 Leute, sonst ist das zu schwer", sagt die Sauerländerin. Schließlich wiege das beschichtete Papier 400 bis 500 Kilogramm und sei mit seiner Größe auch zu unhandlich für eine einzelne Person. Also half ein Dutzend Bundeswehrsoldaten bei der Umsetzung in einer Berliner Kaserne: Ausrücken zur Faltübung.

Friedlicheres Kriegsgerät hat die Welt selten gesehen. "LEOrigamiPARD III" hieß das Projekt, Teil einer Sonderausstellung "Bilderstreit" zur Konstruktion und Zerstörung von Waffensystemen. Die Passanten kamen und staunten über das sonderbare Objekt vor dem Dresdner Museum, vis-à-vis mit einem echten "Leopard"-Kampfpanzer. Von Juli bis Mitte September trotzte der Panzer aus kunststoffbeschichtetem Papier Wind und Wetter. "Am Ende war er ein wenig lädiert, hat die Regenmassen dieses üblen Sommers aber erstaunlich gut verkraftet", so Frank Bölter.

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Wißling übernahm hier den technisch-handwerklichen Teil; Bölter als künstlerischer Kopf teilt mit ihr das Faible für papierne Objekte. Was er zuvor schon alles entwickelte: Der Kölner Aktionskünstler faltete riesige Papierschiffe und war damit auf Flüssen und Kanälen unterwegs. In Linz baute er eine Papp-Kopie des Athener Parthenons, die ein Orkan allerdings am nächsten Tag in Trümmer legte. Mit einer Papiermauer teilte Bölter Belgrad - zur Zeit des 20. Jahrestages des Berliner Mauerfalls - in zwei Hälften. Außerdem gestaltete er einen Rennwagen aus Papier ("FORigamiMEL1") und ein Wellpapphaus in einem Herforder Neubaugebiet.

Seine Aktionen sind zumeist doppelbödig, so auch der Dresdner Origami-"Leopard". Es gab nämlich noch ein weiteres Projekt: Schon bevor er "Soldaten zu Bildhauern" machte, hatte Bölter zusammen mit Flüchtlingen aus Somalia, Afghanistan, Iran und Irak einen anderen Papierpanzer gefaltet, den "Peacemaker". Davon wusste die Bundeswehr nichts - und hätte den Soldaten-Workshop andernfalls womöglich abgesagt, meint Bölter; gerade in der heiklen Zeit, als DER SPIEGEL 2011 den höchst heiklen Kampfpanzer-Deal mit Saudi-Arabien aufdeckte. Beide Projekte zusammen dokumentiert Bölter in einem Video.

Der Stabilität wegen durften beim "LEOrigamiPARD III" ausnahmsweise ein Gerüst und andere Techniken der Stabilisierung zum Einsatz kommen. Traditionell geht es beim fernöstlichen Kunsthandwerk darum, aus meist quadratischem Papier ganz ohne Schere, Klebstoff oder andere Hilfsmittel dreidimensionale Figuren zu falten. Designerin Wißling hat immer neue Origami-Ideen. Auf ihre Erfolge ist sie stolz - und freut sich sichtlich, es anderen gezeigt zu haben: "Ich wurde oft schief angeguckt." Das habe sie jedoch nur angespornt und zu einer "Krawall-Falterin" gemacht, sagt sie und lacht.

Von der "Krawall-Falterin" zur preisgekrönten Designerin

Inzwischen ist aus dieser "Krawall-Falterin" eine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden. Geld in die Kasse spülen ihr derzeit vor allem Kunstprojekte und Vorträge oder Workshops an Hochschulen. Aber auch Unternehmen werden zunehmend auf Wißling aufmerksam, vier Jahre, nachdem sie den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat.

So will beispielsweise ein Lampenhersteller mit ihr zusammenarbeiten. Außerdem hat sie eine mobile Notunterkunft konzipiert, die sich einfach zusammenfalten lässt. Und demnächst soll sie bei einem Workshop für die Raumfahrt auftreten. In dieser Branche sieht sie großes Potential: "Der Transport in den Weltraum ist teuer. Deshalb muss alles, was nach oben soll, klein gepackt werden."

Auch in der Medizin gibt es Einsatzmöglichkeiten für ihre Falten, etwa in Implantaten, die in den Körper eingesetzt werden und sich dort auf ihre wahre Größe entfalten. Oder in Autos, beispielsweise Airbags oder Cabriodächer - alles muss möglichst platzsparend im Wagen untergebracht werden, schließlich wollen auch Cabriofahrer nicht auf einen ausreichend großen Kofferraum verzichten.

Neben Ideen, wie sie etwa Airbags oder Sonnensegel noch kleiner kriegen kann, braucht Wißling für ihre Arbeit ein gutes Konzentrationsvermögen. Vor allem bei großen Objekten, die oft gefaltet werden müssen, wie etwa der Panzer. "Da überlegen Sie sich schon, wann Sie einen Kaffee trinken und wann Sie aufs Klo gehen", sagt die Sauerländerin und lacht. "Wenn man sich einmal verfaltet, sind viele Stunden Arbeit umsonst gewesen."

Tonia Haag/dapd/Jochen Leffers

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1. siehe auch ....
artie.fischl 20.09.2012
.... TED: Ideas worth spreding Robert Lang: The math and magic of origami | Video on TED.com (http://www.ted.com/talks/lang/en/robert_lang_folds_way_new_origami.html) faszinierend
2. Leopard?
deedl 21.09.2012
Von ner Preisgekrönten Designerin, der auch noch technische Zeichungen eines Leopard zur Verfügung standen, kann man schon erwarten, dass das Ergebis dann auch wie ein Leopard aussieht und nicht wie etwas, das ein Grundschüler gemalt hat ...
3. Steel Origami
spon-facebook-1107822038 22.09.2012
In Las Vegas faltet Luis Varela-Rico Skulpturen und Möbel aus Stahl: Artist Series - Luis Varela-rico - Steel Origami on Vimeo (http://vimeo.com/22966117#)
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