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Profiler am Tatort "Zeugenaussagen brauche ich nicht"

SPIEGEL ONLINE

Tatort-Fotos von Leichen und Mordwerkzeugen sind sein Alltag: Axel Petermann arbeitet als Fallanalytiker bei der Bremer Kripo. Im Interview erklärt er, wie Profiler rätselhafte Gewaltverbrechen entschlüsseln.

KarriereSPIEGEL: Sie sind Profiler - auf Deutsch: Fallanalytiker. Was macht ein Fallanalytiker?

Petermann: Wir versuchen, bei ungeklärten Verbrechen anhand von Verhaltensmustern einen Tathergang zu rekonstruieren, um das Motiv und die Persönlichkeit des Täters zu bestimmen. Manchmal geschehen Verbrechen, deren Motiv man zunächst nicht versteht. Wenn man sich aber die Fotos von verschiedenen Tatorten anschaut und fragt, welche Spuren auf besondere Empfindungen des Täters hindeuten, dann findet man ähnliche Wiederholungen und Tatmuster.

KarriereSPIEGEL: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Petermann: In einem meiner Fälle wurde eine Frau von ihrem Lebensgefährten getötet. Er hasste seine Frau und gab ihr die Schuld dafür, dass er trank. Als er sie tötete, zerschlug er ihr mit Fäusten das Gesicht. Auf diese Weise nahm er der Frau ihre Persönlichkeit. Nach ihrem Tod stellte er neben die Leiche eine Bierflasche, steckte ihr eine Zigarette zwischen die Finger und spreizte ihr die Beine. Das symbolisiert genau, was er ihr vorgeworfen hat: "Trinken, qualmen und mit den jungen Böcken aus der Nachbarschaft fremdgehen", wie er sagte. Am Tatort zeigte sich ganz deutlich, was er für seine Frau empfunden hat - oder eben nicht empfunden hat.

KarriereSPIEGEL: Und das ist keine krasse Ausnahme, so ein Verhalten findet man auch in anderen Fällen?

Petermann: Ja, so oder so ähnlich. Wenn Männer beispielsweise Hass und Wut gegen Frauen empfinden, dann degradieren sie diese, indem sie in die Körperhöhlen ihrer Opfer Werkzeuge, Kerzen oder andere Gegenstände stecken. Die Handlung bleibt aber die gleiche - und sie bedeutet auch immer das Gleiche. Die Spur am Tatort symbolisiert die Gedanken und Überlegungen des Täters.

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9  Bilder
Toter im Nachtzug: Ein Fall für den Profiler
KarriereSPIEGEL: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der klassischen Ermittlungsarbeit?

Petermann: Die Mordkommission geht anderen Spuren nach, stellt andere Fragen: Wer hat das Opfer zuletzt gesehen? Wer war in der Nähe des Tatorts und hat sich verdächtig verhalten? Gibt es Fingerabdrücke, Blutspuren oder Zeugenaussagen? Das interessiert den Fallanalytiker kaum. Seine Arbeit basiert auf drei Säulen: dem Tatort, der Leiche mit ihren Verletzungen und der Opferpersönlichkeit. Deswegen brauche ich die ganzen Akten mit den Zeugenbefragungen auch kaum.

KarriereSPIEGEL: Um die Arbeit des Profilers rankt sich ja auch etwas Mythisches. Sie wird in vielen Fernsehserien beschrieben...

Petermann: Dieser Mythos ist mit dem Bösen verbunden. Ich bin mir sicher, dass wir Menschen Gutes und Böses in uns tragen. Wir haben zwar gelernt, gefährliche Gefühle im Griff zu halten. Trotzdem wollen wir dem Bösen nahe sein - und sehen: Was kann ich an Bösem ertragen, das andere im Fernsehen stellvertretend für mich ausführen? Wie viel Brutalität und Gewalt halten wir aus, und warum? Um am Ende bei Fernsehfilmen immer wieder aufs Neue Genugtuung darüber zu erfahren, dass doch alles nur Fiktion und nicht Realität ist - wohl wissend, dass Protagonisten, wie etwa der Kommissar, uns als moralische Saubermacher dabei begleiten und dem Bösen schlussendlich Einhalt gebieten.

KarriereSPIEGEL: Macht das auch den Reiz Ihrer Arbeit aus?

Petermann: Es ist faszinierend, in die Welten anderer Menschen einzutauchen, die mir sonst verschlossen bleiben. Außerdem kann ich mir keinen kreativeren Beruf vorstellen und keinen mit einer so einfachen, aber unglaublichen Herausforderung: Dinge, die zunächst keinen Zusammenhang zeigen, zueinanderzubringen. Aber es ist nicht nur die Vielfalt der unterschiedlichen Aufgaben, es sind der Reiz und die Faszination des Bösen, die Frage nach dem "Whodunit" ("Wer hat's getan?"), das Rätsel über das Warum. Es ist vor allem auch die Gewissheit, die Aufklärung des Verbrechens dem Opfer und seinen Angehörigen schuldig zu sein. Und der Anspruch, die Gesellschaft vor gefährlichen Tätern zu schützen.

KarriereSPIEGEL: Ist jeder Fall völlig neu und einzigartig, oder gibt es manchmal überraschende Querverbindungen?

Petermann: In einem meiner Fälle wurde der Leichnam einer Frau in einem Neubau gefunden. Erst hatten wir kaum Anhaltspunkte, was geschehen sein könnte. Aber dann entdeckten wir in einem Nebengebäude eine Gasmaske in einer Plastiktüte mit Klebeband und Handschuhen. Das hat mich an einen älteren Fall erinnert: Einen autoerotischen Unfall - jemand starb mit der Gasmaske auf dem Kopf, weil er die Luftzufuhr zu sehr gedrosselt hatte. Das legte die Vermutung nahe, auch der aktuelle Fall könnte etwas mit Sadomasochismus zu tun haben. Ich habe eine Domina gefragt, ob solche Masken häufig bei entsprechenden Sexpraktiken genutzt werden - sie bestätigte mir das. Meine Annahme war richtig: In der Maske fanden wir DNA, über die wir den Täter ermitteln konnten. Manche Mörder haben eben Phantasien, die wir nicht nachvollziehen können. Das reizt mich auch, dieses Rätsel zu lösen. Ich hole mir deshalb Hilfe von Experten, die dazu etwas sagen können.

KarriereSPIEGEL: Aber ist es nicht eine ungeheure Belastung, ständig mit Gewaltphantasien konfrontiert zu werden?

Petermann: Für mich war es ein langer Weg, bis ich sagen konnte: Der Tote ist ein Untersuchungsobjekt, er kann mir viel verraten. Dafür muss ich einiges ausblenden. Ich merke mir keine Namen von Opfern, auch die Tatorte vergesse ich möglichst schnell wieder. Sonst könnte ich ja gar nicht mehr durch meine Stadt laufen, ohne zu denken: Dort ist etwas Schlimmes passiert. Ich kann ganz gut verdrängen.

KarriereSPIEGEL: Sie vergessen fast alles einfach?

Petermann: Als ich angefangen habe, ein Buch über meine Arbeit zu schreiben, bin ich in die Fälle noch mal ganz tief hineingerutscht und habe sie sehr intensiv nachempfunden. Da habe ich einiges aufgearbeitet.

KarriereSPIEGEL: Mit vielen Tätern haben Sie intensive Gespräche geführt, um mehr über ihr Verhalten am Tatort, ihre Motive zu erfahren. Haben Sie für die Mörder auch so etwas wie Sympathie empfunden?

Petermann: Ich weiß nicht, ob es Sympathie ist. Ich habe den Menschen gesehen und nicht das, was er getan hat. Einmal habe ich mit einem Serienmörder über seine Phantasien gesprochen. Im Gespräch hat er vieles sehr differenziert gesehen. Doch bei den Taten "tickte" er auf einmal aus, war ein anderer Mensch. Während ich mich mit ihm unterhalten habe, habe ich nichts von diesen Gefühlen und Zwängen mitbekommen, die er während der Tat empfunden haben muss. Deswegen sträube ich mich, von diesen Menschen als Bestien oder Monstern zu sprechen. Das behagt mir nicht.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie nicht Angst, dass dieses Böse auch in sonst friedliebenden Normalmenschen steckt?

Petermann: Ich denke schon, dass einem der Kragen platzten kann und man das Erstbeste nimmt und zuhaut. Aber dass wir uns konkret hinsetzen und planen, diesen Mord möchte ich begehen, ganz perfide - das kann ich mir nicht vorstellen. Es wird zwar behauptet: Jeder Mensch kann zum Mörder werden. Aber das möchte ich einfach nicht glauben, obwohl es immer wieder dazu kommt.

  • Das Interview führten Leila Knüppel und Benjamin Braden, Redakteure im Multimedia-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

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1. ...
Ravenlore 14.12.2011
Wenn der Mann sich im Abteil erschoss, wie konnte die Tatwaffe dann später neben dem Gleis gefunden werden?
2.
hbhbhb 14.12.2011
Zitat von RavenloreWenn der Mann sich im Abteil erschoss, wie konnte die Tatwaffe dann später neben dem Gleis gefunden werden?
"Drei von Petermanns Fällen dienten schon als Vorlage für den Fernseh-"Tatort" der ARD - darunter auch der Fall des "Toten im Nachtzug", verfilmt mit Nina Kunzendorf und Joachim Król als Kommissarteam und ausgestarhl Mitte November 2011." In dem Tatort wird eben dieser Fall als Vorlage genutzt. Der Schuss in den Bauch tötet nicht sofort und lässt noch genug Zeit die Waffe aus dem Fenster zu werfen.
3. Dangerous Minds: Profiling leicht gemacht
koroview 14.12.2011
Zitat von sysopTatort-Fotos von Leichen und Mordwerkzeugen sind sein Alltag: Axel Petermann arbeitet als Fallanalytiker bei der Bremer Kripo. Im Interview erklärt er, wie Profiler rätselhafte Gewaltverbrechen entschlüsseln und warum er Namen der Opfer besser vergisst. Profiler am Tatort: "Zeugenaussagen brauche ich nicht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,803391,00.html)
Malcolm Gladwell, ein beachteter investigativer Journalist der New Yorker Magazine verblüfft mich immer wieder, wie er scheinbar belegten und bekannten Praktiken neu beleuchtet. In seinem Artikel "Dangerous Minds" gladwell dot com - dangerous minds (http://gladwell.com/2007/2007_11_12_a_profile.html), erzählt er die Geschichte von "Profiling" und warum es eigentlich selten die in Fernsehserien oder in Kinofilmen dargestellten Ergebnisse bringt. Profiling ist nach seinem Ansicht kein empirisch belegte und wissenschaftlich belegbare Methode. Profile profilieren sich eher selber. Auf deutsch erschienen in "Was der Hund sah", Campus, 2011 MfG Dr. G.L, Essen
4. Ergänzung
BlakesWort 14.12.2011
Zitat von koroviewMalcolm Gladwell, ein beachteter investigativer Journalist der New Yorker Magazine verblüfft mich immer wieder, wie er scheinbar belegten und bekannten Praktiken neu beleuchtet. In seinem Artikel "Dangerous Minds" gladwell dot com - dangerous minds (http://gladwell.com/2007/2007_11_12_a_profile.html), erzählt er die Geschichte von ....
Operative Fallanalyse ist keine Wunderwaffe, sicher. Zumal die Eingrenzung auf die Täter oft auf eine sehr große Personengruppe zutrifft. Die meisten Tötungsdelikte werden von Bekannten oder Familienangehörigen vollzogen und in der Regel schnell gelöst. Gibt es keine Täter-Opfer-Beziehung, wie es bei Serientätern oftmals der Fall ist, hilft Profiling, eine riesige Zahl möglicher Täter auf eine immer noch zu große Tätergruppe einzugrenzen. Allerdings stimmen viele der vorhergesagten Eigenschaften der Täter im Nachhinein dann doch - wie viele Vermutung der Fallanalytiker falsch waren, wird natürlich nicht veröffentlicht. Die sprechen die Empirie zu recht an, die Datenlage ist mau, bessert sich aber von Jahr zu Jahr, da nicht wenige Täter dem Drang nach Öffentlichkeit erliegen und mit den bekannten Analytikern arbeiten wollen. Eine moralische Gratwanderung, wenn man mich fragt. Ich kann jedenfalls das Buch von Petermann und Co-Autor Strüh empfehlen, denn diese Räumen eben mit jenen Vorurteilen auf, sie wären Genies, die in CSI-Manier jeden Fall mit ein bischen Knobelei lösen.
5. Kein Faszinosum fuer alle
Ursprung 15.12.2011
Zitat von sysopTatort-Fotos von Leichen und Mordwerkzeugen sind sein Alltag: Axel Petermann arbeitet als Fallanalytiker bei der Bremer Kripo. Im Interview erklärt er, wie Profiler rätselhafte Gewaltverbrechen entschlüsseln und warum er Namen der Opfer besser vergisst. Profiler am Tatort: "Zeugenaussagen brauche ich nicht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,803391,00.html)
Ein interessantes Interview und auch interessantes Thema. Doch das mit dem Boesen und Guten parallel im Menschen wird durch zu diesem Thema forschenden Universitaetsgruppierungen statistischueberwiegend nicht bestaetigt. Danach sieht es mit der Gut/Boese-Verteilung, besser: Gewaltaffininitaet im Menschen offenbar global (alle untersuchten Menschengruppenin den unterschiedlichsten Sozietaeten) in etwa wie folgend aus: 2 % pathologisch, meist hochintelligent, zerstoererisch angelegt, Gewalt kann jederzeit zum Ausbruch kommen, untherapierbar, wissend um die eigene Disposition und ein Leben lang vorsorglich in Camouflage. 10 % ausgesprochen gewaltaffin aber nicht pathologisch und unabhaengig von kognitiver Kapazitaet. Aus diesem Bereich speisen sich Raedelsfuehrer zu Krawallen und Demostrassenschlachten, Schlaegertypen mit Spass daran, nicht camouflierend. 30 % mit Gewaltpotential in entsprechendem Kontext. Ist die Gruppe oder sind die Zeiten gewaltaffin, werden diese Leute es meistens auch. 58 % generell nicht gewalttatengefaehrdet. Sozusagen toetungsunwillige Soldaten, die allenfalls ritualisiert oder unter Gruppendruck oder anders unter Druck gesetzt Gewalttaten begehen oder mitmachen oder unter unkritischer Gedankenlosigkeit. Die "Faszination des Boesen" duerfte also "nur" auf die zusammengefassten 42 % zutreffen, nicht auf die 58%, die dem Boese/Gewalttaegige eher verstaendnislos, nicht fasziniert gegenueberstehen.
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