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Drecksjob Wie ein Forscher Staub zu Geld macht

SPIEGEL ONLINE

Helmut Parr verdient sein Geld mit Staub, Preis 200 Euro pro Kilo. Allerdings handelt es sich nicht um schnöden Allerweltsdreck, sondern um Prüfstaub, streng genormt und steril. Seine Spezialität: Fitnessstudio-Wollmäuse mit Schweiß-Beilage.

Er prasselt aus dem Weltall auf die Erde nieder, setzt sich in Ecken und Winkeln fest, sorgt für Allergien und Niesreiz: Staub. Jeder, der selbst putzen muss, findet, dass es zu viel davon gibt. Helmut Parr aber stellt Staub her, in großen Mengen und mit Hightech.

Der Forscher zieht seinen weißen Laborkittel über, öffnet eine silberne Dose und verteilt den Inhalt auf dem Testteppich. Weiß und keinesfalls unappetitlich rieselt sein Prüfstaub auf den Boden. Beste Baumwolle, ein Dolomit-Mineral und Zellulose-Pulver sind in der flockigen Masse drin.

Parr hat aus der Produktion von Staub ein Geschäft gemacht. Nicht aus Liebe zum Schmutz, sondern als Beitrag im Kampf gegen Krümel und Krumen. Seine Firma Deutsche Montantechnologie (DMT) in Essen stellt Prüfstäube her - und sorgt für ein Normsystem, für Ordnung im Staub.

Hausstaub, Straßenstaub, ja, selbst Geldstaub - sie haben jeweils ihre ganz spezielle Zusammensetzung, ihr individuelles Rezept. Bei Warentests und Zulassungen muss daher jedem Staubsauger und jeder Filteranlage die jeweils richtige, streng genormte Dreckmischung vorgesetzt werden. Nur so lassen sich die Staubsaugermodelle vergleichen. Möchte ein Hersteller ein besonderes Gütesiegel für sein Haushaltsgerät, führt daher kein Weg vorbei an Helmut Parrs patentiertem Prüfstaub-Typ Nummer acht: Hausstaub mit der DIN-Norm IEC 60312.

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Prüfstaub: Dreck nach DIN-Norm
In seinem Labor wird die spezielle Mischung in großen Töpfen angerührt, Baumwolle zerhäckselt, jede Zutat genau abgewogen. Dann spannt Parr den Topf in eine Mischtrommel. Die Zutaten werden zwei Stunden lang gedreht und gewendet. "Vorsichtig unterheben, würde im Kochrezept stehen", sagt Parr. Nur so entstehen die für den Hausstaub so typischen Wollmäuse.

Kanarienvogel im Staubsaugerbeutel

Das exakte Mischungsverhältnis der Rezeptur verrät der DMT-Projektleiter nicht. Immerhin so viel steht fest: Der Prüfstaub ist gesundheitlich unbedenklich. Um das sterile Pülverchen zu entwickeln, musste der Wissenschaftler allerdings ziemliche Drecksarbeit auf sich nehmen: Denn woraus Hausstaub wirklich besteht, kann nur erfahren, wer sich durch den Inhalt hunderter Staubsaugerbeutel wühlt - Hundehaare und abgeknipste Zehennägel inklusive. "Eine tote Maus oder ein Kanarienvogel waren auch schon mal drin", erzählt Parr. Einen Wissenschaftler schreckt das nicht ab.

Vor Parrs Büro steht ein alter Pappkarton mit der Aufschrift "Volle Staubsaugerbeutel". Spenden von Arbeitskollegen und Freunden sind weiterhin willkommen. Schließlich muss die Dreck-Mischung immer wieder überprüft werden. Mit den Lebensgewohnheiten der Menschen ändert sich auch die Dreck-Zusammensetzung.

"Gibt es nicht schon genug Dreck? Warum machst du noch mehr?", witzeln seine Freunde. Dabei sei sein Interesse am Inhalt von Staubsaugerbeuteln aus der Not geboren, erzählt Parr. Mit dem Verschwinden der Zechen in Essen verschwand auch der Kohlestaub. Der Himmel über dem Ruhrgebiet wurde blau. Parrs Firma, die bisher filigrane Filteranlagen zum Schutz der Bergarbeiter vor Lungenerkrankungen herstellte, verlor ihre Aufgabe.

Keine Zechen, kein Kohlestaub, kein Job

Als dann vor zehn Jahren Staubsaugerhersteller Experten suchten, die einen Prüfstaub für ihre Entwicklungsabteilungen liefern konnten, begann Parrs zweite Forscherkarriere. Heute erinnert nur noch eine alte Kohlenlore in der Unternehmenseinfahrt an die Bergbau-Vergangenheit von DMT. Parrs Prüfstäube sind dagegen zum weltweiten Verkaufsschlager geworden - bis nach Saudi-Arabien, Südamerika und Asien werden die Pülverchen verschickt.

Auch ungewöhnliche Aufträge erhält der Wissenschaftler bisweilen. Ein Hersteller von Geldautomaten benötigte einen speziellen "Geldstaub", um Abnutzungserscheinungen der Geräte zu untersuchen. Ein Fitnessstudio wollte seine Geräte quietsch-resistent machen: Also musste zu Testzwecken ein spezieller Sport-Schweiß-Dreck entwickelt werden.

12 Uhr, die Hausstaubmischung ist fertig gedreht und gewendet und kann nun abgefüllt werden. Parr zieht den weißen Laborkittel aus und schlüpft in seine Jacke. Zum Mittagessen geht es nach Hause - schließlich wohnt er direkt um die Ecke, in der alten Bergbausiedlung Essen-Frillendorf.

Vor dem Werkstor von DMT zeigt Helmut Paar in Richtung Firmenparkplatz. Direkt hier begann das Zechengelände. Auf einem Teil der Fläche steht jetzt ein Gewerbegebiet. Geblieben sind nur die Straßennamen: "Am Schacht Hubert", "Zeche Katherina", "Am Luftschacht". Helmut Parr ist Wissenschaftler und als solcher dem Fortschritt zugetan. Insgeheim aber scheint sein Herz noch der guten alten Zeit zu gehören; dem dreckigen Kohlestaub, nicht der weißen sterilen Masse, Prüfstaub Typ acht.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Leila Knüppel (Jahrgang 1978) arbeitet als freie Multimedia-Journalistin in Köln.

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