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Steuerberater "Nach der Prüfung kann es sein, dass Sie allein sind"

Stefan Ziegler hat es geschafft: Er hat die Prüfung zum Steuerberater bestanden Zur Großansicht
Peter Ilg

Stefan Ziegler hat es geschafft: Er hat die Prüfung zum Steuerberater bestanden

Die Prüfung zum Steuerberater ist einer der härtesten Berufstests im Land. Bundesweit fällt jeder Zweite durch. Stefan Ziegler hat das nicht eingeschüchtert. Nach der Ausbildung im Finanzamt stand er auf der Straße und dachte sich: Jetzt erst recht.

Vor der Prüfung zum Steuerberater war Stefan Ziegler, 31, gewarnt worden. Sinngemäß stand in dem Antwortbrief des Steuer- und Rechtsinstituts, mit dessen Hilfe er sich vorbereiten wollte: "Nach der Prüfung kann es sein, dass Sie allein sind. Viele Beziehungen halten der extremen Belastung nicht stand."

Ziegler wohnte damals schon mit seiner Freundin zusammen und arbeitete als Sachbearbeiter in einer großen Steuerkanzlei in Aalen. Er kannte die Zahlen: Mehr als die Hälfte der Prüflinge, 51,4 Prozent, fielen im Jahrgang 2010/2011 bundesweit durch. Doch sein Berufsziel stand fest. Und Ziegler ist zäh. Ein Typ, der sich durchbeißt.

Eineinhalb Jahre vor dem Prüfungstermin liefen seine Vorbereitungen an. Zehn Monate Fernkurs mit Lehrbriefen und Klausuren, fünf Monate Klausurenkurs, ebenfalls im Fernunterricht, gefolgt von einem zweiwöchigen Präsenzkurs, in dem unter Wettbewerbsbedingungen Prüfungen geschrieben werden.

Ziegler büffelte parallel zur Arbeit, unter der Woche abends drei Stunden und die gesamten Wochenenden hindurch. Die letzten drei Monate vor der Prüfung nahm er unbezahlten Urlaub. Dann war es so weit: Gemeinsam mit etwa 750 anderen saß er im Glaspalast in Sindelfingen, einem Ort für Sportveranstaltungen und Konzerte. "Es war laut, weil Hunderte in ihren Gesetzestexten hin und her blätterten", sagt er. "Und das Schwierigste ist die enorme Stoffmenge, die man im Kopf haben soll."

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Harte Abschlussprüfungen: Wo 70 Prozent durchfallen
Drei Tage dauerte die schriftliche Prüfung, jeweils sechs Stunden lang. Am ersten Tag Verfahrensrecht, daran scheitern die meisten, dann Ertragsteuern und Buchführung, zuletzt Bilanzierung. Nur wer mit Note 4,5 oder besser abschneidet, wird zur mündlichen Prüfung eingeladen. Zwei Monate später kam die langersehnte Post: Ziegler lag mit 4,0 im vorderen Drittel der Teilnehmer.

Die mündliche Prüfung dauerte vier Stunden. Zusammen mit vier anderen Anwärtern saß er sechs Prüfern gegenüber. Eine quälende Viertelstunde lang berieten sie sich, dann wurden alle gemeinsam aufgerufen: "Als wir den Raum betraten, haben die Prüfer gegrinst. Alle hatten bestanden. Wie erlösend!"

Zwei Jahre ist das nun her. Ziegler arbeitet immer noch in der Steuerkanzlei in Aalen, aber nun nicht mehr als Sachbearbeiter, sondern als Steuerberater. Hat sich die Plackerei gelohnt? "Der Titel hat mir interessantere Aufgaben gebracht, höhere Verantwortung, mehr Vertrauen vom Chef und den Mandanten und ein höheres Einkommen", sagt Ziegler. "Und längere Arbeitszeiten."

Rund 15.000 Euro hat ihn die Prüfung samt Vorbereitung gekostet. Sein Arbeitgeber hätte ihm die Ausbildung bezahlt, doch Ziegler verzichtete auf die finanzielle Unterstützung, er wollte unabhängig bleiben und sich lieber ein höheres Gehalt aushandeln. Er mag klare Verhältnisse.

Nach der Ausbildung nicht übernommen - zum Glück

Eigentlich wollte er Banker werden. Das hätte gepasst. Die markante schwarze Brille, der perfekt sitzende Anzug, seine höfliche und zuvorkommende Art: ja, genau so stellt man sich einen Banker vor. Doch für das duale Studium bei einer großen Bank hätte er sein Heimatdorf, ein Örtchen mit 60 Einwohnern auf der Ostalb, verlassen müssen. Und das wollte er nicht.

Zum Finanzamt kam Ziegler, als die Behörde seine Eltern zur Abgabe der Steuererklärung aufforderte. In dem Brief steckte ein Werbezettel: "Wir bilden auch aus." Beworben hat er sich vor allem, "weil der Ausbildungsort nicht so weit weg war". Sein Urteil über die Ausbildung ist zwiespältig. Es wurde viel Fachwissen vermittelt, alles andere sei typisch Amt gewesen: Ob eine Steuererklärung heute oder morgen bearbeitet wurde, sei völlig unerheblich gewesen.

Sein Abschlusszeugnis war nur mittelmäßig, er wurde nicht übernommen. Im Nachhinein ist er froh darüber. Er wollte ohnehin nicht gern auf Dauer in einer Behörde arbeiten. Hätte er gekündigt, hätte er die Kosten für die Ausbildung übernehmen müssen. So konnte er ohne zu bezahlen gehen - und hatte Spaß an Steuerthemen gefunden.

Ihm gefällt, dass es ständig Gesetzesänderungen gibt, man gezwungen ist, sich permanent fortzubilden. Und er mag den rechtlichen Spielraum, den es bei Steuererklärungen gibt. "Erstellen ist etwas ganz anderes als prüfen", sagt er. Beim Finanzamt stand der Staat im Mittelpunkt, jetzt sind es die Mandanten. Und für die reizt er alle Ermessensspielräume aus.

Im vergangenen Sommer schließlich hat er seine Freundin geheiratet, sie wohnen jetzt im Nachbardorf seiner Eltern. Die Kosten für die Ausbildung hat Ziegler in seiner Steuererklärung geltend gemacht.

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. optional
sprechweise 07.02.2014
Wie verlogen ist die Diskussion um die Steuermoral, wenn man nur nach aufwendigem Einarbeiten in die Gesetze eine korrekte Steuererklärung abgeben kann, ohne zu viele zu bezahlen?
2. Einfachheit
mightymarcs 07.02.2014
Jetzt weiß man auch ,warum unser Steuersystem niemals vereinfacht wird.
3. Na ja
kbank 07.02.2014
... wie eigentlich überall gibt es auch hier funktionierende Seilschaften, so ist oftens der dämliche Nachwuchs von etablierten Steuerberatern (teilweise ja auch im Prüfungsausschuss) wie Wunder auch Steuerberater(in)? Das sich so auch interessante Seilschaften zu den Finanzbehörden entwickeln sollte eigentlich jedem klar sein.
4.
wandfarbe 07.02.2014
Naja, die Komplexität der Steuergesetze ist wohl eher die Folge des typisch deutschen Wunsches nach Einzelfallgerechtigkeit...
5. Gratulation dem Autor
Anton Waldheimer 07.02.2014
Gut gemacht und interessant dargesellt
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