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Psychiater für Soldaten Kämpfer gegen das Trauma

Psychiater Holzschuher: "Bilder vom Anschlag in Afghanistan vor Augen" Zur Großansicht
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Psychiater Holzschuher: "Bilder vom Anschlag in Afghanistan vor Augen"

Anschläge, Tod und Gräuel: Bundeswehrsoldaten können die Erlebnisse aus dem Auslandseinsatz oft ein Leben lang nicht vergessen. Einige erkranken an posttraumatischen Belastungsstörungen. Der Psychiater Oliver Holzschuher hilft ihnen. Und benutzt dafür auch ein Haargummi.

Immer wieder kommen diese Bilder in ihm hoch. Bilder von Albanern und Serben, ehemaligen Nachbarn, die sich gegenseitig umgebracht haben. Dann lässt er sein rotes Haargummi an seinem linken Handgelenk schnalzen. Es holt den 50-jährigen Soldaten, der seinen Namen nicht nennen möchte, zurück ins Hier und Jetzt. Zurück ins Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz, zurück zu Oliver Holzschuher.

Der Psychiater behandelt auf seiner Station Kameraden mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) - fast alle waren zuvor mit der Bundeswehr im Auslandseinsatz. Seit drei Jahren kämpft auch der 50-Jährige mit dieser Diagnose, davor in Afghanistan, Mazedonien und im Kosovo. Irgendwann kam er mit seinen Erinnerungen nicht mehr zurecht - seitdem wird er von Holzschuher behandelt. "Es existierte kein Abschalten mehr, der Einsatz ging immer weiter", sagt der Berufssoldat. Er habe nicht mehr schlafen können, sei aggressiv und schreckhaft geworden.

Das sind typische PTBS-Symptome, sagt Holzschuher. Bei der Erkrankung spielen sich traumatische Szenen immer wieder im Kopf ab. "Die Soldaten haben etwa die Bilder vom Anschlag in Afghanistan vor Augen und können dieses Buch einfach nicht mehr zumachen", so Holzschuher. Häufige Folgen seien sozialer Rückzug und extreme Stimmungsschwankungen.

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Die Zahl der Erkrankten steigt. Der Sanitätsdienst hat 2009 in der Bundeswehr 466 Fälle gezählt, 2012 waren es schon 1143. Das Problem einsatzbedingter psychischer Erkrankungen habe sich weiter verschärft, heißt es auch im Jahresbericht 2012 des Wehrbeauftragten des Bundestages.

Eine Dunkelzifferstudie der Technischen Universität Dresden sieht das PTBS-Risiko nach einem Auslandseinsatz um das Vierfache erhöht. Die Experten gehen davon aus, dass jede zweite Erkrankung unerkannt und damit unbehandelt bleibt. Insgesamt leidet der Studie zufolge jeder vierte Einsatzteilnehmer an psychischen Störungen bis hin zu PTBS.

Immer wenn die Anspannung in den Einsatzgebieten steigt, wenn es mehr Gefechte oder Anschläge gibt, steigt auch die Zahl seiner Patienten, erklärt Holzschuher. Psychiater sind bei der Bundeswehr deshalb gefragt. Doch von den 44 Dienstposten im Sanitätsdienst der Bundeswehr sind nur 29 besetzt. Psychiater seien schwer zu bekommen und noch schwerer zu halten, heißt es beim Kommando Sanitätsdienste. Sie haben auch im zivilen Leben sehr gute Karrierechancen.

Das Buch mit den furchtbarer Bilder schließen

Fälle wie der des 50 Jahre alten Soldaten sind typisch für PTBS. Im Ausland ist der Belastungsgrad sehr hoch: Die Soldaten sind weg von zu Hause und einer Bedrohungslage ausgesetzt. "Wenn sie von Anschlägen in der Nähe hören, macht das was mit den Leuten," sagt Holzschuher. Einige kommen damit klar, andere nicht - entscheidend dafür sei die Widerstandsfähigkeit. "Aber auch das kann sich plötzlich ändern, wenn etwa die Kinder krank werden oder das Haus nicht mehr bezahlt werden kann."

Sind die Soldaten erst erkrankt, behandelt Holzschuher und seine Kollegen die Betroffenen, indem sie die Patienten zunächst stabilisieren und dann mit dem Trauma konfrontieren. "Dabei lernen sie, wie sie mit dem Erlebten umgehen können." Wie sie also das Buch voller furchtbarer Bilder schließen - zumindest für eine Weile.

Die Behandlungsdauer variiert zwischen einigen Monaten und vielen Jahren. Als es bei dem heute 50 Jahre alten Soldaten anfing, lag er nachts wach oder ging spazieren und musste morgens übermüdet zum Dienst. "Irgendwann funktionierte nichts mehr." Mit Freunden oder Verwandten habe er nicht reden können, weil vieles über seine Einsätze geheim war. Außerdem gestand er sich seine Probleme selbst nicht ein: "Ich wollte das nicht annehmen, dass ich als Mann etwas habe, das nicht zur Männlichkeit passt." Auch unter Kameraden ist das Thema schwierig. "Man gilt dann als der, der schwächelt."

Atemübungen gegen schlimme Bilder

Zu Beginn seiner stationären Therapie dachte der ehemalige Frontkämpfer: "Nach zwei Wochen ist alles vorbei. Doch das ist Unsinn." Immerhin wird er inzwischen ambulant behandelt. Die schlimmen Bilder vergessen kann er nicht, doch Holzschuher hat ihm gezeigt, wie er mit ihnen leben kann. Dazu zählen Atemübungen und das rote Haargummi - sein Buchzuschlager sozusagen. Komplett überwunden hat er sein Trauma nicht. Immer wieder gibt es Rückschläge, auch seine Ehe veränderte sich. "Die Beziehung leidet auf jeden Fall darunter", sagt er. "Der Weg ist mit Steinen gepflastert."

Seinen Alltag hat der Soldat wieder in den Griff bekommen. Er arbeitet als Kasernenfeldwebel, mit seinem alten Job hat das nichts mehr zu tun. "Es ist wichtig, dass man einen Schnitt macht."

Den macht er auch immer dann, wenn im Fernsehen über Bundeswehreinsätze berichtet wird. Dann schaltet er konsequent weg.

Christian Schultz/dpa/joe

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1.
Meli-2009 09.04.2013
Zitat von sysopDPAAnschläge, Tod und Gräuel: Bundeswehrsoldaten können die Erlebnisse aus dem Auslandseinsatz oft ein Leben lang nicht vergessen. Einige erkranken an posttraumatischen Belastungsstörungen. Der Psychiater Oliver Holzschuher hilft ihnen. Und benutzt dafür auch ein Haargummi. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/psychiater-fuer-soldaten-kaempfer-gegen-das-trauma-a-892562.html
Ich möchte nur ein einziges Mal in diesem Leben noch in Spiegel-Online mal einen Bericht darüber lesen, dass: - nur ein geringer Prozentsatz der Soldaten an PTBS erkrankt - die Mehrzahl der auf diesem Planeten von PTBS Betroffenen FRAUEN sind - die traumatische Erfahrung von Psychiatern selbst danach eingeteilt wird, ob es ein "man made"-Trauma war oder eins durch Naturkatastrophen, Kriege, etc. - dass "man made"-Traumata, wie es z.B. der sexuelle Missbrauch oder die Vergewaltigung darstellen, gravierendere und langanhaltendere Folgen hat als die Traumata, die Soldaten erleben. - dass es in der Versorgung der betroffenen Frauen und Mädchen seit Jahren ellenlange Wartezeiten gibt und niemand spricht darüber. - dass für die Soldaten die Entschädigungsregelungen großzügig immer neu erweitert werden, während Opfer von Missbrauch und Vergewaltigungen immer neue Hürden beim Opferentschädigungsverfahren nehmen müssen bis hin zu Glaubhaftigkeitsbegutachtungen - die anerkanntermaßen bei Traumatisierten überhaupt nicht greifen, deshalb häufig negativ ausfallen. Mir geht das dermaßen auf die Nerven, dass sich Journalisten - in Ermangelung ernsthafter Kenntnisse zum Thema PTBS - ständig vor den Karren der PR der Bundeswehrsoldaten spannen lässt. Das hat mit unabhängiger Berichterstattung nichts mehr zu tun, es hilft massiv dabei, die Realitäten zu verkehren, und ist somit für mich nichts anderes als Propaganda.
2. ...
raly 09.04.2013
Zitat von Meli-2009Ich möchte nur ein einziges Mal in diesem Leben noch in Spiegel-Online mal einen Bericht darüber lesen, dass: - nur ein geringer Prozentsatz der Soldaten an PTBS erkrankt - die Mehrzahl der auf diesem Planeten von PTBS Betroffenen FRAUEN sind - die traumatische Erfahrung von Psychiatern selbst danach eingeteilt wird, ob es ein "man made"-Trauma war oder eins durch Naturkatastrophen, Kriege, etc. - dass "man made"-Traumata, wie es z.B. der sexuelle Missbrauch oder die Vergewaltigung darstellen, gravierendere und langanhaltendere Folgen hat als die Traumata, die Soldaten erleben. - dass es in der Versorgung der betroffenen Frauen und Mädchen seit Jahren ellenlange Wartezeiten gibt und niemand spricht darüber. - dass für die Soldaten die Entschädigungsregelungen großzügig immer neu erweitert werden, während Opfer von Missbrauch und Vergewaltigungen immer neue Hürden beim Opferentschädigungsverfahren nehmen müssen bis hin zu Glaubhaftigkeitsbegutachtungen - die anerkanntermaßen bei Traumatisierten überhaupt nicht greifen, deshalb häufig negativ ausfallen. Mir geht das dermaßen auf die Nerven, dass sich Journalisten - in Ermangelung ernsthafter Kenntnisse zum Thema PTBS - ständig vor den Karren der PR der Bundeswehrsoldaten spannen lässt. Das hat mit unabhängiger Berichterstattung nichts mehr zu tun, es hilft massiv dabei, die Realitäten zu verkehren, und ist somit für mich nichts anderes als Propaganda.
ja - ist schlimm das ganze; 'man made' heisst allerdings nicht, dass es von einem Mann gemacht worden ist sondern von einem Menschen. Die englische Sprache differenziert da nicht, 'man' kann sich in diesem Kontext also sowohl auf Frauen wie auch Maenner beziehen. Darueber hinaus leiden Soldaten eben auch an jenem 'man made' PTBS, denn Kampfsaetze sind ja keine Naturkatastrophen sondern man made.
3. Soldat = Kampf
mulhollanddriver 09.04.2013
Wer sich als Soldat verpflichtet, muß damit leben, diese Bilder im Kopf zu haben. Vor allem muß er sich von Anfang an bewußt sein, was der Beruf mit sich bringt. Ich habe von keinem Rechtsmediziner oder Pathologen gehört, der über Bilder ein seinem Kopf klagt.
4. Vergewaltigungsopfer
herr_lg 09.04.2013
ich frage mich ernsthaft was jetzt die ptbs Erkrankungen von Vergewaltigungsopfern mit diesem Artikel zu tun haben? der Spiegel soll also zugunsten der Soldaten und gegen opfer sexueller Misshandlung Propaganda betreiben? ist das ihr ernst?
5. Meutern
BeBeEli 09.04.2013
Ich verstehe nicht, dass die Soldaten die Flinten nicht dem Bundestag vor die Füße werfen. Demokratie ist doch keine Entschuldigung für die Torheit und die Verantwortungslosigkeit der Politkaste.
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