Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaDepressionenRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Psychische Probleme im Job "Depressionen werden oft geheim gehalten"

Depressionen: "Betroffene fühlen sich wie versteinert" Zur Großansicht
DPA

Depressionen: "Betroffene fühlen sich wie versteinert"

Stress bei der Arbeit sei nicht der entscheidende Faktor für Depressionen, sagt der Psychiater Ulrich Hegerl. Die Krankheit werde zugleich bagatellisiert und dämonisiert.

Zur Person
  • Reinhard Kurzendoerfer
    Ulrich Hegerl (Jahrgang 1953) ist Professor für Psychiatrie und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig, außerdem ist er Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

KarriereSPIEGEL: Durch den schrecklichen Flugzeugabsturz in Frankreich ist auch das Thema Depression in die Öffentlichkeit gerückt. Hilft die verstärkte Aufmerksamkeit, damit künftig besser umzugehen?

Hegerl: Ich habe eher die große Sorge, dass aus diesem extremen Einzelfall generalisierte Rückschlüsse auf Depressive gezogen werden und damit die Fortschritte, die wir bei der Aufklärung und dem Kampf gegen die Stigmatisierung gemacht haben, wieder zerstört werden. Ich fände es absolut fatal, wenn Depressive bestimmte Jobs nicht mehr ausüben dürften. Unter den Betroffenen sind viele verantwortungsvolle Leistungsträger, auch in den Chefetagen.

KarriereSPIEGEL: Wie verbreitet sind Depressionen?

Hegerl: Sie gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt daran mindestens einmal im Leben. Insgesamt leiden derzeit etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

KarriereSPIEGEL: Wie kann ich erkennen, ob ein Mitarbeiter oder Kollege depressiv ist?

Hegerl: Depressive Menschen verändern sich in ihrem Verhalten und Erleben. Sie ziehen sich zurück, zeigen eine anhaltend pessimistische Haltung gegenüber sich selbst. Dazu kommen körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Ein klares Anzeichen ist das Gefühl der Gefühllosigkeit. Die Betroffenen fühlen sich wie versteinert. Auch Trauer wird nicht mehr wahrgenommen. Das unterscheidet eine Depression von normalen Reaktionen auf negative Lebensumstände wie Kränkung oder Misserfolg. Notwendig ist daher immer zuerst eine ärztliche Diagnose.

KarriereSPIEGEL: Wenn Depressionen so verbreitet sind, warum werden sie bisher so wenig ernst genommen?

Hegerl: Es gibt noch immer enorme Wissenslücken und eine Bagatellisierung. Viele glauben, Depression sei keine richtige Krankheit, der Betroffene komme halt nur mit dem Stress im Job nicht so gut zurecht. Auf der anderen Seite gibt es die Dämonisierung, Depression wird mit "Verrücktsein" gleichgesetzt. Diese seltsame Gemengelage führt dazu, dass die Erkrankung oft geheim gehalten und nicht behandelt wird.

KarriereSPIEGEL: Soll ich es meinem Arbeitgeber sagen, wenn ich depressiv bin?

Hegerl: Besteht ein vertrauensvolles Verhältnis, kann das hilfreich sein. Ansonsten muss der Betrieb aber nicht informiert werden.

KarriereSPIEGEL: Ist Stress der Hauptauslöser für Depressionen?

Hegerl: Entscheidend sind oft weniger die äußeren Umstände als die Veranlagung. Eine Depression kann genetisch bedingt oder durch eine frühe Traumatisierung erworben sein. Die äußeren Faktoren sind dann lediglich die Trigger und fehlen manchmal sogar ganz. Depressive nehmen alle negativen Ereignisse verstärkt wahr und rücken sie ins Zentrum ihres Lebens. Was das ist, ist meist austauschbar. Das können also die hohe Arbeitsintensität oder die Rückenschmerzen sein. Alle Probleme werden vergrößert, das führt zu Stress. Depression geht immer mit innerer Anspannung, Überforderungsgefühlen und Erschöpfung einher.

KarriereSPIEGEL: Äußere Stressfaktoren werden also überbewertet?

Hegerl: Ja. Allerdings führt die enorme Verdichtung der Arbeit dazu, dass depressive Menschen heute schneller in Schwierigkeiten kommen und ihren Job verlieren. Und wenn sie erst einmal arbeitslos sind, dann behindert sie die Depression auch oft bei der Jobsuche, weil ihnen der notwendige Antrieb dafür fehlt. Auch hier unterliegen wir einem gefährlichen Denkfehler, wenn wir glauben, dass der Jobverlust depressiv macht. Oft ist es genau umgekehrt: Eine nicht behandelte Depression führt zur Arbeitslosigkeit.

KarriereSPIEGEL: Aber im Job-Center fragt keiner danach, ob man depressiv ist.

Hegerl: Genau da setzt unser Konzept des psychosozialen Coachings an. Bei Modellprojekten mit Langzeitarbeitslosen konnten wir zeigen, dass die richtige Diagnose und Behandlung der Betroffenen auch ihre Chancen erhöht, einen neuen Job zu finden. Durch Unterstützung der Deutschen Bahn Stiftung können wir das Projekt jetzt ausweiten. Natürlich wissen auch andere Unternehmen, dass psychische Erkrankungen hohe Kosten verursachen, und versuchen daher etwa über Stressmanagement-Programme vorbeugend tätig zu werden.

KarriereSPIEGEL: Wenn Stress im Job nicht unbedingt der Auslöser ist, wie erklären Sie sich dann die starke Zunahme von Depressionen?

Hegerl: Das ist nur eine scheinbare Zunahme, da die Krankheit besser diagnostiziert wird. Eine Depression wird heute auch Depression genannt, früher verbarg sie sich etwa hinter Rückenschmerzen, und die haben deutlich abgenommen. Gleichzeitig ist die Zahl der Suizide in den vergangenen 30 Jahren von jährlich 18.000 auf 10.000 gesunken. Das heißt, es nehmen sich jeden Tag etwa 20 Menschen weniger das Leben. Da sehe ich einen Zusammenhang. Mehr Menschen holen sich Hilfe, und Depressionen lassen sich gut behandeln. Die meisten werden mit Antidepressiva behandelt, etwa zehn Prozent nur mit Psychotherapie - wobei das eher die jüngeren und nicht sehr schwer Erkrankten sind. Eine depressive Phase dauert unbehandelt meist einige Monate. Wer richtig behandelt wird, kann dies abkürzen und auch das Rückfallrisiko um 75 Prozent senken.

KarriereSPIEGEL: Was kann ein Unternehmen tun?

Hegerl: Personalverantwortliche brauchen Basiswissen über Depressionen und müssen wissen, was zu tun ist. Das ist ähnlich wie bei der Alkoholabhängigkeit, zu der es in Unternehmen seit Langem ein geregeltes Vorgehen gibt. Ein Vorgesetzter sollte aber auch in der Lage sein, ein Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter zu führen. Da gibt es viel Scheu und Unsicherheit. Deshalb ist es wichtig, Führungskräfte darin zu schulen.

KarriereSPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, dass der Chef zum Hobby-Psychologen wird?

Hegerl: Nein, Aufgabe ist es nicht, eine Diagnose zu stellen oder gar zu therapieren. Führungskräfte können aber dazu beitragen, dass im Unternehmen eine Kultur vorhanden ist, in der sich kein Betroffener verstecken muss und jeder möglichst schnell professionelle Hilfe bekommt.

  • Helga Kaindl
    Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger. Sie ist freie Journalistin in München.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Menschen sind wie Kugellager
Leser161 30.03.2015
Wenn man sie überlastet fressen sie sich fest. Selbst gesehen. Aber ein guter Fahrer/Manager weiss das man auch ohne superbelastbare Bauteile/Mitarbeiter was reißen kann, wenn man sie nämlich nur soweit belastet wie es geht. Aber leider verhalten sich viele Manager als hätten Sie irgendwo eine Kiste superbelastbarer Mitarbeiter in der Hinterhand. Oder als wenn die alle aus dem Ausland/von der Uni zu ihm strömen würden. Dem ist nicht so. Man muss mit dem effektiv arbeiten was da ist. Dann ist man ein erfolgreicher Manager.
2. Mit Verlaub...
roby 30.03.2015
Mit Verlaub.... wer sich im Betrieb als Depressiv outet ist für alle Zeit als Verrückter abgestempelt, der kriegt keine Beförderung und keine Gehaltserhöhung mehr. Im Gegenteil, oft wird er noch mehr unter Leistungsdruck gesetzt um ihn endlich loszuwerden, während Beurteilungen unter Hinweis auf mangelnde Leistung schlechter ausfallen. Esist ein Teufelskreis, der sehr wohl mit dem Leistungsdruck in den Betrieben zusammen hängt. Betrieblich Ursache werden aber konsequent in Abrede gestellt, denn das könnte ja Geld kosten. Lieber drückt man die Betoffenen aus den Betrieben, natürlich unter Vorwänden, raus. Die Medikamentierung der meisten Betroffenen dient lediglich dazu, noch mehr Leistung aus ihnen herausz zu kitzeln. Stressabbau und andere Themen fürs Gehirn sind die einzige Abhilfe. Medikamente sind nur in Ausnahmefällen von Eigen- oder Fremdgefährdung angebracht.
3. Klar doch ...
it--fachmann 30.03.2015
... dass dieses verschwiegen wird. Andere Leute würden das für ihre vermeintlichen soziale Vorteile sofort ausnutzen. So sind die Menschen nun mal. Empathielos und egoistisch - besonders die Deutschen.
4.
w.diverso 30.03.2015
Gerne wird heutzutage auch eine Depression als Burnout verkauft. Vor allem bei Manager, oder wie ich es erlebt habe, bei einem Firmeneigentümer der absolut keinen Grund für ein Burnout hatte. Burnout klingt nach überforderten Leistungsträger und Depression klingt eher nach Versager. Also wird einfach, wenn die Abwesenheit vom Job nicht mehr anders erklärt werden kann, der smarter klingende Begriff genommen.
5. Die Zunahme der Depressionen
vassiliki2000 30.03.2015
hat mit der veränderten Lebenswirklichkeit zu tun. Befristete Jobs, keine Perspektive, Arbeitsverdichtung, fehlende Anerkennung, Konkurrenzkampf untereinander... Und die Daumenschraube wird weiter zugedreht. Der real existierende Kapitalismus ist mitnichten besser als es der real existierende Sozialismus war.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wie gehe ich im Beruf damit um?

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Fotostrecke
Psychische Erkrankungen: Wie sage ich es meinem Chef?

So reagieren Sie als Vorgesetzter richtig

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Verwandte Themen



Social Networks