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Psychologe mit Behinderung Die gute Seele von der Orthopädie

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Psychologe Fraberger: "Nicht, dass mein Leben problemlos ist"

Georg Fraberger sagt: "Viele können sich nicht vorstellen, dass ich glücklich bin." Er wurde ohne Arme und Beine geboren. Heute betreut er als Psychologe Patienten, die Gliedmaßen verloren haben. Den Anstoß zu seiner Karriere gab der Film "Harold and Maude".

Die rechte Hand von Georg Fraberger, 39, ist aus rutschfestem Plastik - eine Prothese. Mit ihr kann er greifen. Wenn Fraberger telefonieren muss, benutzt er den linken Arm. Er ist nur wenige Zentimeter lang und ragt aus dem Ärmel seines Poloshirts heraus. Wenn er etwas aufschreiben muss, benutzt der Österreicher seinen einzigen Fuß, der direkt an der linken Körperseite unter der Hüfte angewachsen ist. Mit ihm kann er seinen Rollstuhl steuern, mit dem er über die Gänge der Uniklinik in Wien fährt.

Hier arbeitet Fraberger auf der Orthopädie. Einige seiner Patienten, die er betreut, besitzen nach einer Amputation plötzlich nur noch ein Bein und kommen mit ihrer neuen Situation nur sehr schwer zurecht. Fraberger hat nie Arme und Beine gehabt. Trotzdem ist er glücklich. "Auch wenn sich viele das nicht vorstellen können", sagt er.

Der promovierte Psychologe passt nicht in das Klischee eines schwerbehinderten Mannes. "Nicht, dass mein Leben problemlos ist", betont er. Er braucht viel Hilfe. Aber er strahlt die Sicherheit eines Menschen aus, der sein Leben liebt - seinen Beruf, seine Frau Susanne, die Kinder. Das jüngste, Gregor, drei Monate alt, schläft häufig im Kinderwagen neben dem Rollstuhl. Gregor hat Arme und Beine. Doch sein Vater hätte sich auch für ein behindertes Kind entschieden. Denn Fraberger weiß, dass Glück nicht von einem intakten Körper abhängt.

"Ohne Leib, mit Seele"

Den Anstoß zu seiner Karriere gab "Harold und Maude", der Film über die große Liebe zwischen einem jungen Mann und einer alten Frau. Als er ihn vor vielen Jahren sah, war er fasziniert. "Weil dort zwei Menschen alle Grenzen der gesellschaftlichen Wertvorstellungen überschreiten und trotzdem Glück empfinden", sagt er. Im Jahr 2000 war er mit dem Psychologiestudium durch. Anschließend arbeitete er einige Zeit in England und betreute in einem Krankenhaus Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, Multipler Sklerose und Schlaganfall.

Fraberger hat ein Buch über die Seele geschrieben, es heißt "Ohne Leib, mit Seele". Hierin beschreibt er sein Leben und die Geschichte einer Entdeckung. "Früher habe ich gedacht: Alles, was ein nicht perfekter Körper nicht kann, muss der Verstand übernehmen", sagt er. "Und das ist dann das, was einen Menschen ausmacht." Dann arbeitete er in der Neurologie und erlebte Menschen, deren Verstand aufgrund einer Erkrankung verschwunden war - aber sie waren immer noch eine starke Persönlichkeit. Das war der Anfang von Frabergers These: Neben Körper und Geist muss es noch etwas Drittes geben - die Seele.

Ist mein Job erfüllend für mich?

Der Psychologe erhebt keinen Anspruch darauf, nach Sigmund Freud etwas Neues entdeckt zu haben. Aber für ihn ist die Seele das Element, das Menschen antreibt. Etwas, das scheinbar mühelos große Energien freisetzen kann. Auch wenn sich das naturwissenschaftlich noch nicht belegen lässt.

Fraberger findet, dass sich die westliche Gesellschaft zu wenig mit dem Thema Seele beschäftigt - und zu viel mit Statussymbolen und zweifelhaften Idealen, wie sie in Model-Casting-Shows vermittelt werden. "Erstmals erleben wir in der Masse Menschen, die alles haben. Einen Beruf, eine Familie, Haus und Geld", sagt er. "Und trotzdem fühlen sich so viele wert- und kraftlos." In diesem Ausmaß habe es Burnout-Phänomene früher nicht gegeben. "Heute haben wir den Luxus, dass die Sinnfrage essentiell ist", sagt er. Doch zu wenige befragten ihre Seele: Ist das, was ich tue, wirklich erfüllend für mich?

Bei der Partnersuche ein wenig geschummelt

Wenn er auf sein Leben schaut, spricht Fraberger viel von Glück. Fraberger erzählt von Ärzten, die nach dem Contergan-Skandal ohne Scheu mit seiner schweren Behinderung umgingen. Als sei sie normal. Dabei ist er gar kein Contergan-Fall. Bis heute ist es ein Rätsel, warum er ohne Arme und Beine geboren wurde.

Seine Eltern nahmen ihn ohne Berührungsängste an und ließen ihm Raum für Entwicklung, sagt er. Im Rückblick sieht Fraberger sich in eine günstige Zeit hineingeboren. Behinderte Kinder hätten es heute schwerer, glaubt er. Der Leistungsdruck sei viel größer. Die Karriereplanung beginne oft schon in der Grundschule.

Das strahle zurück bis hin zur Präimplantationsdiagnostik, mit der bereits ein Embryo auf Erbkrankheiten und Anomalien untersucht werden kann. Diese Möglichkeiten findet Fraberger "toll". Eine Entscheidungshilfe sieht er darin aber kaum. Niemand könne wissen, was für ein Kind er bekomme, welche Talente und welche Persönlichkeit es haben wird - ob nun behindert oder nicht.

Als Georg Fraberger eine Partnerin suchte, stellte er sein Porträt ins Internet: dunkle Haare, freundliche braune Augen, ein offenes Gesicht. Er beschrieb sich als 1,80 Meter groß, muskulös, sportlich, 80 Kilo. Erst nach zwei Stunden skypen mit einer Frau hat Fraberger mehr von seinem Körper gezeigt, 1,12 Meter, Prothese, Armstumpf und Rollstuhl. Die Gesprächspartnerin von damals ist heute seine Frau.

Ulrike von Leszczynski/dpa/joe

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
fessi1 17.11.2013
Ich möchte vorweg schicken, das ich davon überzeugt bin, dass Herr Fraberger hervoragende Arbeit als Psychologe leistet, nur... "Einige seiner Patienten, die er betreut, besitzen nach einer Amputation plötzlich nur noch ein Bein und kommen mit ihrer neuen Situation nur sehr schwer zurecht. Fraberger hat nie Arme und Beine gehabt." Macht ihn das in dem Moment nicht zu einem guten/schlechten Psychologen wie jeden seiner Kollegen auch? Denn das Gefühl einen oder mehrere Körperteile zu verlieren, kann er ja ebenso nicht nachvollziehen. Im späteren Verlauf, wenn es darum geht das tägliche Leben zu meistern, bin ich überzeugt, dass er den Patienten das gewisse etwas vermitteln kann.
2. Der Mann
hjcatlaw 17.11.2013
verdient Respekt. Seinen körperlichen Defiziten steht fast ein Übermass an mentaler Stärke gegenüber, welches mancher Nichtbehinderte nicht zu entwickeln in der Lage ist. Es ist phantastisch, dass er in der psychologischen Betreuung arbeitet - der richtige Mann am richtigen Ort. Wer könnte einem anderen Behinderten glaubwürdiger seine Idee vom Glück vermitteln als er, unabhängig davon, ob er selbst eventuell nicht nachvollziehen kann, wie es ist, ein Gliedmaß zu "verlieren", anstatt es von Beginn an erst gar nicht gehabt zu haben. Die Behinderung im täglichen Leben ist im Endeffekt die gleiche.
3. Körper, Geist und Rede
dborrmann 17.11.2013
Herr Fraberger wirkt sehr sympathisch. Die Einteilung Körper, Geist und Seele ist klassisch und ich würde lieber formulieren: Körper, Geist und Rede. Das Geist mehr ist, als das Summen der Neuronen, berührt Glaubensfragen. Rein szientistisch, ositivistisch denkende Menschen halten solche Gedanken für esoterisch. Ihnen ist aber nicht klar, dass der sich an die Erscheinungswelt anschließende Hintergrund von unendlicher Tiefe ist. Herr Fraberger ergründet offensichtlich einen Teil dieser Tiefe. Dafür müssen wir ihm alle dankbar sein.
4.
inrebe 17.11.2013
Ein DEFIZIT ist ein Fehlen oder Fehler. Es fehlt jedoch nichts, alles ist da. Er ist nur nicht so wie andere. Gut so dass wir alle anders sind.
5. @fessi...
elbfischer72 17.11.2013
...sicher,Herr Fraberger weiss nicht wie es ist einen Koerperteil zu verlieren. Aber er weiss welche Probleme zu bewaeltigen sind,kann die Lage dadurch sehr viel besser nachvollziehen und Hilfen geben. Insofern ist er fuer Betroffene schon ein Therapeut,welcher einem Kollegen ohne Handicap im Vorteil ist. Er wirkt nicht nur fuer den Patienten glaubhafter,der Patient fuehlt sich von Anfang an mit Herrn Fraberger auf einer Ebene - das schafft Vertrauen und Sicherheit. Einen erfahrenen Marathon-Finisher wuerde ich mich auch eher anvertrauen,wenn ich fuer so einen Wettkampf trainiere, als einem Betreuer,welcher nur theoretisches Wissen aus Buechern weiter gibt...
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In Deutschland leben drei Millionen erwerbsfähige Menschen mit Behinderung. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit war die Arbeitslosenquote unter ihnen im Jahr 2012 mehr als doppelt so hoch (14,1 Prozent) wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Die Arbeitslosigkeit von Schwerbehinderten dauert im Schnitt 77 Wochen - und damit 13 Wochen länger als bei Nichtschwerbehinderten.
Die Betriebe
Nach dem Gesetz müssen Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen eine bestimmte Zahl von behinderten Menschen beschäftigen. Wer die Quote nicht erfüllt, zahlt eine Ausgleichsabgabe, bis zu 290 Euro pro Monat und unbesetzte Stelle. Laut DGB zahlt die Mehrheit der Arbeitgeber lieber, als ihre Pflicht zu erfüllen. In einzelnen Branchen scheint es gelungen zu sein, sich nicht an Defiziten, sondern an Stärken zu orientieren. So stellen manche IT-Unternehmen gezielt Menschen mit Asberger-Syndrom ein.
Das Gründerprojekt
Bei Enterability kümmern sich derzeit vier Berater ständig um bis zu 45 Klienten in der Vor- und Nachgründungsphase. Seit Start des Projekts vor neuneinhalb Jahren kam es nach eigenen Angaben zu 236 Vollerwerbsgründungen, cirka 80 Prozent davon seien bis heute am Markt. Das Berliner Integrationsamt fördert die Initiative mit jährlich 330.000 Euro. Offenbar gut angelegtes Geld: Wie eine Studie ermittelte, wirft jeder in Enterability investierte Euro knapp vier Euro sozialen Gewinns ab. Seit 2011 existiert ein Ableger in Sachsen-Anhalt.

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