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Punk als Rektor "Ich bin hier nicht der Clown"

Ein etwas anderer Schulleiter: Punk's not Dead Fotos
DPA

Als die Punk-Bewegung entstand, war Matthias Isecke-Vogelsang Student und mittendrin. Auch 35 Jahre später trägt er grelle Frisuren spazieren, nun als Leiter einer Lübecker Schule. Und behauptet: Beamter werden und Punk bleiben, das geht gut zusammen. Sofern man Lehrer aus Leidenschaft ist.

Wenn man einmal seinen Ruf weg hat, dann aber auch gründlich. Matthias Isecke-Vogelsang ist ein freundlicher 58-Jähriger - und bekannt als "Deutschlands schrillster Schulleiter". Das verdankt er seinem ungewöhnlichen Punk-Outfit. So wechselt er alle paar Monate sein Haarfarbe; im letzten Herbst war es noch ein leuchtendes Grün-Gelb, das inzwischen einem etwas dezenteren Schwarz-Blau gewichen ist. Isecke-Vogelsang ist aber auch Rektor der Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck, mithin Beamter und Vertreter des Staates.

Wie kann ein bunter, ohrberingter Paradiesvogel es ausgerechnet im Dienst an staatlichen Schulen, die sonst schon jeden widerborstigen Referendar ganz flink auf Linie trimmen, so weit bringen? "Ich habe unwahrscheinliches Glück gehabt", sagt Isecke-Vogelsang. "Ich war irgendwie immer im genau richtigen Moment am genau richtigen Ort und habe so immer einen Vorgesetzten erwischt, der sich meiner Andersartigkeit gegenüber wohlwollend gezeigt hat."

Der Lehrer für Deutsch, Geschichte, Musik, evangelische Religion und Deutsch als Fremdsprache blickt auf eine ungewöhnliche Karriere zurück. Mitte der siebziger Jahre entstand in London und New York die Punk-Bewegung: rohe, schnelle, kurze, aggressive Musikstücke nach der Devise "Drei Akkorde kann jeder, und die müssen reichen". Dazu eine rebellische Anti-Establishment-Attitüde, zornige "No Future"-Sticker und die dazu passende Kleidung und Haartracht. Für die Inszenierung als Bürgerschreck immer gern genommen: stachelige Irokesen-Frisuren in knalligen Farben längs über den Kopf, zerfetzte Jeans, Sicherheitsnadeln im Gesicht. Und so ging's mit der Bierpulle in der Hand zum Konzert der Ramones oder Sex Pistols.

Nur wenige Eltern erschraken

Deren Musik, ebenso Deutschpunk von Bands wie Zaunpfahl, hört Matthias Isecke-Vogelsang bis heute gern. Als Schüler trug er einst noch den Hippie-Look und lange Haare. Die mussten in seiner Studienzeit ab, ihn erwischte der Punk-Virus: "Ich will gegen den Strom schwimmen. Ich will mich nicht in herkömmliche Schablonen pressen lassen. Ich will mein eigenes Denken gestalten" - das sei es, was Punk ausmacht, zählt er mit ruhiger Stimme auf.

Isecke-Vogelsang studierte 1976 in Kiel. Mit 23 startete er eine Iro-Session im heimischen Badezimmer, entdeckte die Haarfärbungen und Nieten-Armbänder und Stiefel und Sicherheitsnadeln. Eine gute Dosis Provokation war schon dabei: "Als sich der erste nach mir auf der Straße umdrehte, war ich stolz, das war SO gut!", erzählt er und grinst.

Nach dem Studium wurde er Anfang der achtziger Jahre Lehrer an einer Grundschule in Lübeck. In "ganz wenigen Fällen" sei man ihm mit Ablehnung begegnet, "da hat es mal den einen oder anderen neu hinzu gezogenen Elternteil gegeben, der nach meinem Anblick gesagt hat: 'ich hätte mein Kind lieber in einer Parallelklasse'". Im Großen und Ganzen aber habe ihm niemand im Weg gestanden. Und anpassen wollte sich Isecke-Vogelsang auf keinen Fall: "Angepasste Menschen laufen Gefahr, kritiklos und kommentarlos hinzunehmen, was ihnen vorgesetzt wird, innerlich stillzustehen."

"Er hat den Kindern gezeigt, dass es nicht auf das Äußere ankommt"

Schulleiter ist Matthias Isecke-Vogelsang bereits seit 1990, allerdings zunächst in der kleinen holsteinischen Gemeinde Süsel. An der Grund- und Hauptschule gewöhnten sich Kollegium, Schüler und Eltern schnell an den auffälligen Lehrer, der bald in Süsel gut verwurzelt war - zum Beispiel in der kirchlichen Jugendarbeit oder beim Deutschen Roten Kreuz. Ohnehin lebt der Vater von drei Kindern, verheiratet seit über drei Jahrzehnten, recht solide. Zum Abschied von der Schule in Süsel bekam er Haargel und einen Konzertgutschein für die Toten Hosen geschenkt, plus Anerkennung vom Elternsprecher: "Er hat den Kindern gezeigt, dass es nicht auf das Äußere ankommt - er war eine Autorität."

Toleranz erwartet Isecke-Vogelsang von seinen Schülern, Toleranz hat er auch selbst erfahren und lobt das liberale Klima in Norddeutschland. Schlagartig bekannt wurde er mit seinem Wechsel nach Lübeck im August 2010, als die "Lübecker Nachrichten" auf ihn aufmerksam wurden, sich die "Bild"-Zeitung und Nachrichtenagenturen bei ihm meldeten und er Anfragen für Talkshows erhielt. Isecke-Vogelsang spielte mit. Und nutzte die Gelegenheit auch, um für sein Verständnis von modernen Schulen zu werben.

Die Gotthard-Kühl-Schule liegt im Lübecker Stadtteil St. Lorenz, neben dem sozialen Brennpunkt Buntekuh. Die 500 Schüler gehen teils zur Grundschule, teils zur Regionalschule, wo sie den Haupt- und Realschulabschluss machen können. 40 Prozent kommen aus Einwanderer-, viele aus armen Familien.

Keine Maskerade, denn "Punksein kann man nicht spielen"

Lehrer wurde Isecke-Vogelsang aus Leidenschaft, die gab ihm auch den Karrierekick nach oben. "Ich behaupte mal, meinen Kram mit Engagement zu betreiben", sagt er lachend. Und ein Clown in einer Rolle sei er mit Kapuzenpulli, Nietenarmbändern und Springerstiefeln gerade nicht.

"Ich glaube, ich komme an die Schüler leichter ran, weil die merken, der ist anders, der ist lockerer, und der akzeptiert mich in meiner Andersartigkeit: so, wie ich bin", so der Schulleiter. Dieser Effekt würde sich nicht einstellen, "wenn das alles Clownerie von mir wäre. Punksein kann man nicht spielen, die Kinder vertrauen mir, weil sie spüren, dass das glaubhaft und authentisch ist - sonst würden die das sofort merken."

30 Jahre nach der ganz großen Zeit des Punk erklärt Isecke-Vogelsang auch, womit Punk für ihn nichts zu tun hat - mit destruktivem In-den-Tag-Hineinleben zum Beispiel oder mit der Ablehnung jeder Anstrengung. "Punks krempeln erst recht die Ärmel hoch, weil sie wollen, dass sich gesellschaftliche Starren lösen!" Es gehe ihm vor allem darum, bestimmte Werte zu leben: "dass der Schwächere zu seinem Recht kommt, dass diejenigen, die abseits im Schatten stehen, auch ein paar Lichtstrahlen abbekommen. Punks haben ein hohes Solidaritäts- und Gerechtigkeitsempfinden".

Als Schulleiter will er keineswegs "zu allem Ja sagen, was die Schüler machen. Ich will, dass die Schüler ein selbstbestimmtes Leben führen, dass sie nicht die Flinte ins Korn werfen". Ein Drang zur Freiheit ist ihm sympathisch - aber "die Freiheit hört da auf, wo die Freiheit des anderen beschnitten wird".

Autorin Almut Steinecke (Jahrgang 1972) ist Online-Redakteurin und freie Journalistin in Köln.

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insgesamt 18 Beiträge
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    Seite 1    
1. Selbstbestimmtes Leben und Abbau von Vorurteilen
kphilipp 31.05.2011
Es ist gut, dass es Lehrer gibt, die anders denken als die breite Masse und denen es wichtig ist, den Kindern beizubringen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Oft reflektiert das Äußere die innere Haltung. Alles was von Anzug und Krawatte oder von Kostüm und Perlenkette abweicht wird von vielen automatisch abgelehnt. Es wird nicht einmal versucht, die Geisteshaltung des anderen nachzuvollziehen. Viele Menschen kleiden und schmücken sich nicht, wie es ihnen gefällt, weil sie gesellschaftliche oder berufliche Nachteile befürchten. Einige werden offen angefeindet, nur weil sie sich von der Masse abheben ( http://karinkoller.wordpress.com/2011/04/09/vorurteil-und-stolz/ ). Herr Isecke-Vogelsang hatte, wie er selbst sagt, Glück, dass er akzeptiert wurde wie er ist. Seine Schüler haben Glück, dass er ihnen seine Lebenseinstellung und ein bisschen Toleranz auf den Weg mitgibt.
2. Demenz
patricka1 31.05.2011
Zitat von sysopAls die Punk-Bewegung entstand, war Matthias Isecke-Vogelsang Student und mittendrin. Auch 35 Jahre später trägt er grelle Frisuren spazieren, nun als Leiter einer Lübecker Schule. Und behauptet: Beamter werden und Punk bleiben, das geht gut zusammen. Sofern man Lehrer aus Leidenschaft ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,765802,00.html
Für wie bescheuert halten Sie ihre Leser eigentlich? Den Artikel haben sie vor 15 Monaten doch schon mal veröffentlicht. Wie die öffentlich-restlichen: Vom Wiederholen wird's nicht besser! Ist Ihnen der Stoff ausgegangen oder sin Carl Gustavs Fotos zu teuer?
3. Zweifel
Andreas Rolfes 31.05.2011
Ob die Begeisterung auch so groß wäre, wenn der Lehrer kein Punk, sondern Skinhead wäre? Oder Black- oder Detahmetaller? Ich bezweifel es.
4. Hmmm...
koshernostra 31.05.2011
Zitat von Andreas RolfesOb die Begeisterung auch so groß wäre, wenn der Lehrer kein Punk, sondern Skinhead wäre? Oder Black- oder Detahmetaller? Ich bezweifel es.
Ich kenne einen Gymnasiallehrer, der ist Skinhead, Sänger einer OI-Punkband und tätowiert von Hacke bis Nacke.
5. "dass es nicht auf das Äußere ankommt"
phlegma 31.05.2011
hat scheinbar außer den `lieben kleinen` niemand kapiert. Ich seh wirklich nicht, was Herrn Isecke-Vogelsang als Punk qualifiziert. Bunte Haare und Piercings? - Wie dämlich wird das bittesehr denn bei S.O. noch - des macht selbstverständlich keinen Punk. Genausowenig wie Elternratssitzungen oder gemeinnützige Arbeit in der lokalen Kirchengemeinde. Ist herr I.-V. vielleicht ein erbärmlichen Mitläufern, der nie wirklich erwachsen geworden ist? bleh
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