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Puppenbauer am Theater Wie aus dem Gesicht geschnitten

Puppenmacher: Fuhrmanns freche Freunde Fotos
Christoph Schwarz

Götz Fuhrmann geriet als Schauspieler in eine Sinnkrise - und therapierte sich selbst, indem er Masken und Puppen gestaltete. So begann seine zweite Karriere.

Sieben lange Jahre stand er für das Musical "Buddy" auf der Bühne, bis er nicht mehr konnte. Götz Fuhrmann war gelangweilt und müde, schleppte sich nur noch zur Arbeit. 1500 Vorstellungen von ein und demselben Stück hatten ihn ausgelaugt. "Ich brauchte unbedingt eine Pause. Ich hatte das Gefühl, etwas mit den Händen machen zu müssen. Ich musste meine Ruhe wieder finden", sagt er.

Der Schauspieler und Synchronsprecher schmiss 2001 seinen Job. Statt vor Publikum zu stehen, setzte er sich vor Klumpen von Ton in seinen Garten und begann Köpfe zu modellieren, die er später als Gartenmasken an Freunde und Bekannte verschenkte. Monatelang war dies seine einzige Beschäftigung. Er lernte dabei, Formen zu modellieren und aus Beton zu gießen. So verbachte er die Tage, bis sein Geld aufgebraucht war.

Was er damals noch nicht wusste: Seine zweite Karriere hatte längst begonnen. Und bald sollten Dr. Mathieu, Heimleiterin Mechthild und die Azubis Melanie und Felix seinen neuen Job in Fahrt bringen.

Inzwischen steht Fuhrmann, heute 50, wieder auf der Bühne. Er spielt in Produktionen des Hamburger Schmidt-Theaters und Schmidts Tivoli wie "Die Könige vom Kiez", "Der kleine Störtebecker" und "Heiße Ecke". Jeden Tag kommt Fuhrmann ins Theater. Müde macht ihn das allerdings nicht.

Klappmaulpuppen mit riesigen Kulleraugen

Denn Fuhrmann ist auch Puppenmacher mit einer eigenen Werkstatt im Westen Hamburgs. Von den Gartenmasken hat er sich verabschiedet. Sein Spezialgebiet sind Klappmaulpuppen und Handpuppen, die er für verschiedene Theater, für Filmproduktionen, Unternehmen und Messen anfertigt. Die Figuren erinnern an die Muppets. Die Haut ist aus Sweatshirtstoff, riesig sind die Kulleraugen und der Mund. Bewegt werden sie von Hand.

Seinen ersten Puppenjob bekam er 2004 vom Schmidt-Theater. Dort wurde er nach seiner Bühnenpause für das Musical "Villa Sonnenschein" engagiert. Dr. Mathieu, Heimleiterin Mechthild und die Azubis Melanie und Felix sollten auf der Bühne tanzen: als Puppen. Das Theater fragte Fuhrmann, weil sich seine skurrilen Gartenfiguren in der Szene herumgesprochen hatten. Dass er keine Erfahrung mit Klappmaulpuppen hatte, störte niemanden: "Götz, bau mal einfach welche. Du bist begabt, du schaffst das schon." Sechs Wochen blieben ihm Zeit bis zur Premiere.

Wer an der Kunst-Hochschule Ernst Busch in Berlin "Zeitgenössische Puppenspielkunst" studiert, kann dort auch lernen, Puppen zu bauen. Andere, die in den Beruf wollen, besuchen Workshops erfahrener Puppenmacher. Fuhrmann ist Autodidakt. Er begann zu forschen. "Ich habe Bücher gelesen und im Internet recherchiert. Ich war Dauergast im Baumarkt. Ich habe nicht groß gezweifelt, eher meinem handwerklichen Geschick vertraut", sagt er.

Aber wie sollten die Puppen aussehen? Das Drehbuch gibt den Charakter der Puppen vor, das Aussehen bleibt dem Puppenbauer überlassen. "Auch die kleinste Information, die die Figur im Skript beschreibt, ist wichtig für die Physiognomie", sagt Fuhrmann. Er modelliert die Gesichter aus Ton, gibt ihnen einen Charakter, einen Wesenszug. "So eine Puppe kann gutmütig, aber auch gehässig sein. Den Charakter schreibe ich Schritt für Schritt in die weiche, formbare Masse ein."

Puppen in vier Generationen

Aus Gips und Silikon erstellt er anschließend einen exakten Negativabdruck des Tonkopfes. Und in dieses Silikonnegativ gießt er dann Weichschaum. Ist dieser erstarrt, schält er den fertigen Puppenkopfrohling aus der Form. Er trennt den Unterkiefer, um ein Gelenk für den Mund einzubauen. Manche Köpfe sind aber auch aus Latexschaum, den er im Ofen backen muss, damit die Haut die richtige Konsistenz bekommt.

Der kniffligste Arbeitsschritt ist für Fuhrmann die Stoffbespannung. Er muss exakt nähen, damit Publikum und Kameras keine Naht sehen können. Er staffiert den Kopf mit Augen, Lippen, Lidern, Haaren und einer Mundhöhle aus, den Puppenkörper mit Armen. Das Kostüm wird darauf maßgeschneidert. Eine Woche braucht er heute für eine Puppe.

Auf der Bühne bewegen Puppenspieler seine Stofffiguren und hauchen ihnen Leben ein. 50 Puppen hat er erstellt, manche schon in vierter Generation, weil einige Produktionen über Jahre laufen.

Über das Geld, das er für eine Puppe bekommt, spricht er ungern. Nur so viel: "Du kannst von dem Job gut leben." Dass immer mehr Theater Puppen in ihre Produktionen einbauen, sieht Fuhrmann mit Freude. "Ich bin da zur richtigen Zeit in eine Art Puppenwelle hineingeraten. Es ist ein Markt entstanden", sagt er, "besser kann es gerade nicht laufen."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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