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Protestaktion im Radio "No Milk Today" in der Endlosschleife

Oliver Pscherer: Wiederholungstäter - zwei Lieder, bis die Ohren bluten Zur Großansicht

Oliver Pscherer: Wiederholungstäter - zwei Lieder, bis die Ohren bluten

Selten hat sich ein Angestellter für den sofortigen Rauswurf so aufgedrängt: Radiomoderator Oliver Pscherer verschanzte sich im Studio und spielte stundenlang nur "Dancing Queen" und "No Milk Today". Rebellion oder PR-Gag? Heute, 13 Jahre später, soll er's verraten - ein Anruf in London.

KarriereSPIEGEL: Herr Pscherer, wieso?

Pscherer: Wieso was?

KarriereSPIEGEL: Der Abba-Song "Dancing Queen", okay, der verströmt diese zeitlos klirrende schwedische Pop-Eleganz. Aber wieso "No Milk Today" von Herman's Hermits? Das leiert doch schon beim zweiten Hören...

Pscherer: Die Auswahl war ganz einfach: Ich habe die beiden Stücke nicht ausgewählt, nur ins Regal gelangt. Sie waren gerade da.

KarriereSPIEGEL: Als Radiomoderator haben Sie sich 1999 im Hamburger Privatsender "Mix 95.0" verbarrikadiert und international für Aufsehen gesorgt. Wie lange hatten Sie den Plan schon?

Pscherer: Der gärte in den Tagen zuvor. Es war meine erste Sendung der neuen "Morning-Show", nach zweimonatiger Vorbereitung im Team. Ich hatte schon zehn Jahre lang moderiert, war neu in Hamburg, lernte die Radiolandschaft kennen. Und das erschreckende Musikprogramm: Überall dudeln dieselben Songs rauf und runter - als gäbe es nur Phil Collins, Eros Ramazotti, Anastacia, Rolling Stones. Bon Jovi gilt da schon als progressiv. Die Rotation bei kommerziellen Sendern ist unglaublich klein.

KarriereSPIEGEL: Das Ödeste aus den Siebzigern und Achtzigern und das Blödeste von heute... Gegen diese Einheitspampe wollten Sie protestieren?

Pscherer: Ja, das war mein Gedanke: Egal, bei welchem Sender und in welchem Format - ein Moderator hat keinen Einfluss mehr. Das Musikprogramm wird über Hörerumfragen gesteuert: Wie würden Sie reagieren, wenn um kurz nach sechs beim Rasieren die Stones aus dem Radio tröten? Kommt ein italienischer Titel um 8.23 Uhr besser an als um 7.06 Uhr? Die Sender glauben, die Meinung dieser 20 Menschen gilt für alle 20.000 Hörer am Morgen. Dann versprechen sie in immer gleichen Jingles den "besten Mix" oder "Supermix" - welcher Mix denn bitte? Darum ging es mir bei der Studiobesetzung.

Überall das gleiche Musik-Einerlei?

Fünf Songs, die für Oliver Pscherer das Radiohören schöner machen:

  1. Michael Bublé - Home (zum Video auf YouTube)
  2. John Parr - St Elmo's Fire (YouTube)
  3. Adele - Rolling In The Deep (YouTube)
  4. Four Tops - I Can't Help Myself (YouTube)
  5. Keane - Silenced By The Night (YouTube)
KarriereSPIEGEL: Was genau geschah am 19. Juli 1999?

Pscherer: Unser Acht-Leute-Team wollte sich morgens um halb vier treffen. Ich bin als erster schon um drei Uhr ins Studio, habe von innen abgeschlossen und den Schlüssel steckenlassen. Von außen war die Tür nicht mehr zu öffnen. Der Rest war einfach: Nur die nächtliche Automation unterbrechen, schon war ich on air.

KarriereSPIEGEL: Dann haben Sie die beiden Titel in die Endlosschleife geschickt?

Pscherer: So dachte ich mir das - "Dancing Queen" und "No Milk Today" immer abwechselnd, so lange es geht. Als das Hörertelefon klingelte und die Leute wissen wollten, was da los ist, habe ich mit ihnen geredet, auch über das flache Hamburger Radioprogramm und diesen öden "Supermix". Und dann wieder die beiden Songs. Aber keine Nachrichten, kein Wetter, keine Uhrzeit.

KarriereSPIEGEL: Was glaubten Sie, wie schnell die Sause endet?

Pscherer: Ich hatte vermutet, dass die nach einer Stunde den Schlüsseldienst rufen oder den Stromstecker ziehen. Aber es wurden zwei, drei - grandios! Erst nach fast vier Stunden ging die Studiotür auf, der Programmchef stürmte herein und zog mich von den Fadern weg. Er sah ziemlich wütend aus...

KarriereSPIEGEL: ...bestimmt hat er Sie spontan gefeuert.

Pscherer: Nö. Ich saß im Geschäftsführerzimmer wie auf einer Polizeistation. Man hat mich nichts gefragt, da kam nur ein knapper Satz: Du bist bis auf weiteres beurlaubt, wir rufen dich an.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie mit einer fristlosen Kündigung gerechnet?

Pscherer: Klar. Aber es war mir gleichgültig, ich war mit mir absolut im Reinen. Es hat alles gepasst, um meine Message rüberzubringen. Vorher hatte ich mir gesagt: Die Morgen-Show geht neu auf die Antenne, der gesamte Sender ist eine Neugeburt - wann, wenn nicht jetzt?

KarriereSPIEGEL: In den Medien grassierte sofort Misstrauen, dass nur ein kleiner Privatsender mit einem PR-Gag um Aufmerksamkeit buhlt. Dafür gab es viele Anhaltspunkte...

Pscherer: Ich höre.

KarriereSPIEGEL: Zunächst: In vier Stunden kann man den Hauptschalter umlegen, das Schloss ausbauen, die Tür eintreten. Oder aus einem anderen Studio senden.

Pscherer: So einfach ging das nicht. Es gab nur das eine Hauptstudio mit der gesamten Sendetechnik. Natürlich haben die Kollegen die Tür zu öffnen versucht und auch die Feuerwehr geholt. Aber den Verdacht nehme ich niemandem krumm, es ist ja richtig: Normalerweise hat einer die richtige Idee, und die ganze Geschichte ist schnell gegessen. Hier standen viele Menschen vor dem Studio und wussten nicht, was sie tun sollten.

KarriereSPIEGEL: Ein weiteres Indiz: Der Sender hat sich sofort danach gehäutet und, nunmehr als Fun Fun Radio 95.0, eine Oldie-Richtung mit Hits der sechziger und siebziger Jahre bekommen - passt exakt zu Abba und Herman's Hermits.

Pscherer: Mit meiner Aktion hatte der Neustart nichts zu tun. Er war schon lange geplant und wurde nur ein wenig vorgezogen, wegen der großen öffentlichen Aufmerksamkeit.

KarriereSPIEGEL: Und Sie waren bereits nach einer Woche wieder auf Sendung.

Pscherer: In diesen Tagen wurde der Sender bombardiert mit Anrufen und Protesten. Zu Hunderten forderten Hörer, dass ich weiter moderiere. An den Landungsbrücken hingen Transparente mit "Olli soll bleiben" oder "Schluss mit dem Einheitsbrei" - vielleicht war 1999 ein Sommer der Liebe. Die Nachrichtenagenturen und alle großen Medien haben das Thema aufgegriffen, sogar im Ausland. Mein Telefon klingelte pausenlos.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie's auf "Ten minutes of fame" angelegt - einmal im Leben Radioheld sein?

Pscherer: Überhaupt nicht. Aber es war in der deutschen Radiolandschaft eben ein einzigartiger Alleingang. Das hat auch der Sender erkannt, mich schnell zurückgeholt und die Schlagzeilen zu seinem Vorteil genutzt. Ich wurde nicht gerade mit der goldenen Sänfte ins Studio getragen und stand unter ständiger Beobachtung, war auch kein einziges Mal mehr der erste am Morgen. Aber man gab mir sogar eine Gehaltserhöhung - verlangt hatte ich das nicht.

KarriereSPIEGEL: Kurz darauf lief ein anderer PR-Gag, ein Striptease im Fun-Fun-Studio. Für jede richtige Hörerantwort ließen Ihre Co-Moderatorin und Sie ein Kleidungsstück fallen, bis Sie blank gezogen hatten. Sehen konnten das nur Zeitungsfotografen - es passierte ja im Radio...

Pscherer: Stimmt. Das war reines Entertainment, und das ist Radio eben auch. Aber ich bin nicht stolz darauf. Ein Schwachsinn, da habe ich eine falsche Entscheidung getroffen.

"Was kosten Sie? Sie müssen weg"

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KarriereSPIEGEL: Und die Studiobesetzung - wir sagen's auch nicht weiter, außer den SPIEGEL-ONLINE-Lesern: Haben Sie das nicht doch mit dem Sender gemeinsam ausgeheckt?

Pscherer: Selbst wenn es so wäre, würde ich doch die schöne Geschichte nicht zerstören (lacht). Aber ich sage: Nein, es war kein Fake und kein Werbegag.

KarriereSPIEGEL: Apropos Fake: Heute arbeiten Sie in London, warum heißt Ihre Medienfirma ausgerechnet Fakerocker?

Pscherer: Aha, da erahnen Sie eine Verbindung... Ganz falsch. Das ist nur eine kleine persönliche Lästerei: Nach 23 Jahren in den Medien hat sich der Eindruck verdichtet, dass dort viele unechte Leute arbeiten. Solche Fake-Typen im Radio, schlimmer noch im Fernsehen, haben zu nichts eine richtige Haltung, treten aber reichlich arrogant auf - deshalb Fakerocker.

KarriereSPIEGEL: Mit Fakerocker produzieren Sie Fernsehsendungen und Dokus, schulen britische Presseoffiziere, bevor sie nach Afghanistan gehen. Packt Sie manchmal noch Sehnsucht nach dem Radiomikro?

Pscherer: Wenn man einmal Radio im Blut hat, bleibt das für immer. Aber heute fühle ich mich hinter der Kamera und als Produzent viel wohler. Die Möglichkeiten, ein journalistisches Produkt zu gestalten, sind deutlich größer. Moderatoren dagegen müssen tun, was der Sender ihnen sagt. Sobald du etwas ändern willst, sind deine Tage gezählt. Es ist mir aber wichtig zu sagen, dass es Kollegen gibt, die nicht nur Schafe in der großen Herde sind.

KarriereSPIEGEL: Entdecken Sie heute im deutschen Radioprogramm immer noch so viel Musikbrei wie 1999?

Pscherer: Ich bin selten in Deutschland. Aber als ich kürzlich auf einer langen Autofahrt von Frankfurt nach München mehrere Programme hörte, lief überall das Gleiche. Bis hin zur Verpackung - als gäbe es nur eine Firma, die jeden Sender mit Jingles versorgt. Die großen Privatradiostationen fahren alle auf dieser bewährten Kommerzschiene. Radio ist eben ein Business wie jedes andere auch, beim Geschäft mit der Werbung zählt die nackte Reichweite. Die Hörer entscheiden ja selbst, ob sie ein- oder ausschalten. Ärgerlich ist aber, dass man musikalisch überall denselben Kriminellen begegnet. Die Beatles etwa haben 217 Titel veröffentlicht. Das deutsche Radio kennt davon nur "She Loves You", "Yesterday" und "A Hard Day's Night". Auch Phil Collins hat nicht nur "Against All Odds" geschrieben, Bon Jovi mehr als "Bed Of Roses". Da bleibt viel Raum, um Hörern auch mal andere Musik nahezubringen, ohne sie gleich zu verschrecken.

  • Das Interview führte Jochen Leffers (Jahrgang 1965), SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und Leiter des Ressorts KarriereSPIEGEL.

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insgesamt 129 Beiträge
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1.
Sleeper_in_Metropolis 26.09.2012
---Zitat--- Radiomoderator Oliver Pscherer verschanzte sich im Studio und spielte stundenlang nur "Dancing Queen" und "No Milk Today". ---Zitatende--- Das dürfte damit immernoch besseres Musikprogramm abgeben, als es bei den meisten heutigen 08/15-Radiosendern der Fall ist.
2. Nachdenken
Christian Guenter 26.09.2012
ist halt nicht mehr angesagt. So wie es keine Journalisten mehr gibt die selbst recherchieren und schreiben dürfen, so gibt es auch keine Radiomoderatoren die auf das was gesendet wird Einfluß nehmen können.
3. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit...
icespot 26.09.2012
... die kommerziellen Sender spielen auf Teufel komm raus ständig die gleichen 20-30 Songs. Bevor ich der Szene den Rücken gekehrt habe, musste ich sogar erleben, dass mich mein Radiowecker um 6:35 Uhr jeden Morgen mit dem gleichen Song geweckt hat... Unglaublich penetrant - da kann ich mir gleich einen anschaffen, der nur klingelt. Ich bin mit knapp über 30 inzwischen passionierter Nachrichtensenderhörer und zwar ausschließlich.
4. Der Mann hat ja so recht
schneemann3 26.09.2012
Antenne Bayern besteht aus Tina Turner, when the Heartdache is over D. Alban, Its my life, aber nie No Coke irgndwas von Bon Jovi, irgendwas von Phil Collins und den Charts von heute. und die schaffen es, jedes Lied zusammenzuschneiden, damit man noch ein Bonuslied in der Stunde unterbringt wie traurig.
5. Delta Radio
Llares 26.09.2012
Ich wohne in Hamburg und wir haben hier ein paar Sender, die sich wenigstens etwas von den anderen Unterscheiden: Alster- Radio oder Oldie 95. Mein Lieblingssender war lange Zeit Delta- Radio, in den Jingles wird immer betont, wie anders dieser Sender sei, aber in den letzten Jahren hat er seine starke Alternativ-/ Rock- Ausrichtung gegen viel mehr belangloses Pop- Gewäsch getauscht. Echt schade sowas und lächerlich! Wie kann man sagen: wir sind Harten und spielt als nächsten Song Beyonce?! Lächerlich!!! Aber warum sollten private Radiosender da anders sein, als private Fernsehsender? Die ganzen Vollpop- Weichbirn- sender kann man sich gar nicht anhören. Eine bescheuerte Jingle nach der anderen mit den besten Flitzerblitzern von übermorgen und den besten DSDS- Gewinnern der letzten 2 Staffeln! *würg*
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Zur Person
  • Oliver Pscherer (Jahrgang 1968) ist seit 20 Jahren in den Medien tätig und war 1999 für ein Jahr Morgen-Moderator eines Hamburger Privatsenders, unter dem Pseudonym Oliver Bennett (weil die Marketingleute seinen richtigen Namen nicht gelängegängig genug fanden). Seine Studio-Besetzung sorgte für ein riesiges Echo. Später arbeitete Pscherer als Musiker und moderierte bei bayerischen Radiosendern, bis er nach Großbritannien ging. Dort baute er zunächst einen neuen Sender nahe Liverpool mit auf und gründete dann mit seiner Partnerin, einer BBC-Journalistin, die Produktionsfirma Fakerocker in London.
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