• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Neuer Job in der Elternzeit Seitensprung mit Comeback-Garantie

Kind und Karriere stemmen ist manchmal einfacher als gedacht Zur Großansicht
Corbis

Kind und Karriere stemmen ist manchmal einfacher als gedacht

Zwei Arbeitsverträge bei zwei verschiedenen Firmen? Die Elternzeit macht es möglich. Verweigert der Chef eine Teilzeitstelle, dürfen die Angestellten bei anderen Firmen anheuern - und spätestens nach drei Jahren trotzdem auf eine Rückkehr in den alten Job pochen.

Eigentlich war alles geregelt. Schon vor der Geburt ihres Sohnes hatte Sandra H. mit dem Vorgesetzten ihren weiteren Berufsweg besprochen: Ein Jahr würde sie zu Hause bleiben, zwei Jahre in Teilzeit arbeiten. 30 Stunden pro Woche waren vereinbart, insgesamt drei Jahre Elternzeit. Doch als sie ein paar Monate vor dem ersten Arbeitstag bei ihrem Chef anrief, kam die böse Überraschung: "Wir können Ihnen keine Teilzeitstelle anbieten", sagte er. "Betriebsbedingt."

Auch Elisa S. wollte in Teilzeit arbeiten. Die heute 39 Jahre alte Controllerin hatte eine steile Karriere hingelegt und zuletzt ein fünfköpfiges Team in einem Pharma-Konzern geleitet. Dann bekam sie in kurzen Abständen zwei Kinder und beantragte zweimal Elternzeit. Fünf Jahre lag ihr letzter Arbeitstag zurück, als sie bei ihrem alten Arbeitgeber wieder anklopfte. Der zeigte sich zugeknöpft, bot ihr einen Job in einer anderen Stadt an. "Ich war fassungslos", sagt Elisa S. "Ich dachte, dass mein Unternehmen mich mit Kusshand wieder nehmen würde. Controller werden händeringend gesucht."

Formal steht beiden Müttern eine Teilzeitstelle zu: Beide arbeiteten in einem Betrieb mit mehr als 15 Mitarbeitern, beide waren dort länger als sechs Monate angestellt, beide reichten den Antrag auf Elternzeit rechtzeitig ein. Aber den Rechtsanspruch auf eine solche Stelle durchzusetzen, ist nicht ganz einfach. "Natürlich kann man dagegen vorgehen, wenn einem der Arbeitgeber unrechtmäßig oder unbegründet die Teilzeit verweigert", sagt die Kölner Rechtsanwältin Bettina Trojan, die sich auf Elternrechtsfragen spezialisiert hat. "Nur leider ziehen sich diese Prozesse hin, denn Eilverfahren sind nicht immer möglich." Und erfreulich seien solche Auseinandersetzungen auch nicht.

Fotostrecke

12  Bilder
Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen
Sandra H. und Elisa S. sind nicht vor Gericht gezogen. Aber sie haben ihren unflexiblen Arbeitgebern trotzdem ein Schnippchen geschlagen: Sie haben jetzt einen Teilzeitjob bei einem anderen Unternehmen. Und die Elternzeit läuft weiter. Danach können sie bei ihrem alten Arbeitgeber wieder in Vollzeit einsteigen, die Stelle muss für sie freigehalten werden.

Arbeitnehmer in Elternzeit sind bis zum dritten Geburtstag des Kindes unkündbar. Ihre Firma muss sie freistellen oder ihnen eine Teilzeitstelle anbieten. Mindestens 15 Stunden und maximal 30 Stunden pro Woche dürfen die Mütter oder Väter während der Elternzeit arbeiten - auch bei einem anderen Unternehmen. Man könnte es auch anders formulieren: Eltern dürfen fremdgehen. Sich mal woanders umschauen. Berufserfahrung sammeln, vielleicht mal in einer ganz anderen Branche arbeiten. Und das mit Rückkehrgarantie.

Der entscheidende Paragraf, der dies möglich macht, versteckt sich in dem sogenannten Bundeselterngeldgesetz und Elternzeitgesetz, kurz BEEG, das die meisten nur kennen, weil mit ihm das viel diskutierte Elterngeld eingeführt wurde. "Ein Arbeitnehmer muss sich die Tätigkeit bei einem anderen Unternehmen zwar genehmigen lassen, aber der Arbeitgeber hat kaum eine Chance sich dagegen zu stellen", sagt Anwältin Trojan. Nur Wettbewerbsklauseln im Arbeitsvertrag könnten ein Grund sein, dem Antrag nicht zuzustimmen.

"Vielleicht haben sie es jetzt begriffen"

Wie viele Eltern diese Möglichkeit tatsächlich nutzen, dazu gibt es keine Zahlen. Rechtsanwältin Bettina Trojan zählt aber viele Mütter zu ihren Mandantinnen: "Viele nutzen die Zeit, um mal etwas anderes auszuprobieren oder etwas Neues zu beginnen, sich selbständig zu machen zum Beispiel."

Sandra H. arbeitet jetzt beim Pharmakonzern Bayer. Das Unternehmen hat sogar ihrem ungewöhnlichen Vorschlag zur Arbeitszeitverteilung zugestimmt: Sie arbeitet jetzt abwechselnd in der einen Woche drei volle und in der nächsten Woche vier halbe Tage. "Das passte gut zu dem Schichtdienst meines Mannes."

Auch Elisa S. hat ziemlich schnell eine Teilzeitstelle bei einem amerikanischen Konsumgüterhersteller gefunden. Der war besonders erfreut über ihr hervorragendes Englisch. Als sie ihren alten Arbeitgeber darum bat, die neue Tätigkeit zu genehmigen, dämmerte diesem plötzlich, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war, sie ziehen zu lassen. "Auf einmal wollte man doch wieder mit mir reden, es gäbe da vielleicht Möglichkeiten." Elisa S. blieb aber bei ihrem Entschluss und trat ihre neue Stelle an.

Die Elternzeit von Sandra H. endet bald. Der Zeit danach sieht sie gelassen entgegen. "Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, bei meinem jetzigen Arbeitgeber zu bleiben", sagt sie. Elisa S. wird zum Ende ihrer Elternzeit wieder in ihrem alten Unternehmen anfragen: "Die haben ja jetzt vielleicht begriffen, dass der Arbeitsmarkt keine starre Haltung mehr erlaubt. Da muss sich schon was bewegen, wenn die mich wiederhaben wollen."

  • David Einsiedler
    KarriereSPIEGEL-Autorin Annick Eimer (Jahrgang  1975) ist freie Journalistin in Hamburg.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mal was anderes probieren
u.loose 21.03.2013
aber das Risiko dem alten Arbeitgeber aufdrücken... Der Sozialstaat in Deutschland wird langsam aber sicher wirtschaftlich untragbar.
2. Ich dachte
felisconcolor 21.03.2013
Zitat von sysopZwei Arbeitsverträge bei zwei verschiedenen Firmen? Die Elternzeit macht es möglich. Verweigert der Chef eine Teilzeitstelle, dürfen die Angestellten bei anderen Firmen anheuern - und spätestens nach drei Jahren trotzdem auf eine Rückkehr in den alten Job pochen. Recht auf Teilzeit: Welche Ansprüche Arbeitnehmer in Elternzeit haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/recht-auf-teilzeit-welche-ansprueche-arbeitnehmer-in-elternzeit-haben-a-890035.html)
die Elternzeit sei dazu da sich um das Kind zu kümmern und nicht um zu arbeiten. Dann kann man den Quatsch auch ganz lassen. Meinetwegen Arbeit in Teilzeit und gut ist. Deutschland ist echt ein Zirkus. Ausserdem ist die Aussage mit dem "alten Job" so nicht ganz richtig. auf einen Job pochen der der gleichen Gehaltsklasse entspricht. Wenn man Pech/Glück hat eine Stelle im Archiv bei gleichem Gehalt.
3. ?!...
deSelby 21.03.2013
Zitat von u.looseDer Sozialstaat in Deutschland wird langsam aber sicher wirtschaftlich untragbar.
Haben Sie sich schon einmal Sozial- und Familenfreundliche Arbeitsgesetze und -regelungen aus anderen ebenfalls wirtschaftlich sehr erfolgreichen Ländern angesehen? Dagegen ist Deutschland geradenach im 19. jahrhundert stehengeblieben... ...das im großen uns ganzen unzutreffende Mantra vom ach so überbordenden und wirtschaftlich gefährdenden Sozialstaat wird zwar immer wieder gerne heruntergebetet, hat aber ausschließlich deshalb zugkraft, weil die Leute Regelungen aus anderen vergleichbaren Ländern nicht kennen.
4. Sie haben aber schon mitbekommen
zdophers 21.03.2013
Zitat von u.looseaber das Risiko dem alten Arbeitgeber aufdrücken... Der Sozialstaat in Deutschland wird langsam aber sicher wirtschaftlich untragbar.
dass der alte Arbeitgeber den Damen die Teilzeit verweigert hat?
5. Reichlich naiv
felisconcolor 21.03.2013
Immer wieder gern gesehen und genommen. Zwei Kinder im Anstand von zwei Jahren oder etwas mehr. 5 Jahre aus dem Job und dann überrascht sein wenn man vielleicht noch was in der Poststelle angeboten bekommt. Ist das nicht ein ganz klein wenig naiv gedacht? Kleine rosa Ponys sind was für die Prepubertäre Phase, da sollte man raussein wenn man Job und Kind unter einen Hut bekommen muss. Ausserdem warum teilt Frau sich nicht die Elternzeit mit dem Vater des Kindes....oh entschuldigung jetzt hab ich etwas naiv gedacht. Ausserdem hat ihr Arbeitgeber doch Wort gehalten und ihr einen Job angeboten. Mehr muss er nicht tun. Ich bin selbst Arbeitnehmer, aber was sich so manche rausnehmen das erschüttert selbst mein Verständnis.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Flexibel arbeiten - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Gehaltsgefälle in Beziehungen: Wenn sie reicher ist als er
Verwandte Themen

Fotostrecke
Voll- und Teilzeit: Deutsche sind mit Arbeitszeiten unzufrieden

Die wunderbare Welt der Teilzeit
Wie funktioniert's?
Nach § 8 des Gesetzes über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge (TzBfG) haben Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten einen einklagbaren Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit, wenn sie seit mindestens sechs Monaten dort beschäftigt sind. Der Antrag muss schriftlich und mindestens drei Monate im Voraus eingereicht werden, wobei Angaben zum Umfang der Reduzierung und zur Verteilung der Arbeitszeit Pflicht sind.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich.
Job-Pairing
Die Weiterentwicklung des Job-Sharing: Man bildet mit Kollegen ein Team, das die Verantwortung für Abstimmung, Entscheidungen und Leistung gemeinsam trägt.
Flexibilität am Arbeitsplatz


Social Networks