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Rechtsmediziner Natürlicher Tod mit Strick um den Hals

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Herzversagen, Suizid oder Würgemord? Olaf Cordes untersucht Tote - 5000 pro Jahr. Ein guter Job für einen Arzt, findet er: ohne Rufbereitschaft und Nachtdienst. Gefordert ist dafür kriminalistischer Spürsinn. Denn was der Bremer Rechtsmediziner übersieht, bleibt für immer unentdeckt.

Die Warnung ist kurz und sachlich. "Dieser riecht wieder ein bisschen", sagt Olaf Cordes, 41. Dann öffnet er gemeinsam mit dem Medizinischen Präparator Klaus Lüninghake den Sarg. Das Licht der Neonröhre in der Leichenhalle des Bremer Friedhofs fällt auf den offenen Mund eines schmalen Greises. Ein Geruch wie faule Eier entweicht in den kleinen Raum. Der Rechtsmediziner ignoriert den Duft des Todes. Er vertieft sich in den Totenschein.

"Schleichender Tod in Folge von Bewusstlosigkeit und Koma", liest Cordes vor. "Das sagt so ziemlich gar nichts aus." Die Suche nach verdächtigen Wunden, nach Spuren eines nicht natürlichen Todes beginnt. Der fahle Greis ist um 9 Uhr morgens der vierte Tote dieses Morgens. In der nächsten Stunde werden weitere zehn Folgen. Akkordarbeit vor dem letzten Abschied.

Pro Jahr begutachten Cordes und seine Kollegen mehr als 5000 Tote. Sie machen eine sogenannte zweite Leichenschau. Die ist in allen Bundesländern außer Bayern vor einer Feuerbestattung vorgeschrieben. Cordes muss all das entdecken, was bei der ersten Leichenschau am Totenbett übersehen wurde.

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Rechtsmedizin: Eben mal in der Leiche nachsehen
"Wir hatten mal einen Fall, da wurde ein natürlicher Tod bescheinigt, und um den Hals der Leiche lag noch der Strick", sagt Cordes. So leicht wird es ihm heute nicht gemacht. Mit zwei Fingern hebt er die Lider des alten Mannes, sucht winzig kleine rote Punkte in den Augen. Sie entstehen, wenn Blut in den Kopf hinein fließt, jedoch nicht entweichen kann. Das wäre beim Erwürgen der Fall. Alles normal.

Nun tastet er die Fußgelenke und Beine auf Sturzverletzungen des Leichnams ab. So mancher Unfalltod werde nicht gemeldet, und das nicht immer aus Versehen, erzählt der Rechtsmediziner. Wenn zum Beispiel unerklärliche Blutergüsse am Leichnam sind, dann müsste der Hausarzt eigentlich die Polizei verständigen. "Aber am Totenbett stehen die Angehörigen und sagen: Du spinnst doch. Wenn du jetzt hier einen auf dicke Hose machst, dann kommen wir nicht mehr zu dir in die Praxis."

"Wir konnten die Anzahl und Richtung der Schüsse nicht genau bestimmen"

Bundesweit gibt es nur einige hundert Rechtsmediziner. Ende der neunziger Jahre hat sich Cordes entschieden, den Facharzt für Rechtsmedizin zu machen. An seine zwölf Semester Medizinstudium und das Staatsexamen hängte er ein Jahr Pathologie, sechs Monate Psychiatrie und dann dreieinhalb Jahre in der Rechtsmedizin: die erste Sektion in Eigenregie und die Premiere als Sachverständiger vor Gericht. Denn bei Mord und Totschlag erscheint immer ein Rechtsmediziner im Gerichtssaal.

Die rechtsmedizinischen Befunde können einen Prozess entscheiden. Und nicht immer war sich Cordes sicher, alles richtig gemacht zu haben. Etwa im Fall des Mannes, der in Bremerhaven von Schüssen durchsiebt worden war. "Wir konnten die Anzahl und die Richtung der Schüsse nicht mehr genau bestimmen." Zwei Stunden musste Cordes seine Hypothesen vor Gericht vorstellen.

"Da war mir schon mulmig. Aber am Ende passte alles." Cordes' Befunde deckten sich mit den anderen Spuren und Zeugenaussagen. "Wenn man mehrere Prozesstage im Gericht sitzt, dann steckt man irgendwann richtig tief in dem Fall drin, vergleicht die verschiedenen Versionen der Tat, es ist wie ein großes Puzzle." Es ist "das Kriminalistische", das Cordes an der Rechtsmedizin mag.

Ein weiterer Vorteil: Sein Beruf ermöglicht ihm ein geregeltes Familienleben. Tote Patienten brauchen selten Rufbereitschaft und Nachtdienste. An den meisten Wochenenden kann Cordes mit seiner Frau und den Kindern Ausflüge machen.

Die offensichtliche Kehrseite: Die Mehrzahl der Menschen, mit denen er beruflich zu tun hat, ist tot. Ist das eine Belastung? "Ganz im Gegenteil." Cordes hat auch in der Klinik gearbeitet. Das fand er viel schlimmer. "Schon im Studium habe ich den Klinikalltag als menschenunwürdige Routine empfunden. Viel Bürokratie, keine Zeit für ein Gespräch, das hat mich abgeschreckt."

Je jünger der Tote, desto schwieriger das Vergessen

Die meisten Leichengesichter sind bereits am Ende des Arbeitstages aus dem Kopf des Rechtsmediziners verschwunden. Doch es gibt Ausnahmen. Je jünger der Tote ist und je mehr Cordes über dessen Leben weiß, desto schwieriger ist das Vergessen. "Kindesmisshandlungen bleiben hängen. Oder Arbeitsunfälle. Wenn man mitbekommt: Der hat sich morgens von seiner Familie verabschiedet und wird nie wiederkommen." Man sollte das Leben genießen, sagt der Rechtsmediziner, und immer an den Tod denken.

Die Untersuchung des Greises ist abgeschlossen. Der Mann ist eines natürlichen Todes gestorben. Cordes setzt seine Unterschrift unter den Stempel "Frei zur Feuerbestattung".

Auch bei den folgenden Leichen entdeckt Cordes nichts Auffälliges. Bauchspeicheldrüsenkrebs bei einem Mann mittleren Alters. Brustkrebs bei einer Frau, die noch im Sarg ein Perlenarmband trägt. Beim Rentner im Karohemd haben die Nieren versagt. Cordes zieht die Handschuhe aus, packt seine Mappe ein. Seinen nächsten Termin hat er zehn Autominuten entfernt in der Klinik.

Auch wenn Fernsehkrimis etwas anderes suggerieren: Zu einem Tatort wird ein Rechtsmediziner selten gerufen. Dann allerdings muss er gegen die Uhr arbeiten. Denn je schneller die Untersuchungen einer Leiche vorgenommen werden, desto genauer sind später die kriminalistischen Erkenntnisse, etwa über den Todeszeitpunkt.

Am Ort einer Bluttat misst Cordes die Körpertemperatur, entnimmt Gewebeproben, prüft, ob sich die Leichenflecken noch wegdrücken lassen. Um herauszufinden, ob die Gesichtsmuskulatur noch auf elektrische Reize reagiert, bringt er Elektroden am Kopf des Leichnams an. Wenn es gut läuft, dann kann er den Todeszeitpunkt auf zwei Stunden genau einkreisen. "Näher kommt man nicht ran."

Starb die alte Dame wirklich an Herzversagen?

Die klassische Obduktion beginnt mit einem Schnitt vom Kehlkopf bis zum Bauchnabel. Auch heute. Cordes ist vom Friedhof in den Sektionssaal des Klinikums Bremen-Mitte gefahren. Auf dem Edelstahltisch liegt eine Hundertjährige. Die Frau soll an Herzversagen gestorben sein, doch ein Kollege von Cordes glaubte das nicht. Eine Wunde am Kopf der Dame war nicht im Totenschein verzeichnet.

Der Schädel der Frau ist bereits aufgesägt, das Gehirn liegt in einer Schale. Bei der Sektion kommen alle Leichen unter das Skalpell, deren Todesursache nicht eindeutig geklärt ist. "Wir öffnen alle Körperhöhlen, Schädel, Bauch- und Brusthöhle", sagt Cordes unter seinem Mundschutz. Er beginnt, den Bauchraum der alten Dame auszuräumen.

Herz, Lunge und Leber wird er mit Skalpell, Schere und Pinzette auf einem dicken Holzbrett aufschneiden, ansehen, Gewebeproben sichern. Dann inspiziert Cordes die Kopfverletzung, die bei der Leichenschau Fragen aufgeworfen hatte.

Eine pralle Harnblase verrät oft den Gifttod

Er befühlt nun die kleine Wunde am Hinterkopf. "Die wurde schon mal ärztlich versorgt. An der Innenseite des Schädels und am Gehirn sind aber keine weiteren Spuren zu sehen." Also harmlos. Eine der leichteren Untersuchungen für Cordes. Komplizierter wird es beim Gifttod.

"Wenn nicht die Tablettenpackung neben dem Toten liegt oder noch Pillenreste auf der Zunge kleben, dann wird es bei der Leichenschau schwierig." Bei der Sektion hingegen lässt sich der Gifttod mitunter nachweisen. Ein mögliches Indiz ist eine prall gefüllte Harnblase. "Giftopfer sterben langsam und haben einen verringerten Harndrang. Also sammelt sich viel Urin in der Blase", sagte Cordes.

Der Rechtsmediziner schneidet das Herz der Frau mit einer Operationsschere auf. Mit den Fingern im Gummihandschuh fährt er über die Muskulatur. Auch hier im Sektionssaal hängt der Leichengeruch in der Luft, vermischt mit dem Duft von Desinfektions- und Putzmitteln. Die Adern im Herz der Frau sind verkalkt, die Muskulatur ist grob strukturiert, ein Zeichen dafür, dass sie stark beansprucht wurde. Die Frau kann an Herzversagen gestorben sein, muss sie aber nicht. Doch Cordes ist sich sicher: Sie starb eines natürlichen Todes.

Der Rechtsmediziner legt die Organe zurück in den Bauchraum. Dann wird der Körper der alten Dame wieder zugenäht. Wenn die Verstorbene bei der Trauerfeier einen hohen Kragen trägt, werden die Angehörigen keine Spuren der Sektion sehen können. Die Hundertjährige kann nun endlich ihre letzte Ruhe finden. Olaf Cordes zieht seinen Kittel aus. Kammerflimmern statt Kapitalverbrechen, wie fast jeden Tag.

  • Benjamin Braden (Jahrgang 1978) ist Multimedia-Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. 5000:365=13,69 -ich denke da sagt schon alles.
geka56 25.11.2011
bei den üblichen ca. 250 Arbeitstagen im Jahr darf der Doctor keinen Tag Urlaub machen um nicht noch mehr als 20 Fälle pro Tag abzuarbeiten. Das sind dann gerade einmal 24 Minuten pro Fall, -Nunja....
2. Akkord
sandrahng 25.11.2011
5000 pro Jahr ... Das sind ja dann bei normalen Urlaub etwa 15 pro Tag! ... Und bei einem 8 Stunden Tag wären das ja knapp 2 pro Stunde ...
3. Der Profi macht das in nur 10 Minuten...
roterschwadron 25.11.2011
Zitat von geka56bei den üblichen ca. 250 Arbeitstagen im Jahr darf der Doctor keinen Tag Urlaub machen um nicht noch mehr als 20 Fälle pro Tag abzuarbeiten. Das sind dann gerade einmal 24 Minuten pro Fall, -Nunja....
... was in etwa der Zeit entsprechen dürfte, die ein engagiertes Aufsichtsratsmitglied monatlich in einem der großen Unternehmen für wichtige Entscheidungen zur Verfügung hat. Das Arbeitsleben heutzutage ist schwierig geworden, mit all den Beraterverträgen und so. Wenigstens lohnt sich aber diese enorme Belastung finanziell. Die typischen Bonus-Berufsangehörige wie z.B. Altenpfleger wissen wahrscheinlich, wovon ich da rede...
4. Lesen bildet!
doc 123 25.11.2011
Zitat von geka56bei den üblichen ca. 250 Arbeitstagen im Jahr darf der Doctor keinen Tag Urlaub machen um nicht noch mehr als 20 Fälle pro Tag abzuarbeiten. Das sind dann gerade einmal 24 Minuten pro Fall, -Nunja....
Bitte mal richtig lesen, bevor absurde Berechnungen aufgestellt werden. Da steht Cordes und Kollegen bearbeiten 5000 Fälle pro Jahr!
5. Rechenschwäche
geka56 26.11.2011
Zitat von sandrahng5000 pro Jahr ... Das sind ja dann bei normalen Urlaub etwa 15 pro Tag! ... Und bei einem 8 Stunden Tag wären das ja knapp 2 pro Stunde ...
...da sollten Sie vielleicht doch besser noch einmal nachrechnen, auch ein Taschenrechner will richtig bedient sein. Gelle?!
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