Messer und Reifen, das ist meist eine fatale Kombination. Josef Lachnitt, 55, arbeitet täglich damit. Er ist einer von 13 Reifenschnitzern bei der Firma Continental in Hannover. In mühevoller Handarbeit schnitzen sie jedes Jahr in etwa tausend Reifen ein Profil. Und das nur, damit Testfahrer die Gummischluppen anschließend wieder kaputt fahren.
Meist schnitzen sie Prototypen, die nicht mit Maschinen hergestellt werden können. Ingenieure haben die Profile vorher am Computer entworfen. Mit Schablone und Silberstift werden die Muster auf die Reifen übertragen und dann mit dem Messer nachgezeichnet. "Man muss genau die Linie treffen", so Lachnitt. Und das ist gar nicht so leicht, schließlich ist jedes Profil anders. Winterreifen sind besonders kompliziert. Manche haben Löcher, andere Zacken, Ecken, Rundungen. In der Fachsprache heißt so etwas "Pirelli-Eck" oder "Bienenwabe".
Ihre Messer stellen die Reifenschnitzer selbst her. "Mit normalen Messern könnten wir nur langweilige Rillen erstellen", sagt Lachnitt. Er und seine Kollegen schnitzen auf zwei Zehntel Millimeter genau - normalerweise. Bei jedem 20. Reifen geht etwas daneben. "Manchmal gibt es so komplizierte Schnitte, da krabbeln wir auf dem Boden", sagt Lachnitt. Geübt wird zunächst an einem Musterreifen. "Je länger jemand dabei ist, desto geschickter ist er."
Neben den Prototypen schnitzen sie auch sogenannte Showreifen. In ein Exemplar mit farbigem Drachenmotiv hat Lachnitt 300 Stunden Arbeit gesteckt. Die Idee dazu hatte sein Sohn. "Der hat einen Drachenfilm gesehen und meinte, ich könnte so etwas doch mal machen", sagt der Vorarbeiter. Auch für Messen müssen die Reifenschnitzer immer wieder Sonderanfertigungen herstellen. Diese Arbeit mache den Mitarbeitern am meisten Spaß, weil sie auch mal "kreativ sein können", sagt Gruppenleiter Rainer Hahn.
Reifenschnitzer ist kein Lehrberuf. "Für uns ist das Talent entscheidend", so Hahn. Die Männer kommen aus ganz unterschiedlichen handwerklichen Berufen, einer von ihnen hat etwa eine Konditorausbildung. Neue Leute werden einfach ein paar Wochen lang getestet. "Dann sieht man schon recht schnell, wie jemand an die Arbeit rangeht", sagt Lachnitt. Entscheidend seien vor allem handwerkliches Geschick, gute Augen - und viel Geduld.
Julia Spurzem/dapd/vet
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