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80 Jahre alter Toilettenmann "Einen besseren Job gibt es doch gar nicht"

Klomann mit 80 Jahren: "Gnäd'ge Frau, es ist für Sie angerichtet" Fotos
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Angela Merkel, Gerhard Schröder, Guido Westerwelle - Ernst Vogel hat sie alle schon begrüßt. Der 80-Jährige arbeitet seit zehn Jahren als Klomann in der Berliner Kneipe "Ständige Vertretung". Zu Hause war es ihm zu langweilig.

Bevor Ernst Vogel mit der Arbeit beginnt, gibt er sich erst mal Trinkgeld. Zehn 50-Cent-Stücke und einen Euro, damit der Teller nicht so leer aussieht. Sein erster Gast an diesem Tag ist ein Mann Mitte vierzig. Zweimal geht er wortlos an Vogel vorbei und ignoriert sein Lächeln. Als er weg ist, liegen sieben Cent mehr auf dem Teller. "Einen schönen Tag wünsche ich noch", ruft Vogel ihm hinterher. Es klingt nicht einmal verbittert.

Ernst Vogel ist 80 Jahre alt. Seit zehn Jahren sitzt er fast jeden Tag hier, auf seinem Klappstuhl in der Ecke, wartet auf Kunden und putzt weg, was sie dreckig machen. Er ist Klomann in der "Ständigen Vertretung", von Stammkunden Stäv genannt, einer Kölner Kneipe in Berlin, die sich selbst als "Polit-Kult-Lokal" bezeichnet. An den Wänden hängen Bilder von Politikern, die hier mal Bier getrunken haben. Gerhard Schröder ist dabei, Johannes Rau, Norbert Blüm und Guido Westerwelle, auch Angela Merkel ist auf einem Foto zu sehen. Vogel sagt, er kenne sie alle. "In zehn Jahren war ich keinen einzigen Tag krank."

Es wäre leicht, ihn zu bemitleiden, wie er da kauert auf seinem Stühlchen vor den Toiletten, ein großer alter Mann mit schütterem weißen Haar, der mitten im Sommer einen Wollpullover trägt. Aber Vogel will kein Mitleid, im Gegenteil. Man müsse neidisch sein auf ihn, meint er: "Einen besseren Job gibt es doch gar nicht!"

Heutzutage seien alle immer im Stress. Niemand könne es sich leisten, während der Arbeit ein Schwätzchen zu halten. Er schon.

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Als "WC-Inspektor", wie er sich selbst nennt, kriegt er ein kleines monatliches Festgehalt und darf das Trinkgeld behalten, an besonders guten Tagen kommt schon mal ein dreistelliger Betrag zusammen. In der Stäv wird für ihn gekocht, er kann gratis Zeitung lesen, und weil er nie zu Hause ist, habe er "die niedrigste Stromrechnung von ganz Mariendorf".

Das Geld sei ihm aber gar nicht so wichtig, von seiner Rente könne er gut leben, sagt Vogel: "Ich müsste das hier nicht machen." Es ist nicht die Armut, die er fürchtet, sondern die Einsamkeit: "So allein zu Hause und nix zu tun, das ist nix für mich."

"Guten Tag, gnäd'ge Frau, es ist für sie angerichtet"

In seinem Schrank im Keller der Kneipe hat Vogel Fotos gesammelt, auf denen er mit Stammgästen posiert, auch Postkarten an ihn sind dabei, auf die ist er besonders stolz. Sein größter Schatz aber sind die vielen Anekdoten.

Da ist die alte Dame mit dem Zeckenbiss, die er zum Arzt geschickt hat und die ihm danach um den Hals gefallen ist. Der junge Mann, dem er eine neue Wohnung vermittelt hat, und der Bundestagsabgeordnete, der sich nie die Hände wäscht. Das Pärchen, das in einer Kabine Sex haben wollte und dem er als Scherz einen Dreier angeboten hat. Könnte man einen Querschnitt der deutschen Gesellschaft nehmen und unters Mikroskop legen, man würde wahrscheinlich den Toilettenflur von Ernst Vogel sehen.

"Guten Tag, gnäd'ge Frau, es ist für sie angerichtet", ruft er jetzt und weist mit ausgestrecktem Arm auf die Tür zur Damentoilette. Die Frau lacht, der alte Mann auch. Wenn er einen Gast sympathisch findet, schenkt er ihm oder ihr einen kleinen Marienkäfer als Glücksbringer. Früher hat er am Muttertag auch Rosen verschenkt, 100 Stück hat er immer gekauft, aber beim letzten Mal waren einige Frauen beleidigt, sie seien doch gar keine Mütter, sie wollten seine Rosen nicht. "Das war mir zu blöd", sagt Vogel. "Da hab ich die an die Belegschaft verschenkt."

Seine eigene Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, Vogel wuchs in einem Berliner Waisenhaus auf. Im KaDeWe machte er eine Ausbildung zum Lebensmittelkaufmann. "Da haben wir Konservendosen geschleppt und Zucker abgewogen, das kann sich heute gar keiner mehr vorstellen", sagt er. "Heute jammern sie ja alle immer gleich."

50 Euro Vorauszahlung fürs ganze Jahr

Er hat in seinem Leben viele Jobs gemacht, er war Handelsvertreter für Hundefutter in Bayern und für vegetarische Brotaufstriche in Nordrhein-Westfalen, er war Testkäufer in Apotheken, hat eine eigene Pension gehabt und Lavendel in Frankreich gezüchtet. Mit 65 Jahren ging er in Rente. Aber zu Hause, damals wohnte er in der Nähe von Köln, hielt er es nicht lange aus. In der Zeitung las er, dass im Kölner Brauhaus "Früh" ein Klomann gesucht wurde. So kam er zu seinem Job. Eine richtige Schulung habe er damals bekommen, sagt er: "Die haben als Test sogar Kupferstücke unter der Klobrille versteckt."

Drei Jahre arbeitete er im "Früh", dann stand der Wirt der "Ständigen Vertretung" vor ihm. Von dessen Kneipe in Berlin hatte Vogel schon gehört, dort wohnten mittlerweile Tochter und Enkel. Also schaute er beim nächsten Besuch vorbei - und blieb.

Mindestens eine Abendschicht pro Woche will er machen, "damit mich die Stammgäste noch sehen", sonst arbeitet er jetzt lieber tagsüber. Da kommen viele Touristen zu ihm, auch viele, die gar nicht hier essen, sondern nur aufs Klo wollen. Zu denen sei er immer besonders freundlich, sagt er: "Eine saubere Toilette ist das beste Marketing."

Er verlange bewusst keine Gebühr für die Toilettennutzung: "Wer gut erzogen ist, gibt freiwillig was." Von einem Stammkunden kriegt er immer 50 Euro im Januar - als Vorauszahlung fürs ganze Jahr. Aber die sieben Cent, die er von dem mürrischen Mann bekommen hat, die seien auch okay: "Kleinvieh macht auch Mist."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Toller Artikel und Hut ab...
LUAP 04.07.2014
...vor Ernst Vogel. Faszinierend mit welch positiver Einstellung er sich diese Nische geschaffen hat. Eine inhaltliche Anmerkung: Die StäV ist keine Kölner Kneipe sondern eine Kölsch Kneipe und hat ihren Ursprung - welch Überraschung - in Bonn, wo die Gründer vorher ihre Kneipe hatten. So long :-)
2.
ubibene 04.07.2014
ein guter Mann :))
3.
agua 04.07.2014
Nette Geschichte. Ich wollte auch mal Clofrau werden, da war ich 4 Jahre alt. Auf einer Familienfeier habe ich mit diesem Berufswunsch die Familie belustigt. Begründung war, die vielen 10 Pfennig Stücke, denn ich liebte die Automaten mit dem Drehknopf aus denen man damals Kaugummi und kleine Spielzeugartikel ziehen konnte:) Noch viele Jahre zum Anekdoten sammeln für diesen Herrn und weniger geizige Leute, die eine saubere Toilette zu schätzen wissen.
4. Ehre
runnerralfi 04.07.2014
Ich hatte die Ehre und das Vergnügen diesen Gentleman dort persönlich kennen zu lernen
5.
a.maniac 04.07.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEAngela Merkel, Gerhard Schröder, Guido Westerwelle - Ernst Vogel hat sie alle schon begrüßt. Der 80-Jährige arbeitet seit zehn Jahren als Klomann in der Berliner Kneipe "Ständige Vertretung". Zu Hause war es ihm zu langweilig. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/rentner-mit-job-der-klomann-der-staendigen-vertretung-in-berlin-a-978851.html
Wenn es den Menschen zu Hause zu langweilig ist, frage ich mich echt was für ein schlimmes Zuhause diese haben... Mal abgesehen davon sollen den Leuten mit diesen Beispiel die Rente ab 70+x oder noch schlimmer schmackhaft gemacht werden. Soll jeder arbeiten so lange er möchte aber nicht zwanghaft und dieses als Tugend hinstellen. Für mich ist Freizeit viel wichtiger als Arbeit.
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