Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaArbeitsrecht - KarriereSPIEGELRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Arbeitsgericht Bochum Rewe-Markt muss Praktikantin 17.000 Euro nachzahlen

Urteil des Arbeitsgerichts: Monatelang unbezahlt Regale einräumen geht nicht Zur Großansicht
DPA

Urteil des Arbeitsgerichts: Monatelang unbezahlt Regale einräumen geht nicht

Monatelang arbeitete eine 19-Jährige in einem Bochumer Rewe-Markt als Praktikantin. Monat für Monat unbezahlt. Sie verklagte den Laden - und bekommt nun rückwirkend die Arbeitsstunden bezahlt. Ihr Anwalt erklärt, wie man sich gegen Ausbeutung wehren kann.

Mit der Hoffnung auf eine Lehrstelle machte eine 19-Jährige ein unbezahltes Schnupperpraktikum im Rewe-Supermarkt. Und noch eines. Und noch eines. Nach Monaten des kostenlosen Jobbens verklagte sie ihren Arbeitgeber auf den entgangenen Lohn. Und bekam nun vor dem Arbeitsgericht Bochum 17.281,50 Euro zugesprochen (Az: 2 Ca 1482/13).

"Meine Mandantin hat über acht Monate unentgeltlich gearbeitet, insgesamt 1728 Stunden - in einem ganz normalen Supermarkt-Job. Sie räumte Regale ein, saß an der Kasse, sortierte im Lager. Allein im Mai letzten Jahres arbeitete sie 247 Stunden", so Martin Ackermann, Anwalt der Klägerin.

Die Ausbeutung hatte System: Wurde Kerstin V.* im Oktober 2012 mit einem einmonatigen Schnupperpraktikum angestellt, verlängerte der Supermarkt dieses mehrfach um einen Monat, immer ohne Bezahlung - und immer mit dem Köder der Lehrstelle. Nach gut vier Monaten, am 6.3.2013, schlossen Kerstin V. und die Bochumer Rewe-Filiale einen Ausbildungsvertrag: Gültig ab 1.9.2013. Bis dahin sollte sie weiter unentgeltlich arbeiten.

Fotostrecke

56  Bilder
Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Im Juli 2013 reichte es der Dauerpraktikantin - und sie suchte sich Hilfe beim Anwalt. Obwohl sie wusste, dass dies wohl das Aus für die künftige Lehrstelle bedeuten würde. Sie war an einem Punkt, wo sie die Ausbeutung nicht länger ertragen wollte und sich in diesem Betrieb auch nicht mehr als Auszubildende sehen konnte, sagt sie heute.

"Bei diesem Praktikum stand keineswegs der Ausbildungszweck im Vordergrund, wie bei einem Praktikum üblich", so Anwalt Ackermann. "Der Arbeitgeber wollte eine reguläre Arbeitsleistung, um Arbeitskosten zu sparen. Somit war der Vertrag sittenwidrig." Der Anwalt orientierte sich in seiner Klage an den branchenüblichen Stundensätzen und forderte zehn Euro pro Stunde für die geleistete Arbeit.

Diese, plus Zinsen, sprach das Gericht der jungen Frau zu. Einen vom Gericht vorgeschlagenen Vergleich in Höhe von 13.000 Euro hatte der Supermarktbetreiber vorher als überzogen abgelehnt.

Genaue Dokumentation entscheidend für Erfolg

Kerstin V.s Vorteil war, dass sie Buch geführt hatte über ihre Dienstzeiten. Nur mit präzisen Angaben ist es möglich, Klage einzureichen. Bei einer Abgrenzung zwischen Praktikum und Job geht es vor allem um die Frage, ob jemand eine vollwertige Arbeitsleistung erbracht hat - was für einen Job spricht. Oder ob er betreut und angeleitet wurde und es jemanden gab, der sich um ihn gekümmert hat - typisch im Praktikum.

Im Bochumer Rewe-Markt soll es noch weitere Praktikanten geben, die unentgeltlich reguläre Arbeit leisten, von vier unter zwölf Mitarbeitern ist die Rede. Keine unübliche Praxis, so Anwalt Ackermann: "Man hat den Eindruck, manche Betriebe laufen nur so." Ob es zu weiteren Klagen kommen wird, ist offen: Die anderen Praktikanten hatten nicht so genau Buch geführt über ihre Arbeitszeiten wie die Klägerin - was die Beweisführung wesentlich schwerer macht.

* Name geändert

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gut gemacht
enivid 26.03.2014
Finde ich gut. Mutiger Scheiß einer 19 jährigen, die zurecht Geld bekommen wird!
2. Boykottieren...
fridericus1 26.03.2014
... die Saftläden.
3. Auch der Konsument ist Schuld...
citi2010 26.03.2014
Der will alles möglichst billig billig billig. Die Worte fair und nachhaltig - nicht nur was die 3. Welt sondern auch unsere Welt betrifft - sind Fremdwörter für den Kunden. Vermutlich hat die junge Frau selbst hauptsächlich immer bei Aldi, Netto usw eingekauft. Trotzdem freue ich mich für sie und wünsche ihr alles Gute. Respekt für ihre Courage.
4. Sehr Gut!
gerd33 26.03.2014
Zitat von sysopDPAMonatelang arbeitete eine 19-Jährige in einem Bochumer Rewe-Markt als Praktikantin. Monat für Monat unbezahlt. Sie verklagte den Laden - und bekommt nun rückwirkend die Arbeitsstunden bezahlt. Ihr Anwalt erklärt, wie man sich gegen Ausbeutung wehren kann. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/rewe-praktikantin-bekommt-17000-euro-lohn-nachgezahlt-a-960928.html
Ich sehe noch einen weiter gehenden Erpressungstatbestand des Geschäftsinhabers. Bitte auch das Strafrecht bemühen.
5. Inhaber-REWE oder Zentralisten-REWE?
wauz, 26.03.2014
bei der verschachtelten Struktur dieses teilweise genossenschaftlich geführten Konzerns ist es wichtig zu wissen, ob dies ein Inhaber-geführter Partnerbetrieb unter der Marke REWE ist oder ob es sich um einen echten Teil des Konzerns handelt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Bewerbungen: Was Tobias dem Serkan voraushat

Verwandte Themen
Fotostrecke
Geschlecht, Alter, Herkunft: Verbotene Formulierungen in Stellenausschreibungen

Fotostrecke
Erste Pilotinnen: "Ich bin zu klein, zu blöd, ich bin eine Frau"


Social Networks