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Riesiger Windpark im Bau Zwölf-Stunden-Schichten auf hoher See

Windpark vor Borkum: Zwölf-Stunden-Schichten auf hoher See Fotos
DPA

Es ist Deutschlands größte Baustelle im Meer: Vor der Insel Borkum entsteht ein gigantischer Windpark mit 80 Windrädern, 19 stehen schon. Die harte und gefährliche Arbeit weit draußen erledigen bis zu 250 Menschen täglich. Sie brauchen Geduld, robuste Technik und gutes Wetter.

Gut 40 Minuten knattert der Helikopter von Emden aus über Inseln und die graue Nordsee. Dann tauchen aus dem Dunst Schiffe, Windräder und stählerne Ungetüme auf, die an Ölplattformen erinnern. Punktgenau landet der Pilot die Maschine auf dem kleinen Deck, kurz darauf startet er wieder mit Monteuren zurück zum Festland.

In der Nähe umkreisen Schlepper die Plattform, auf einem Spezialschiff bereiten sich Taucher auf ihren Einsatz vor - Alltag auf Deutschlands größter Baustelle im Meer: 90 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum entsteht derzeit der größte deutsche kommerzielle Windpark mit 80 Windkraftanlagen, "Bard Offshore 1". Derzeit stehen erst 19 Windräder, 16 sind bereits am Netz und liefern Windstrom aus dem Meer.

Es ist eines der Großprojekte, die eine erhebliche Rolle bei der "Energiewende" spielen sollen - seit der Atomausstieg keine reine Show fürs geduldige Publikum mehr ist, sondern ernsthaft umgesetzt werden soll, drückt auch die Politik aufs Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Und braucht Vorzeige-Anlagen.

Bereits im April 2010 ging das Pilotprojekt "Alpha Ventus", ebenfalls in der Nähe von Borkum, als weltweit erster Hochsee-Windpark offiziell in Betrieb, mit einem Dutzend Windkraftanlagen, die jeweils fünf Megawatt liefern können. Die Arbeiten am Offshore-Park des Betreibers Bard begannen im Frühjahr 2010, die erste Anlage speist seit dem vergangenen Dezember Strom ins Netz ein.

Riskante Arbeit mit tonnenschweren Geräten

Ursprünglich sollte der Windpark in diesem Jahr komplett sein, doch das raue Wetter und die Technik sorgen immer wieder für Verzögerungen. Allein das spezielle Bauschiff "Wind Lift 1" kam Monate später als geplant zum Einsatz. Das komplette Offshore-Windkraftwerk soll später 400 Megawatt Strom liefern, die Leistung ist allerdings abhängig von der Windstärke und den Wartungsarbeiten. Rund 1,7 Milliarden Euro kostet das Projekt.

Die Naben der Windräder sind 90 Meter hoch über dem Meer, die Rotoren haben einen Durchmesser von 120 Metern. Der in den Generatoren erzeugte Strom wird durch ein langes Seekabel über die Insel Norderney ans Festland transportiert und beim ostfriesischen Weener ins deutsche Netz eingespeist.

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Arbeiten mit Rückenwind: Super-Techniker gesucht
Sven Hüper, 25, ist seit Oktober Mechaniker auf der Umspann- und Serviceplattform "Bard 1", einem gelben Kasten auf Stelzen im 40 Meter tiefen Wasser. Für zwei Wochen fliegt er "offshore", dann hat er wieder zwei Wochen frei. Seit März 2010 sind bis zu 250 Menschen pro Tag hier draußen im Einsatz - auf Stahltürmen, Spezialschiffen, unter Wasser als Taucher oder in der Luft im Hubschrauber.

Auf "Bard I" gibt es Container für Material und Menschen, Trafos, einen Kran und einen Hubschrauberlandeplatz. Bei Sturm spritzen die Wellen hoch wie an Deck eines Schiffes. Mal kommen neue Container per Schiff an, mal müssen Tanks kontrolliert oder Kabel zu den neuen Windrädern eingezogen werden. Die Arbeit mit tonnenschweren Geräten ist gefährlich. Einmal gab es einen tödlichen Unfall - ein Taucher erstickte.

Karge Räume, kein Komfort

Für das Übersetzen auf Schiffe steht der "Mannkorb" bereit, ein ringförmiges Gestell, das der Kran zu einem Schlepper herablässt. Auf diesem Luftweg geht es hinüber zu dem großen Bauschiff "Wind Lift 1", von dem aus die Fundamente der Windräder in den Meeresboden gerammt werden. Doch heute schweigt der Hammer, der den Seeleuten sonst in den Kojen unterhalb der Wasserlinie den Schlaf raubt.

Bis zu 40 Übernachtungsplätze bietet die Plattform, hinzu kommen Räume für zehn Monteure, die nur tagsüber an den Windrädern arbeiten. In ihren Wohnräumen stehen Doppelstockbetten und ein kleiner Tisch, das Fenster bietet besten Nordseeblick wie auf Kreuzfahrtschiffen. Von Komfort gibt es hier jedoch keine Spur. Nur ein kleiner Fitnessraum steht bereit mit Tischtennisplatte und Trimm-Geräten. Zwölf Stunden dauert eine Schicht auf der Plattform. "Danach freue ich mich auf etwas Freizeit und gehe bald ins Bett", sagt Mechaniker Hüper.

Auf der Plattform und den Schiffen bleiben die Männer weitgehend unter sich, dort arbeiten nur wenige Frauen, in der Küche und im Service. Gina Petkevicience kommt aus Litauen und hat zuvor schon auf Bohrinseln gearbeitet. "Frauen an Bord sind gut für die Atmosphäre", sagt sie, "die Männer reagieren positiv und achten mehr auf Sauberkeit und Höflichkeit."

Die Offshore-Arbeiter sammeln Erfahrungen, Spezialisten sind derzeit stark gefragt, denn weitere Großprojekte sollen folgen. Allein in der Nordsee sind rund 20 Windparks bereits genehmigt, mehr als 50 weitere befinden sich im Genehmigungsverfahren, und auch in der Ostsee sind mehrere geplant. Die "Bard Offshore 1" nun im Herbst 2013 fertig sein statt in diesem Herbst. Erst vor wenigen Tagen wurde auch die Finanzierung für den Endausbau gesichert. Die Energiewende auf See mit den geplanten mehreren 1000 Windrädern braucht neben Geld aber auch Geduld, robuste Technik und vor allem gutes Wetter.

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