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Nach Diktat verreist Strafversetzt nach Kabul

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Freund und Feind zu unterscheiden ist wichtig im Krieg, und wichtiger noch im Büro. Der richtige Umgang mit den Feinden hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel von deren Hobbys, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

Die charakterliche Herausforderung für eine erfolgreiche Führungskraft besteht darin, eine freundliche, offene Umgänglichkeit zu kombinieren mit der Fähigkeit, jederzeit und ohne mit der Wimper zu zucken einen Gegner fertigmachen zu können.

Entsprechend würde sich Achtenmeyer niemals als nachtragend bezeichnen. Er vergibt seinen Feinden - aber er vergisst ihre Namen nicht. Wobei "Feind" in seinem ganz persönlichen Wertesystem ziemlich weit gefasst ist. Der Begriff beginnt bei einem gewissen Ober im Au Lac (formerly known as his "Lieblingsrestaurant"), der ihm einmal eine einzelne Kirsche auf sein Vanilleeis drapierte - während sein Tischnachbar zwei erhielt. Und reicht dann weiter über diverse Kollegen, Kommilitonen und konjunktivische Liebschaften, bis er schließlich bei schwer fassbaren Größen wie dem Wetter, der Konjunktur oder auch der Welt als Ganzes endet.

Über Freund und Feind führt Achtenmeyer penibel Buch, und zwar nicht nur wie die meisten Menschen im Geiste, sondern in einem wahrhaftigen, physisch fassbaren schwarzen Notizbuch von Moleskine. Da sich die Allianzen und Frontlinien quasi minütlich ändern, ist das follow-up seines Bündnissystems recht zeitintensiv. Aber es lohnt sich.

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Wie jetzt im Fall Oberauer. Oberauer war ein geschätzter Mitarbeiter Achtenmeyers, der neben seiner gewissenhaften Art vor allem durch sein Hobby auffiel: Autos - und alles, was dazugehört. Worunter Oberauer jedoch kein klassisches Zubehör versteht (breite Schlappen, rotes Leder, Kenwood-Aufkleber in der Heckscheibe); ihn fasziniert eher die planerische Seite des Autoverkehrs. Ob neue Autobahntrassen, Dauerbaustellen, Stauprognosen, Verkehrslenkungssysteme - über all dies lässt sich mit Oberauer ganz wunderbar parlieren. Vorausgesetzt, man bringt ein, oder besser noch zwei Stündchen Zeit mit.

Alles bürokratische Sesselfurzer

Vor ziemlich genau einem dreiviertel Jahr erhielt Oberauer ein Jobangebot vom Verkehrsministerium. Irgendwas mit Stabsfunktion, Leitungsebene, Achtenmeyer hat die Details sofort wieder vergessen. Finanziell hätte sich Oberauer deutlich verschlechtert, "aber hey", sagte er zu Achtenmeyer, "es ist das Verkehrsministerium! Ich muss das einfach machen".

"Quatsch", replizierte Achtenmeyer ungehalten, der sich unablässig fragte, wie er die gigantische Lücke, die der gewissenhafte Oberauer in seine Abteilung reißen würde, wieder füllen könnte. Weil ihm nichts einfiel, bombardierte er Oberauer mit Argumenten ("Denken Sie doch mal an Ihre Familie - der Umzug, die miese Bezahlung"), Schmeicheleien ("Im Ministerium sitzen nur bürokratische Sesselfurzer. Ein dealmaker Ihres Kalibers passt da so gut rein wie ein Pfau in eine Schar Spatzen") und Beleidigungen ("Sie sind wohl einfach nicht tough genug für unser up or out"). Nichts fruchtete. Oberauer redete von nichts anderem mehr als von Straßen, Brücken und Umgehungen. Nur einmal in drei Wochen nahm er eine viertelstündige Auszeit: Für das Gespräch mit dem Personalchef, der ihm ein Rückkehrrecht zusagte. Dann kündigte Oberauer und Achtenmeyer schäumte.

Einige Wochen lang lenkte er sich damit ab, Oberauers Verfehlungen (und die des Personalers) ausführlichst im Notizbuch zu beschreiben. Irgendwann jedoch tauchten neue Probleme mit neuen Feinden auf, und er vergaß die Causa Oberauer.

Bis dieser vor zwei Wochen wieder in seinem Büro stand und jammerte. Diese Bürokratie! Diese Trägheit! Nichts bewegt sich, kein Vergleich mit der Can-do-Attitude in der company! Gar nicht zu reden von der finanziellen Seite, sogar seinen geliebten Oldtimer habe er versetzen müssen, damit seine Familie über die Runden kommt. Kurz: Oberauer wollte zurück.

Ab sofort: Dienstsitz Kabul

Achtenmeyer verzichtete auf den wohlfeilen Hinweis, dass er ihm all das vorher gesagt hatte, und griff stattdessen in die obere Schreibtischschublade nach seinem schwarzen Büchlein. Und plötzlich war alles wieder da: Oberauers Gequatsche, seine Illoyalität, der Personalexperte, die unglückselige Option auf Rückkehr.

"Wie ich mich erinnere, haben Sie damals eine Rückkehr-Option ausgehandelt, zu gleichen Bezügen und in vergleichbarer Position", sagte Achtenmeyer. Dabei zwang er sich gelassen zu bleiben und den Triumph in seiner Stimme nicht zu früh von der Leine zu lassen. "Wie Sie verstehen werden, haben wir Ihre alte Stelle mittlerweile nachbesetzt, mit einer sehr guten Kraft, die ich ungern verlieren würde", fuhr er umständlich fort, während der Triumph wütend an seiner Fessel zerrte. "Aber in unserer Länderorganisation Afghanistan ist gerade eine Position vakant. Selbstverständlich gleiches Level, und inklusive Gefahrenzulage dürften Sie Ihr altes Gehalt sogar noch toppen. Dienstsitz ist Kabul, Ihr Flug geht nächsten Donnerstag."

Oberauer trottete aus dem Büro, Achtenmeyer setzte ein "cc" unter die entsprechende Seite im Notizbuch und legte es zurück in die Schublade. "CC" für "Case Closed".

+++ Lessons learned +++

1. Wie Du mir...: Eine geistige Liste, mit wem er gut kann und wer ihm schon einmal Ärger gemacht hat, führt wohl jeder. Das passiert nahezu automatisch und ist im Grunde nur die dunklere Seite von klassischem Networking. Nachtragende Charaktere aber tun sich im Unternehmensalltag schwer. Auf lange Sicht zahlt es sich aus, auch mal fünfe gerade sein zu lassen und selbst dem Netzwerk etwas zu geben statt nur zu fordern.

2. Kulturschock: Selbstverständlich sind Ministerien nicht träge und bürokratisch. Doch wer den Job wechselt, tut gut daran, auch das Umfeld zu prüfen, ob die vielzitierte "Kultur" in der neuen Firma passt. Sonst wird die vermeintliche Traumposition schnell zum Alptraum.

3. Vorsicht, Micromanagement: Einmal mehr verzettelt sich Achtenmeyer aus verletzter Eitelkeit auf Nebenkriegsschauplätzen. Anstatt über den Abgänger zu fluchen, wäre die Energie dafür bei der Suche nach einem guten (vielleicht sogar besseren) Nachfolger klüger investiert.

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1.
pedites 07.05.2013
Na, selbstverständlich nicht. Effizienz, Flexibilität und harte, mies bezahlte Arbeit fürs Vaterland sind hier ein Muss! Ha, ha, ha ....
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  • Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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