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Schaufensterpuppen-Hersteller Innen hohl, außen perfekt

Schaufensterpuppen: Hohle Häupter und abgetrennte Arme Fotos
SPIEGEL ONLINE

Leere Köpfe können viel erzählen. Die Schaufensterpuppen der Familie Moch spiegeln den Zeitgeist eines ganzen Jahrhunderts. Seit 1905 stellen die Kölner perfekte Figuren her - oder versuchen es zumindest. Denn das Geschäft mit der Makellosigkeit hat seine Tücken.

Flowers ist zu dick. Oder ihr Kopf zu klein. Der würde problemlos in eine ihrer Brüste passen. Eine Oberweite von 87 Zentimetern war für sie gedacht, jetzt sind es fast 20 Zentimeter mehr. Josef Moch, 59, würde der Schaufensterpuppe am liebsten den Kopf absägen. Aber ein Übergrößengeschäft hat Flowers so bestellt: den Kopf sechs Kleidergrößen kleiner als der Körper.

Es heißt, Moch habe schon Geschäfte platzen lassen, weil ihm die Bestellung nicht gefiel, ihm die Schminke zu grell war, die Frisur zu wild. Er will, dass seine Schaufensterpuppen makellos sind. Schon sein Großvater hat in Köln Figuren hergestellt. Die ersten waren aus Wachs, 105 Jahre ist das her. Bald soll der nächste Sohn übernehmen. Es wäre die dritte Firmenübergabe in der Familie. Keine andere europäische Schaufensterpuppenmanufaktur hat so lange durchgehalten.

Die Figuren sind jetzt aus Fiberglas und Polyester. Sie werden noch immer in Köln entworfen, aber in China produziert. 3000 Körper und Köpfe, 6000 Arme und Beine kommen jedes Jahr im Container an, manche mit zerschundenen Gesichtern oder gebrochenen Fingern. In der alten Werkstatt vom Großvater werden sie zusammengesetzt, repariert, bemalt und behaart. Zehn feste Mitarbeiter hat Josef Moch, fünf Freie helfen regelmäßig aus.

Auffangbecken für Künstler

Die Werkstatt sieht aus wie eine Rumpelkammer. Fahle Schenkel, hohle Häupter, abgesägte Hände und Staub, wohin man schaut. Wie viele Menschen haben diese leeren Augen schon zum Kauf überredet? Wie viele Pullover die hageren Schultern bedeckt?

Moch hat keinen Sinn für solche Gedankenspiele. Die alten Körperteile hortet er nur für die Reparatur. Das Chaos möchte er nicht sehen - und schon gar nicht in der Zeitung. Aber dort, auf Seite 30 des Lokalteils: eine Bilderstrecke. Eine Großaufnahme zeigt Flowers, nicht die dicke Flowers, sondern "Flowers wild terra", eine Verwandte mit anmodelliertem knallroten Wuschelhaar. Für Moch offenbar eine Katastrophe. Der Mann bebt und poltert. Ob man in so einer Werkstatt arbeiten wolle? Ob alle Figuren so scheußlich aussähen?

Fotostrecke

6  Bilder
Familienbande: Mein Vater, der Boss
Anhören muss sich das Johanna Urbanowicz, 51. Seit 22 Jahren arbeitet sie für Josef Moch und malt den Puppen ihre Gesichter an. Dass sie aus Breslau kommt und dort Industriedesign studiert hat, hat sie ihrem Chef sicher oft gesagt. Aber mal stellt er sie als Schildermalerin aus Warschau vor, mal als begabte Kunstschülerin. Urbanowicz lächelt dann und schweigt. Jetzt lächelt sie nicht.

Schimpfend rennt Moch die Treppe hoch in sein Büro, wo noch mehr Köpfe lagern - dicke Männerköpfe aus der Zeit des Wirtschaftswunders und schmale Frauenköpfe aus der Zeit von Twiggy. Er hat alles getan, um diesen Laden zu retten. Er war in Taiwan, in China, er hat Beethoven modellieren lassen als Werbegag und Romy Schneider fürs Filmmuseum. Er hat seine Karriere als Chemiker aufgegeben, nur den Doktortitel trägt er noch. Und wofür? Quasi für den Erhalt von Opas Rumpelkammer.

Verführerisch gucken mit Silikon auf dem Gesicht

Urbanowicz nimmt den anderen Ausgang, den zum Garten, dort kann man rauchen. In der Werkstatt ist das verboten. Zu viele giftige Gase wabern durch die Luft. Sie kommen aus dem Nebenraum, dort werden die Puppen mit Lack besprüht. Ein slowenischer Maler macht das per Hand, seinen Namen will er nicht nennen. Seine Bilder hängen in der Nationalgalerie von Ljubljana. Er lackiert nur aus Not.

Maler, Bildhauer, Bühnenbildner - die kleine Kölner Schaufensterpuppenmanufaktur ist ein Auffangbecken für Künstler, denen eines fehlt: Geld. Die meisten bleiben nicht lange. Niall Buggy, 54, sagt, er habe den Absprung verpasst. In seiner Heimat Dublin hat er am National College of Art and Design studiert, der Liebe wegen kam er nach Köln. 16 Jahre ist das jetzt her.

Buggy ist Bildhauer, er kann Hunde modellieren und Hände, Köpfe, Torsi, das ganze Programm. Moch braucht Leute wie ihn. Denn was heute perfekt ist, wird morgen verpönt, dann müssen neue Gesichter her. Spätestens nach fünf Jahren ist es so weit. Die Körper halten länger, bis zu 50 Jahre, sagt Josef Moch. Schlank ist immer gut.

Niall Buggy formt die Köpfe aus Plastilin, nach Fotos aus Modezeitschriften und mit viel Phantasie. Echte Models bestellt Moch nur für Fernsehteams, die mögen es, wenn Model und Puppe am Ende nebeneinanderstehen. "Die Abdrücke von Menschen zu nehmen, ist viel zu aufwendig", sagt er. "Und der Gesichtsausdruck stimmt einfach nicht." Wer kann schon verführerisch gucken mit Silikon auf Augen und Mund?

Der Junior will die Tradition fortführen

Schaufensterpuppen dürfen nicht lachen, aber auch nicht griesgrämig sein. Manche haben weder Mund noch Nase, andere zeigen leicht die Zähne. Buggy kennt sie alle. Zwei Tage braucht er, um aus einem Plastilinkopf eine Form zu machen, innen Silikon, außen Polyester. 40 Mal kann darin aus einem Kunstharz-Glasfasergemisch ein perfekter Kopf gegossen werden. Dann kommen die ersten Risse, Kanten, Ecken. Nach 200 Köpfen sind die Fehler so groß, dass sie nicht mehr weggeschmirgelt werden können. Aber die meisten Köpfe kommen ohnehin aus China. Dort müssen die Arbeiter sich ihre eigenen Formen basteln, nach den Originalen aus Köln.

Die will Buggy aber nicht mehr erstellen. Zu viele Änderungswünsche, zu wenig künstlerische Freiheit. Da schmirgelt er den Puppen lieber den Rücken. "Die Zusammenarbeit mit den Künstlern ist manchmal schwierig", sagt Moch. Er spricht jetzt wieder leise. Schon als Jugendlicher habe er seinem Vater in der Werkstatt geholfen, dann wollte er etwas ganz anderes machen, Chemie war seine Welt, "aber das war eine Illusion". Von einem Familienunternehmen kommt man nicht so leicht los.

Seinem Sohn will er die Wahl lassen, doch die ist schon gefallen: Johannes Moch, 25, hat seinen Job als Versicherungskaufmann bei einer großen Investmentbank gekündigt. Eine große Karriere hätte er da vor sich gehabt, sagt Josef Moch, aber er freue sich natürlich, dass der Junior jetzt die Tradition fortführen will. Schaufensterpuppen würden immer gebraucht, das Potential der Firma sei groß. Drei Millionen Euro Umsatz machen sie im Jahr, da lasse sich noch viel erreichen.

Das sieht auch Johannes Moch so. Damit der Einstieg gelingt, bereitet er sich ganz systematisch vor: Er macht einen Master in Family Business Management an der Privatuniversität Witten/Herdecke. Bisher hat er vor allem die Lieferwagen mit den Puppen gefahren oder in der Buchhaltung ausgeholfen, doch irgendwann will er auch mal runter in die Werkstatt und sehen, was Johanna Urbanowicz und Niall Buggy da treiben.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Moch Schaufensterpuppen
DäKääl 13.09.2012
Ich erinnere mich. Habe zwischen 1959 und 1962 bei Hertie in Köln "Schaufensterdekorateur" gelernt. Die Moch Figuren wurden zu dieser Zeit aus Gips gefertigt. Zum Transport aus dem Keller und durch das Kaufhaus waren mindestens 2 kräftige männliche Lehrlinge erforderlich. Weibliche Kollegen waren physisch überfordert. Aber damals waren die männlichen Kollegen noch echte Chavaliere. Habe mich schon immer mal gefragt, ob die Firma Moch noch besteht?
2. Revival mit der Moch'schen Puppenfabrik.
BrunoGlas 13.09.2012
Auch ich erinnere mich. Als Kunststudent hatte ich in den 70-er und 80-er Jahren zweimal Anlauf genommen, um in der Moch'schen Puppenwerkstatt Fuß zu fassen. Beim ersten mal war ich für den frisch ins Unternehmerleben eingestiegene und immer nervöse Josef Moch nicht perfekt genug mit der Airbrush-Pistole, die Glanzlichter der Augen bekam ich nie richtig hin. Danach waren mir das ewige Staubgedöns vom Trockenschmirgeln des 2K Füllers und der Lackstaub mit Augen kollidiert, bzw. die Polyester-Dämpfe auf die Bronchien geschlagen, sodass ich den Job von mir aus hinschmiss. Zwar sind die im Spiegel gezeigten Photos wirklich topp, sie zeigen aber nicht die gesamte Atmosphäre in den Räumen. Auch wenn ich in den späteren Jahren selber heftig mit Lacken arbeitete, etwas geordneter ging es schon zu. Der Text im Spiegel deutet aber an, dass die Arbeit für die Mitarbeiter Johanna und Buggy und übrigen auch heute noch anstrengend ist. Insofern hoffe ich, dass der freundlich lächelnde Junior wirklich Spaß an seinem Job findet und die Dinge besonnener angeht, und vor allem den Laden aufräumt und die Emissionen stoppt. Glückwunsch aus Berlin nach Rodenkirchen.
3. Moch Songmics Schaufensterpuppen
songmics.de 19.09.2012
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