Schauspieler bei Alibi-Agentur Auf die Stirn küssen und Klappe halten
Eine schlüpfrige Frage über die Kundin - jetzt muss Felix Brahmst schnell etwas einfallen. Er ist Schauspieler und wird gebucht, wenn Frauen einen Begleiter fürs Betriebsfest brauchen. Ein schwieriger Part: Er soll als Liebhaber durchgehen, aber Anfassen ist verboten.
Zum Verlieben bleiben Felix Brahmst*, 35, zehn Minuten. Nicht gerade viel Zeit, um eine Beziehung aufzubauen, die offiziell seit sechs Monaten bestehen soll. Seine wichtigste Frage in diesem Moment: "Wie weit darf ich gehen?" Die klare Ansage der Kundin: keine Küsse auf den Mund. Dann sind sie ein Paar - bis zum Ende der Betriebsfeier.
Brahmst arbeitet für eine Alibi-Agentur. Er soll an diesem Abend den festen Freund der jungen Frau spielen. Sie will vor ihren Kollegen verheimlichen, dass sie lesbisch ist. "Stellen Sie sich einfach vor, ich sei Ihr große Bruder", sagt Brahmst.
Er ist ausgebildeter Schauspieler, seit elf Jahren spielt er Theater, auch im Fernsehen ist er zu sehen. Zuletzt stand er für den "Tatort" und die Vorabendserie "K11" vor der Kamera. Die Betriebsfeier ist sein dritter Einsatz als Alibimann.
"Das Irrwitzige an diesem Job ist, dass ich sehr viel über meine Kunden erfahre, sie jedoch nichts über mich wissen", sagt Brahmst. Sie erfahren noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Die Agentur vermittelt ihn unter einem Pseudonym. Persönliche Fragen habe ihm bisher noch niemand gestellt, sagt er. So genau wollen die Leute ihren Lover für einen Abend offenbar gar nicht kennenlernen. Brahmst ist das ganz recht.
Er möchte seine zwei Lebenswelten getrennt halten. Denn die Reaktionen seiner eingeweihten Freunde auf seinen neuen Job reichten von Unverständnis bis Ablehnung. Nur ein Schauspielkollege fand seine Einsätze "eher interessant". Kein Wunder, meint Brahmst: "Gerade am Anfang nimmt man als Schauspieler alles, was man kriegt. Die wenigsten starten voll durch."
Das bestätigt eine Studie des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler aus dem Jahr 2010. Rund 36 Prozent der Befragten gaben an, zumindest teilweise in branchenfremden Jobs zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Rund 23 Prozent waren auf Leistungen wie Arbeitslosengeld und Hartz-IV angewiesen. Dennoch sagten mehr als 80 Prozent der Befragten, sie würden wieder den gleichen Beruf wählen. Zu ihnen gehört auch Brahmst. Obwohl er von der Schauspielerei allein nicht leben kann.
200 Euro für einen Abend
Für ihn ist der Job als Alibi-Geber eine Alternative zum Kellnern: "Ich wollte nicht wieder in die Gastronomie." An einem Abend als Strohmann verdient Brahmst zwischen 150 und 200 Euro. Je nach Auftrag fährt er dafür auch durch mehrere Bundesländer, die Kosten für die Anfahrt tragen die Kunden. Für sie ist sein Einsatz nicht ganz billig, die Agentur will schließlich auch noch mitverdienen. Genaue Preise will sie nicht nennen, doch vergleichbare Alibi-Agenturen nehmen 250 Euro pro Lockvogel-Einsatz. Für Alibi-Telefonate verdient Brahmst 17,60 Euro pro Anruf.
Zu seinem ungewöhnlichen Nebenjob ist der Schauspieler über eine Anzeige im Internet gekommen. Ein Vorstellungsgespräch gab es nie. Den Chef der Agentur und die anderen Mitarbeiter kennt Brahmst nicht persönlich. Alle Absprachen werden am Telefon getroffen. Für den Schauspieler gibt es dabei klare Grenzen: "Pädophile oder rechtsextreme Menschen decke ich nicht. Sobald es sich um kriminelle Machenschaften handeln würde, würde ich sofort die Polizei einschalten."
Hier eine Umarmung, zärtliche Küsse auf Wange und Stirn, da ein verliebter Blick, Brahmst hat Erfahrung im Spielen des Liebhabers. Auch Männern war er schon ganz nah, beruflich zumindest. Die Kollegen der jungen Frau reagieren unterschiedlich. Eine freut sich sehr für das neue Glück. Ein anderer stellt viele Fragen, nimmt Brahmst für ein "Männergespräch" zur Seite. Der Schauspieler erfindet sogar ein paar schlüpfrige Details. Trotzdem sagt er nachher: "Ich bin mir sicher, er hat was gemerkt."
Das ist das Schwierige an seinem Nebenjob: Es gibt kein Drehbuch. Und für die Kunden steht oft viel auf dem Spiel. "Die Situation ist real, das ist ein besonderer Kick", sagt Brahmst. Von der jungen Frau hört er nach dem gemeinsamen Abend nichts mehr. "Sicher erzählt sie ihren Kollegen irgendwann, dass Schluss ist. Die Schuld kann sie ja ohne weiteres auf mich schieben."
* Name von der Redaktion geändert
- KarriereSPIEGEL-Autorin Nadine Klees (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin in Saarbrücken.
Benjamin Stöß
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