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Schiedsrichterin Steinhaus "Spielern ist egal, ob ein Mann oder eine Frau pfeift"

Schiedrichterin: Bibiana Steinhaus, "First Lady" mit Pfiff Fotos
DPA

Im Beruf als Polizistin sorgt sie für Recht und Ordnung - auf dem Platz ebenso. Bibiana Steinhaus, 32, ist Deutschlands erste Schiedsrichterin im Profifußball der Männer und leitet am Dienstag das WM-Spiel der US-Frauen gegen Nordkorea. Im Interview spricht sie über das Erlebnis Fußball und Neandertaler-Sprüche.

Bibiana Steinhaus ist derzeit schlecht zu erreichen. Dann kommt auf ihrem Handy der Anrufbeantworter zum Einsatz: "Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben ein Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie sich keinen leisten können, dann sprechen Sie nach dem Piepton."

Die Ansage passt zu ihren beiden Berufen - als Polizistin wie als Schiedsrichterin ist es ihre Aufgabe, die "Einhaltung von Regeln und Gesetzen zu überwachen, die man nicht selbst gemacht hat", wie sie einmal dem SPIEGEL sagte. Am Dienstagabend um 18.15 Uhr wird Bibiana Steinhaus die politisch heikle Partie USA gegen Nordkorea leiten. Der einzigen deutschen WM-Schiedsrichterin ist davor nicht bange. Wie die Spielerinnen will auch sie "erst einmal gut ins Turnier finden" und fühlt sich bestens vorbereitet. Dass sie bei guten Leistungen womöglich auch das Endspiel pfeifen könnte, hat Steinhaus schon abgehakt: "Daran denke ich nicht, denn im Finale spielt hoffentlich die deutsche Mannschaft."

Steinhaus ist erst 32, pfeift aber schon ihr halbes Leben lang: Nachdem sie "nahezu talentfrei", wie sie zugibt, als Linksverteidigerin kickte, wurde sie mit 16 Jahren Schiedsrichterin. Zunächst pfiff sie in ihrer Heimat im Harz, dann in der Regionalliga, seit 2007 auch in der zweiten Bundesliga der Männer. In die erste Liga steigt sie allerdings vorerst nicht auf und erhielt diese Nachricht kurz vor WM-Start - obwohl sie den Fitnesstest mit Bravour bestanden und unter anderem WM-Organisatorin Steffi Jones sich für Steinhaus stark gemacht hatte.

Polizei-Überstunden für die WM

Die "First Lady" der Schiedsrichter absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung bei der Polizei, war auch bei Castor-Transporten und beim G8-Gipfel in Heiligendamm im Einsatz. Ihr Arbeitgeber ist das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport. Um bei der WM Urlaub zu haben, schob die Polizeikommissarin mit 70-Prozent-Stelle reichlich Überstunden.

Über ihr Doppelleben zwischen Polizei und Schiedsrichterei ("zwei Exekutivberufe") spricht Bibiana Steinhaus nicht sehr gern und bemüht sich auch sonst um strikt neutrales Verhalten - auf keinen Fall will sie sich angreifbar machen. Parallelen zwischen beiden Berufen schildert Steinhaus auf der Homepage der Polizeiakademie: "Es gilt, sich Fachwissen anzueignen, zu verinnerlichen, im Sinne des Gesetzes anzuwenden und Entscheidungen zu treffen."

Trifft jemand Steinhaus in ihrem Gerechtigkeitsempfinden, kann sie sehr wehrhaft sein. Zu spüren bekam das 2002 ein Vereinstrainer: Nach einem Streit zwischen ihm und einem Schiedsrichter-Assistenten soll der Trainer Steinhaus vor "dienstlichen Konsequenzen" gewarnt haben - er war Kriminalhauptkommissar, sie als Jungpolizistin noch in der Ausbildung. Das Sportgericht brummte dem Trainer dann eine Geldstrafe auf.

Christoph Ruf traf Bibiana Steinhaus bei der WM-Vorbereitung.

KarriereSPIEGEL: Frau Steinhaus, Sie haben schon bei der Junioren-WM in Thailand gepfiffen und bei der Militär-WM in Indien. Ist da ein Turnier mit Spielen in Sinsheim und Augsburg wirklich das Nonplusultra?

Steinhaus: Ja, das ist etwas Besonderes. Ich kenne die Stadien, die Städte. Und unsere Familien und Freunde haben die Möglichkeit, die Spiele im Stadion ohne Zeitverzögerung live verfolgen zu können. Und dann spürt man als Deutsche natürlich seit Wochen die Vorfreude, die überall herrscht.

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Frauenfußball: Deutschlands Kickerinnen und ihr Plan B
KarriereSPIEGEL : Sie meinen die Berichte mit dem gönnerhaften Tenor: Seht an, die Frauen können auch Fußball spielen.

Steinhaus: Die Mannschaften, die sich qualifiziert haben, haben ihr Können nun wirklich nachhaltig unter Beweis gestellt. Man sollte das gar nicht mehr ständig betonen müssen.

KarriereSPIEGEL : Als Schiedsrichterin der zweiten Bundesliga sind Sie es gewohnt, vor zigtausend Fans zu pfeifen. Die Spiele der Frauen-Bundesliga sehen im Schnitt hingegen nur 800 Zuschauer...

Steinhaus: Ich mache das Fass ungern auf, weil ich glaube, dass der Vergleich weder dem Männer- noch dem Frauenfußball gerecht wird. Ich fand es schön, dass ich im Mai von der Schiedsrichterkommission die Chance bekommen habe, in Berlin vor ausverkauftem Haus ein Spiel zu leiten. Das war ein schöner Brückenschlag zur WM-Eröffnung. Und das Auftaktspiel Deutschlands war ja bekanntlich mit 74.000 Zuschauern ausverkauft.

KarriereSPIEGEL : Was Sie freut.

Steinhaus: Der Frauenfußball hat sich in den letzten Jahren unglaublich entwickelt, das wird bei dieser WM seinen Ausdruck finden. Und genauso entwickelt sich alles, was drumherum stattfindet. Von 80.000 Schiedsrichtern in Deutschland sind immerhin schon 3000 Frauen. Vor ein paar Jahren waren es noch halb so viele. Ich würde mir wünschen, dass viele Mädchen und junge Frauen den Weg zur Schiedsrichterei finden. Ich kann für mich sagen, dass es eine der besten Entscheidungen in meinem Leben war.

KarriereSPIEGEL : Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

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Steinhaus: Ich bin, glaube ich, sehr berechenbar und formuliere sehr stark schon vor dem Spiel meine Erwartungshaltung, so dass jeder weiß, woran er ist. Ich arbeite mal mit Appellen, mal mit harten Worten, mal einfach durch Körpersprache.

KarriereSPIEGEL : Die meisten Menschen, die Ihren Namen hören, halten sie schlicht für extrem tough, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Sie es als einzige Frau im Männerfußball sonst geschafft hätten.

Steinhaus: Ich, extrem tough? Ich bin auf jeden Fall bei weitem nicht die einzige Frau im Männerfußball. Alle Schiedsrichterinnen und Linienrichterinnen der WM sind samt und sonders in ihren Heimatländern im Männer- und im Frauenfußball unterwegs. Wir haben eine Kollegin, die in Italien in der Serie A wirkt, und eine in der Major Soccer League in den USA.

KarriereSPIEGEL : Und in Deutschland? Sie selbst mussten gerade erfahren, dass Sie in der kommenden Saison nicht in die erste Liga aufsteigen.

Steinhaus: Ich konzentriere mich gerade voll und ganz auf die WM. Fakt ist, dass zwei meiner Kolleginnen bereits jetzt in der Regionalliga unterwegs sind und eine weitere Kollegin kommende Spielzeit aufrückt. Sie sehen: Es geht kontinuierlich weiter. Den Spielern geht es jedenfalls nur um die Leistung auf dem Feld. Die interessiert nicht, ob da ein Mann oder eine Frau in die Pfeife bläst.

KarriereSPIEGEL : Das dürfte die meisten Fernsehzuschauer wundern: Schließlich gibt es kaum einen Spielfilm oder einen "Tatort", in dem der Fußball nicht als frauenfeindliche, sexistische und homophobe Veranstaltung aus dem Neandertal gezeichnet würde.

Steinhaus: Ja, merkwürdig. Und trotzdem hat sich auch medial etwas getan. Dass Frauen heute Männerspiele leiten, ist doch keine Schlagzeile mehr wert. Der Fußball hat sich in den letzten Jahren einfach stark verändert. Er ist immer mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen, kulturübergreifenden Erlebnis geworden. Das ist nicht mehr nur Männerfußball. Es ist Frauenfußball, Jugendfußball, es ist alles...

Das Interview führte Autor Christoph Ruf. Er lebt mit seiner Familie in Karlsruhe, hat ein großes Herz für diverse kleine Vereine und treibt sich gern auch in unterklassigen Ligen herum.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Den Spielern ist das egal ?
Siloy 28.06.2011
Das glaube ich aber gar nicht. Die Schiedsrichterinnen sollten sich mal schön im Frauenfußball engagieren und die Männer in Ruhe lassen. Wie andersherum auch.
2. Frau oder Mann ist egal
dagentle 28.06.2011
... Schiedsrichter sollten allein nach ihrer Leistung bewertet werden. Dies ist bei Frau Steinhaus leider viel zu oft durchwachsen bis schlecht. Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin kann man auf der Kicker Seite bei den Schiedsrichterbewertungen sehen. Dort sind die meisten Spiele von ihr mit den Leistungsnoten 4-5 bewertet. Selbst das letzte Zweitligaspiel zwischen Berlin und Augsburg ist so bewertet. Dabei ging es in diesem Spiel um nichts mehr, beide Mannschaften waren bereits aufgestiegen und im großen und ganzen war es ein Freundschaftsspiel zwischen den beiden Mannschaften. Trotzdem kamen gegen Ende des Spiels vermehrt unschöne Szenen welche durch Fehlentscheidungen befeuert wurden. (Kicker Note für Frau Steinhaus 4,0) http://www.kicker.de/news/fussball/2bundesliga/schiedsrichter/2-bundesliga/2010-11/651/schiedsrichter_bibiana-steinhaus.html Im großen und ganzen bin ich der Meinung, dass Ihre Leistungen nicht Bundesliganiveau entsprechen. Eine Art Frauenquote bei Schiedsrichter hilft leider dem Sport nicht weiter.
3. Schiedsrichter aus dem Großraum Hannover
fpa 28.06.2011
Zitat von dagentle... Schiedsrichter sollten allein nach ihrer Leistung bewertet werden. Dies ist bei Frau Steinhaus leider viel zu oft durchwachsen bis schlecht. Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin kann man auf der Kicker.....
Also wenn man Bibliana Steinhaus mit ihren Kollegen aus der gleichen Region vergleicht, dann ist sie doch gar nicht so übel. Ich sage nur: Babak Rafati, Weiner, ...
4. Genau,
calido46 29.06.2011
dagentle, da stimme ich Ihnen zu, Schiris nach ihrer Leistung zu beurteilen. Und wie oft haben SIE sich schon über schlechte Schiris geärgert? Und das waren Männer, oder?
5. ...
Crom 29.06.2011
Bei den Frauen sollte man Frauen und bei den Männern Männer als Schiris einsetzen und gut.
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