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Schlaflose Manager Der Feind in meinem Bett

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Corbis

Was, wenn ein schlaftrunkener Manager seine Firma vor die Wand fährt?

Unproduktiv, unwirtschaftlich, überflüssig: Schlaf ist für viele Manager vertane Zeit, sie beschränken ihn auf ein Minimum. Doch damit tun sie ihren Firmen keinen Gefallen, glaubt Martin Wehrle. Übermüdete Chefs fällen Entscheidungen wie Betrunkene. Die Folgen sind fatal.

Der größte Feind eines Managers hält sich in der Nacht versteckt. Dort lauert er auf seine Chance. Zum Angriff schreitet er, wenn sein Opfer sich ins Bett gelegt hat. Dann raubt er dem Manager das Kostbarste: seine Zeit. Der Feind des Managers ist der Schlaf.

Aber wer ein echter Manager ist, der lässt sich nicht so einfach übermannen, sondern wehrt sich: mit Arbeit bis in die Nacht, mit Reisen rund um den Globus, mit Kannen voller Kaffee und mit Aufputschpillen. Die Supermänner des Managements erkennt man daran, dass sie ihrem Feind ungewöhnlich lange widerstehen. So rühmt sich der Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube damit, vier Stunden Schlaf pro Nacht reichten ihm. Ähnliche Sprüche klopfen Top-Manager wie die ehemaligen KarstadtQuelle-Chefs Wolfgang Urban und Thomas Middelhoff.

In einer Spitzenposition muss man mit wenig Schlaf auskommen: Diese Aussage unterschreibt ein Drittel der deutschen Manager, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter 517 Top-Entscheidern ergab. Jeder fünfte Manager gibt an, dass er schon nach fünf Stunden aus dem Bett steigt. Aber jeder zweite Unternehmenslenker attestiert sich selbst: Ich bekomme zu wenig Schlaf.

Diese Wachheit bis zum Umfallen, die Führungskräfte ihren Mitarbeitern vorleben, ist typisch für die rastlose Arbeitswelt der Gegenwart. Wer sich rühmt, mit wenig Schlaf auszukommen, will in Wahrheit sagen: "Ich gewinne Zeit fürs Wesentliche!" Nicht für den Lebenspartner, nicht für die Kinder, nicht fürs Hobby - sondern für die Arbeit.

Der Job hat Karriere gemacht

Die Bedeutung der Arbeit hat sich gewandelt. Das lässt sich aus Manager-Gesprächen schließen. Eine Führungskraft, Ende 30, sagte neulich am Rand einer Vertriebskonferenz: "Unser Laden brummt wie verrückt. Ich war schon vier Monate nicht mehr auf dem Golfplatz." Worauf sein Kollege, Anfang 50, stolz erwiderte: "Und ich hatte schon ein ganzes Jahr keinen Schläger mehr in der Hand."

Dass jemand sein Hobby neben der Arbeit pflegt, gilt nicht als Indiz für eine gute Work-Life-Balance, sondern als Zeichen mangelnder Auslastung. Schick ist es geworden, mit seiner Arbeit in einer monogamen Ehe zu leben. Allen Versuchungen daneben, ob Freizeit, Familie oder Schlaf, widersteht der moderne Manager tapfer. Erlaubt sind allenfalls Hobbys, die seine Arbeitsfähigkeit erhalten, zum Beispiel Joggen gegen die Uhr und gegen den Herzinfarkt.

Die Arbeit, von den antiken Philosophen als Übel verspottet, als Ablenkung vom Eigentlichen, hat eine steile Karriere hingelegt: von der Sklavenbürde zum Lebenszweck. Man arbeitet nicht mehr, um zu leben; man lebt, um zu arbeiten.

Wer sich als Manager seines Vier-Stunden-Schlafs rühmt, appelliert heimlich an seine Mitarbeiter: Arbeitet rund um die Uhr! Verschwendet keine Arbeitszeit, nicht mal im Bett! Der Mensch als Arbeitsmaschine, der Schlaf als Produktionsausfall.

Bei Managern hat die Arbeit immer Vorfahrt. Nicht so bei Lkw-Fahrern. Sie müssen Ruhezeiten einhalten. Man lässt sie mit ihren Mehrtonnern nur über die Straßen rollen, wenn sie ausgeschlafen sind. Um Unfälle zu vermeiden. Weshalb trauen wir todmüden Unternehmenslenkern mehr zu als todmüden Lkw-Fahrern? Wie sollen sie einen Konzern sicher steuern, wenn sie völlig unausgeschlafen sind?

"Müde Manager handeln wie Betrunkene"

Die Statistik für den Straßenverkehr sagt: Zwei Drittel aller Zusammenstöße werden von übermüdeten Fahrern verursacht. Hat mal jemand nachgerechnet, welche Schäden entstehen, wenn ein müder Manager seinen Konzern vor die Wand fährt?

Der Harvard-Professor Charles Czeisler hat schlaflose Firmenlenker erforscht und berichtet: "Müde Manager handeln wie Betrunkene." Ist das der Grund, warum die Konzerne von einer sinnlosen Fusion zur nächsten torkeln? Kommen so Entscheidungen zustande, die von Mitarbeitern als "besoffen" bezeichnet werden - zum Beispiel völlig haltlose Terminzusagen wie die für den Flughafen Berlin Brandenburg? Und wäre KarstadtQuelle die Insolvenz erspart geblieben, wenn Manager wie Middelhoff nachts mehr geschlafen und deshalb tagsüber bessere Ideen entwickelt hätten?

Charles Czeisler attestiert den Schlaflosen geistige Verwirrung: "Ansonsten intelligente und wohlerzogene Manager benehmen sich anders, wenn sie übermüdet sind: Sie beschimpfen ihre Mitarbeiter, treffen unkluge Entscheidungen, welche die Zukunft ihres Unternehmens beeinflussen, und halten wirre Vorträge."

Diese Einschätzung deckt sich mit den Studien des US-Schlafforschers Mark Rosekind: Wer fünf Stunden schläft statt acht, verliert 50 Prozent Entscheidungsfähigkeit und 20 Prozent Gedächtnisleistung. Goethe und Einstein waren Langschläfer, sie blieben zehn Stunden im Bett.

Schlafzeit verlängern statt Etats kürzen

Tatsächlich ist der Schlaf kein Feind, sondern ein guter Freund. Er sorgt dafür, dass Gedächtnisinhalte gefestigt werden. Der Schlafende lernt dazu, erhöht seine Konzentration, stärkt seine Organe und schützt sich vor Krankheit.

Wenn Manager ihren Schlaf zusammenstreichen, begehen sie denselben Fehler wie beim Kürzen von Etats. Nur die kurzfristige Einsparung sehen sie, nicht aber die fatalen Nebenwirkungen: dass sie schlechte Vorbilder für ihre Mitarbeiter sind; dass die zunehmende Arbeitszeit durch die abnehmende Arbeitsqualität konterkariert wird; und dass es nicht gerade den Eindruck fortgeschrittener Weisheit hinterlässt, wenn eine Führungskraft wieder mal auf niemanden hört, nicht einmal auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers - und sich für diese Dummheit auch noch auf die Schulter klopft.

Doch wenn es stimmt, dass man vor allem im Schlaf lernt, wird es noch lange dauern, bis die Manager diese Lektion begriffen haben.

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Bin ich hier der Depp? - Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen". Mehr davon demnächst auf KarriereSPIEGEL.

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Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
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