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Bürokulturen "Der Komfort ist in deutschen Büros am höchsten"

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Corbis

Temperatur, Wandfarbe, Tischlänge: Während deutsche Büros bis ins Detail normiert sind, scheint in Frankreich Chaos zu herrschen. Catherine Gall hat Bürokulturen weltweit erforscht und erklärt, warum man feste Arbeitsplätze abschaffen sollte.

KarriereSPIEGEL: Wie sieht Ihr eigenes Büro in Paris aus?

Gall: Wir haben kein typisches französisches Büro. Es ist ein offener Raum. Ich arbeite im Rechercheteam, wir teilen uns einen runden Tisch, haben zwei Sofas im Büro und viel Stauraum für unsere Bücher. Die meisten bei uns haben keinen festen Platz.

KarriereSPIEGEL: Wie kommt's?

Gall: Wir haben vor fünf Jahren feste Arbeitsplätze abgeschafft, um an uns selbst zu testen, wie andere Bürostrukturen funktionieren können - und damit Kunden sich einen Eindruck davon verschaffen können. Es ist doch so: Die Vertriebskollegen arbeiten meist außer Haus, brauchen also keinen festen Platz.

KarriereSPIEGEL: Und wie funktioniert das im Alltag?

Gall: Jeder kann sich online einen Tisch reservieren - wie ein Nomade muss sich keiner fühlen. Es ist wichtig zu wissen, welche Abteilung welche Arbeitsumgebung braucht: Müssen sich die Mitarbeiter konzentrieren? Müssen sie mit anderen zusammenarbeiten, viel online recherchieren oder telefonieren? Dementsprechend sind die einzelnen Büroeinheiten organisiert und eingerichtet.

KarriereSPIEGEL: Sie haben sich Bürokulturen auf der ganzen Welt angeschaut: Was fiel Ihnen auf?

Gall: In Asien und Russland ist es üblich, dass die Chefs alle im Blick haben müssen, da wird die Aufteilung des Büros der Kontrolle untergeordnet. In Großbritannien und Skandinavien geht es nur darum, gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Der Hauptindikator dafür, dass jemand engagiert arbeitet, ist nicht die Anwesenheit im Büro.

KarriereSPIEGEL: Und in Deutschland?

Gall: Als ich das erste Mal in unsere Firmenzentrale nach Rosenheim kam - da arbeiten 300 Leute im Verwaltungsbereich - fand ich am auffälligsten, dass jeder einen eigenen Tisch hat. Die Arbeitskultur ist ganz anders als in Frankreich. Bei uns ist es normal, dass man seinen Kollegen quer über den Flur etwas zuruft - das passiert in Deutschland nicht. Alles ist weniger spontan, sehr hierarchisch organisiert, man geht respektvoller miteinander um. Und die Bürogröße ist genau definiert.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Gall: Es sind sogenannte Kombibüros. Dass sie so genormt sind, liegt daran, dass die meisten Bürogebäude in Deutschland klassischerweise zwischen 12 und 17 Meter breit sind. Und da alle Büros Tageslicht brauchen, befinden sie sich wie rechteckige Zellen ringsum entlang der Fenster. Und in der Mitte sind Konferenzräume, Teambereiche, informelle Zonen und die Technik untergebracht. Die Raumgröße, die Tischhöhe, alles ist normiert.

"Kollegen sind die Pest"

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KarriereSPIEGEL: Normiert?

Gall: Ja, das liegt zum einen an der großen Menge an Normen und Richtlinien in Deutschland, zum anderen an der extrem strengen Einhaltung dieser Vorschriften. Die DIN-Normen, die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften (BGI) und die europäische Arbeitsstättenrichtlinie sind weltweit einzigartig. Dort sind alle Regeln für deutsche Büroarchitektur aufgeführt, wie die Akustik sein muss, die Temperatur, welche Farben erlaubt sind. Im Vergleich dazu ist in Frankreich alles geradezu unordentlich. Diese Richtlinien sind zum Teil sehr alt. Sie stammen noch aus einer Zeit, als man Tageslicht brauchte, um zu lesen und zu schreiben. Aber jetzt gibt es Computer! Man müsste eigentlich schlau sein und die Regeln an die heutige Zeit anpassen. Aber Fakt ist: Der Komfortlevel in deutschen Büros ist höher als überall sonst.

KarriereSPIEGEL: Variiert die Einrichtung auch so stark?

Gall: Arbeit ist etwas sehr Ernstes in Deutschland. Deswegen dominieren in deutschen Büros Aluminium, Grau, Weiß, Schwarz und andere neutrale Farben. Dahinter steckt die Idee, dass die Arbeitnehmer selbst die Farben ins Büro bringen und somit für Chaos sorgen. In lateinamerikanischen Ländern dagegen ist in den Büros alles rot, orange, mal aus Holz, mal aus Textilien. Und in Asien sind die Wände gelb, damit sie die Sonne reflektieren.

KarriereSPIEGEL: Wieso sind unsere Raumkulturen so verschieden?

Gall: Das fängt schon damit an, wie wir als Kind Räume erlebt haben. Wie groß waren die Türen zu Hause, welche Maße hatten Spüle, Kühlschrank, Fenster? Das gleiche gilt für die Raumerlebnisse in der Schule, an der Uni, im Bus. In Deutschland gibt es so was wie den Stammtisch, in den USA sitzt man im Diner in kleinen Sitznischen. All das prägt uns. Wir sind "cultural animals", kulturelle Wesen.

KarriereSPIEGEL: Merkt man diese Unterschiede denn bei internationalen Firmen?

Gall: Eigentlich denken wir, wir können auf der ganzen Welt auf die gleiche Weise leben und arbeiten - aber das stimmt nicht! Als BMW seine Niederlassungen in China oder in den USA eröffnete, mussten sie sich etwa erst einmal fragen: Wer sind wir hier? Sind wir Bayern? Oder passen wir uns den lokalen Bedürfnissen an? Das gleiche passierte auch andersherum, als Microsoft sich in Deutschland niederließ: In den USA gibt es nur Großraumbüros, nur der Vorstand hat einen eigenen abgetrennten Raum.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie sich denn in Deutschland wohlgefühlt?

Gall: In meinen ersten Wochen habe ich mich einsam gefühlt - keiner wollte stören, die Kollegen gehen einfach sehr respektvoll mit der Wohlfühlzone der anderen um. Das liegt daran, dass die Wahrnehmung von Nähe von Kultur zu Kultur variiert. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien beträgt der Radius, den man um sich herum braucht, um sich sicher zu fühlen, 1,20 Meter. Sie können sich vorstellen, wie unwohl die sich in der Tokyoter U-Bahn fühlen. Und deswegen müssen in Deutschland Arbeitstische auch 1,6 Meter lang sein. Dazu passt: In Deutschland schüttelt man sich die Hand, in Frankreich küsst man sich auf die Wangen, umarmt sich.

KarriereSPIEGEL: Die neue Chefin von Yahoo, Marissa Mayer, hat alle Heimarbeiter wieder in die Firmenzentrale zurückbeordert und damit eine scharfe Debatte über Arbeitsbedingungen ausgelöst. Was halten Sie von der Arbeit im Home Office?

Gall: Technisch gesehen können wir überall arbeiten - nur konzentrieren können wir uns eben nicht überall. Im Home Office ist es bequem, man muss nicht pendeln, man kann sich konzentrieren und seinen Tag flexibel strukturieren. Heimarbeit war aber nie das wichtigste Arbeitsplatz-Modell - und wird das auch nie werden.

KarriereSPIEGEL: Warum?

Gall: Ganz einfach: Man ist alleine.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Schon wieder eine Lektion von der anderen Rheinseite
Klaus100 11.04.2013
Die meisten Büros in Frankreich sind eine Katastrophe. Meistens auffallend hierarchisch. Aber die Dame gibt Empfehlungen für Deutschland. Ausgerechnet.
2. Verallgemeinerung
justus65 11.04.2013
Es gibt so viele unterschiedliche Berufe, so dass derartige Verallgemeinerungen schlicht Unfug sind. Die Arbeitsplatzorganisation muss isch an den Aufgaben, der Betriebsorganisation und den Mitarbeitern orientieren.
3. Microsoft - Großraumbüros
b_russel 11.04.2013
Das mit den Großraumbüros bei MS USA kann glaub ich nicht ganz stimmen. Man sieht bei einigen Videos auf http://channel9.msdn.com, wie MS-Mitarbeiter arbeiten. Da hab ich definitiv auch kleinere Büros gesehen, wo nur 1-3 Leute reinpassen. Und das ist nicht die Vorstandsebene
4. Man ist zu Hause, aber nicht alleine
nurmeinsenf 11.04.2013
Die Ansichten von Frau Gall zum Thema "Heimarbeit" (zu neudeutsch: Home Office) finde ich etwas angestaubt. Wenn vernetzte Zusammenarbeit über mehrere Standorte üblich ist und man ohnedies öfter über Webcam und Headset kommuniziert, dann ist ein Heimarbeitsplatz eigentlich nur ein weiterer Standort.
5. Tageslicht
lari-fari-i 11.04.2013
Zitat: "Diese Richtlinien sind zum Teil sehr alt. Sie stammen noch aus einer Zeit, als man Tageslicht brauchte, um zu lesen und zu schreiben. Aber jetzt gibt es Computer! Man müsste eigentlich schlau sein und die Regeln an die heutige Zeit anpassen." Was hat Tageslicht mit der Verwendung von Computern zu tun? Technologie hin oder her, in einem Büro ohne Fenster möchte ich nicht arbeiten! Außerdem: Als man noch Tageslicht zum Lesen brauchte gab es bestimmt noch keine Arbeitsstättenverordnung! Die Ursprüngliche Fassung stammt aus 1975. Künstliche beleuchtung gab es da wohl schon ;-)
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Zur Person
  • Catherine Gall hat Wirtschaft, Marketing und Produktdesign studiert und arbeitet seit 20 Jahren für das Büromöbelunternehmen Steelcase, derzeit im Forschungsteam. Für die Studie "Der Culture Code" haben sie und ihre Kollegen Bürokulturen in elf Ländern verglichen.
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