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Bürokosmos Zeig her deinen Schreibtisch

Schreibtische im weltweiten Vergleich: Grünzeug, Kitsch und Autoschlüssel Fotos
Uta Brandes/ Michael Erlhoff

Mal dezent, mal voller Plüschtiere - der Mensch richtet sich auch im Büro gern häuslich ein. Designstudenten haben weltweit 700 Arbeitsplätze fotografiert. Auffällig: Asiaten mögen's kitschig, Europäer eher karg. Und jedes Klischee über Frauen und Männer stimmt.

Seit einem Jahr sitzt Elena Rovati auf der anderen Seite, an ihrem eigenen Schreibtisch im Büro eines Telekommunikationsriesen in Berlin. Sie schaut auf die vielen Verpackungen, die sie gesammelt hat, auf das italienische Magazin, in dem sie zur Inspiration und gegen das Heimweh blättert, und die mitgebrachten Dosen mit Essen. Sie weiß dann: dieser Verpackungsfimmel - typisch Designerin. Diese Sammelei - typisch Frau. Und selbstgekochtes Essen von zu Hause mitbringen - typisch italienisch.

Sie weiß das so genau, weil sie monatelang die Schreibtische anderer analysiert hat. Rovati zog mit ihrer Kamera durch ein Dutzend italienische Callcenter, Banken, Verwaltungen und Designbüros, fotografierte Schreibtische aus allen möglichen Winkeln und stellte Fragen: Seit wann arbeiten Sie hier? Welches Ding auf Ihrem Tisch würden Sie am meisten vermissen, welches gar nicht? Dann zählte sie die Objekte auf jedem Schreibtisch mit einer Strichliste. "Man merkt, wenn jemand viele Jahre in einem Büro arbeitet", sagt Rovati. Die Menschen richten sich dann ein.

Als Studentin war die Italienerin Teil einer internationalen Studie: Rund hundert Designstudenten knipsten 686 Bürotische in Auckland, im indischen Pune, in Taipeh, Hongkong, Kairo, Mailand oder Köln. Ein Teil der 10.000 Fotos ist abgedruckt im Buch "My Desk is my Castle". Hinter dem Projekt stehen die Designtheoretiker Michael Erlhoff und Uta Brandes. Als Seminarthema an der Kölner International School of Design nahm die Idee ihren Anfang.

Bloß nicht alles Private verbieten

"Die Dinge auf Bürotischen dienen dazu, den eigenen Status zu demonstrieren und sein Territorium zu markieren", sagt Uta Brandes. Was nicht auf den Tisch passt oder nicht gesehen werden soll, landet in der Schublade darunter, "die ist wie das Schlafzimmer zu Hause", der privateste Ort im Büro. "In einigen Firmen, die wir für die Studie untersuchten, gab es auch strenge Regeln: nichts auf dem Tisch, nichts an der Wand. Die Atmosphäre war freudlos." Brandes ist überzeugt: "Alles zu verbieten, wirkt sich richtig schlecht auf die Effizienz aus."

Vier Branchen reizten die Forscher besonders:

  • Callcenter, weil da in der Regel keiner einen festen Arbeitsplatz hat
  • Banken - hier kommen Kunden vorbei und sitzen mit am Tisch
  • Verwaltungen, denn dort bleibt man in der Regel lange Zeit angestellt
  • und Designbüros, weil Gestalter sich wohl auch auf eine reflektiertere Weise mit Design umgeben werden

Als alle Fotos, alle Antworten und Strichlisten vorlagen, merkten die Forscher: Arbeitsplätze innerhalb eines Büros glichen sich. Dass ein Tisch ganz penibel leer ist und der daneben mit Überraschungseifiguren zugestellt, das fanden die Forscher nirgends. Auch in den Branchen sahen die Schreibtische ähnlich aus: "Ich hätte gedacht, dass die Kreativbüros schlichter, minimalistischer wären", so Elena Rovati. "In Callcentern war das persönlichste Stück die private Tasche von Angestellten."

Klarer Fall: Asiaten sind Volltischler

Nachgezählt: In Callcentern fanden die Studenten sieben Gegenstände pro Tisch, in Kreativbüros 17. In Hongkong sammelten sich sagenhafte 2709 Objekte auf 71 Tischen, in Köln nur 760 an 94 Arbeitsplätzen. "Designer in Asien sahen die Fotos europäischer Designbüros und sagten: 'Wie können die in einer derart klinischen Atmosphäre arbeiten!'", so Brandes. "Und die Europäer fanden umgekehrt: 'Wie können die bei so viel Kitsch klar denken!'" Dass gerade Asiaten sogenannte Volltischler sind, hat auch praktische Gründe: Wohnraum ist knapp, "viele lagern Dinge von zu Hause ins Büro aus".

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Ob riesige Plüschtiere, eine Armee von Transformer-Actionfiguren oder ein Arbeitsplatz komplett in den Fußballfarben von Inter Mailand: "Die Angestellten definieren sich über das, was sie sammeln", beobachtete Studentin Carla Otto bei ihren Foto-Expeditionen in Deutschland und Indien. Auf indischen Schreibtischen fand sie viele Religionsbezüge wie Ganesha-Figuren oder Bilder von Tempeln. Eine Mitarbeiterin hatte auf eine Schrankwand ein Sprichwort geschrieben: "Everything will be ok in the end. If it's not ok, it's not the end."

Überhaupt ist der Arbeitsplatz auch ein Kommunikationsmedium - man zeigt, wer man ist. Etwa mit Familienfotos, so Brandes: "Die stehen nicht da, wo ich selbst von meinem Stuhl aus draufschaue, sondern so, dass die Kollegen, die daran vorbeigehen, sie sehen." Eine Karnevals-Devotionalie erinnert an den Ausflug mit Kollegen; eine Porzellanfigur, die man eigentlich scheußlich findet, darf bleiben, weil sie das Geschenk einer Kollegin ist.

Leerer Tisch, wichtiger Job

Vor allem aber demonstriert der Schreibtisch den Erfolg im Unternehmen. "Je wichtiger einer in der Firma ist", so Brandes, "desto größer und leerer ist der Schreibtisch." Top-Manager sind schließlich immer unterwegs. Und brauchen den Tisch kaum.

Universell eklatant: Egal in welchem Land, egal in welcher Branche - meist ist flott zu erkennen, ob ein Mann oder eine Frau am Tisch arbeitet. Auf manchen Fotos sieht man auf den ersten Blick nur Pink, Lila, viele flauschige, runde Dinge und Handcreme. Auf anderen dominiert Dunkelblau, Schwarz und Metall, "da liegen dann Autoschlüssel und Handy, lässig auf den Tisch geworfen". Alle Klischees seien bestätigt worden, sagt Brandes.

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Deutlich zeigt die internationale Bürotisch-Studie, wie wichtig es für den einzelnen ist, sich am Arbeitsplatz wohl zu fühlen. Ob Plüschtiere oder Familienfotos, "wenn die Mitarbeiter glauben, das fördert ihr Wohlbefinden, nur zu", rät Arbeitspsychologe Michael Kastner.

Die ersten Büromöbelhersteller haben sich schon bei Uta Brandes gemeldet. Sie sieht Büros längst mit anderen Augen: "Jeder Schreibtisch unterliegt jetzt meiner strengen Analyse", sagt sie und lacht. Auch ihr eigener: "Ich dachte immer, mein Schreibtisch sei wahnsinnig sachlich. Aber hinten steht gänzlich nutzlos ein Art-déco-Tintenfass-Set, daneben ein Parfum, obwohl ich mich nicht dauernd einsprühe, eine Tasche mit Kleinkram, eine kleine Holzdose für Stifte. Vor unserer Studie hatte ich ein cooleres Selbstbild."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Wird sowas auch vom Staat bezahlt?
crocodil 28.06.2012
Warum nicht mal eine Dipl. Ingenieurin, die sich die Kloschüsseln in den Haushalten ansieht???
2.
daddeldiddel 28.06.2012
Zitat von sysop"Designer in Asien sahen die Fotos europäischer Designbüros und sagten: 'Wie können die in einer derart klinischen Atmosphäre arbeiten!'" Schreibtische im weltweiten Vergleich: My desk is my castle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,840811,00.html)
Liegt wohl daran, dass in Europa die Menschen eine interne Kreativtät bezitzen und sich nicht zur geistigen Anregeung von Außen mit allen möglichen Kitschmüll auftunen müssen. Deshalb hat der Europäer es geschafft auch unter den widrigsten Umständen tolle Dinge zu erschaffen. Der Asiate hingegen hat erst mit seiner (witschaftlichen) Entwicklung begonnen als der Europäer ihm in seiner Gnade die entsprechende vorgeleistete Arbeit (Physik, Chemie, Technik) und auch entsprechenden Wohlfühlutensilien zur Verfügung gestellt hat,wie zumbeispiel Klimaanlagen, Kühlschränke, freiheitliches Denken, Individualismus (Diese Liste könte ich noch sehr sehr Laaaaang fortsetzen). Und was kam bisher als gegenleistung zurück : Reis und billige Kopien.
3.
rroth 28.06.2012
Die Asiaten haben recht. Unsere Arbeitsplätze sind klinisch, kalt, phantasielos.
4. Richtig!
spongie2000 28.06.2012
Zitat von daddeldiddelLiegt wohl daran, dass in Europa die Menschen eine interne Kreativtät bezitzen und sich nicht zur geistigen Anregeung von Außen mit allen möglichen Kitschmüll auftunen müssen. Deshalb hat der Europäer es geschafft auch unter den widrigsten Umständen tolle Dinge zu erschaffen. Der Asiate hingegen hat erst mit seiner (witschaftlichen) Entwicklung begonnen als der Europäer ihm in seiner Gnade die entsprechende vorgeleistete Arbeit (Physik, Chemie, Technik) und auch entsprechenden Wohlfühlutensilien zur Verfügung gestellt hat,wie zumbeispiel Klimaanlagen, Kühlschränke, freiheitliches Denken, Individualismus (Diese Liste könte ich noch sehr sehr Laaaaang fortsetzen). Und was kam bisher als gegenleistung zurück : Reis und billige Kopien.
Richtig. Das musste mal gesagt werden! Es waren nicht die Asiaten, die als Hunnen die halbe Welt eroberten, als Inder ein prächtiges Reich schafften, als Chinesen die große Mauer errichteten und in Astronomie, Druckindustrie usw. vieles schafften. Oder doch? War nicht irgendwie vor 4000 Jahren Asien weiter als Europa? Haben nicht die Südamerikaner eine eigene Kultur (Maya, Inka) mit Prachtbauten errichtet, die hohe mathematischen Ansprüchen genügen. Sollte man sich fast trauen zu sagen, dass sogar die "anatolischen Bauern" und "Öl-Augen", wie sie manche PI-Leser schimpfen, einst weiter waren, als die Germanen?
5.
pixie48 28.06.2012
Zitat von sysopMal dezent, mal voller Plüschtiere - der Mensch richtet sich auch im Büro gern häuslich ein. Designstudenten haben weltweit 700 Arbeitsplätze fotografiert. Auffällig: Asiaten mögen's kitschig, Europäer eher karg. Und jedes Klischee über Frauen und Männer stimmt. Schreibtische im weltweiten Vergleich: My desk is my castle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,840811,00.html)
Nach welchen Kriterien wurden denn die Photos aufgenommen? Jeder Schreibtisch in einer x-beliebigen Firma oder Behoerde? Oder vielleicht die, die gerade aufgefallen sind? Ich bin seit meiner Geburt weiblich und kann die Farbe rosa oder plueschiges nicht aussstehen. Mein Mobiltelephon ist in der linken hinteren Hosentasche und den Autoschluessel brauch ich nicht im Dienst, ich fahre Rad. Auf meinem Schreibtisch sindAkten und Schreibzeug das einzig persoenliche ein Glass Wasser; Bilder von Familie und Kinder sind im Screensaver gespeichert; das braucht keinen Platz. Fuer privates ist in den Schubladen kein Platz. Jedes Klischee ueber Maenner und Frauen stimmt? Was bin ich dann?
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