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Dolmetscher für Gehörlose Von Beruf Mitschreiber

Schriftdolmetscher: Tippen in Echtzeit Fotos
Nadine Klees

Er schreibt auf, was Ärzte, Richter oder Lehrer sagen - und löscht es gleich wieder. Mario Kaul ist Schriftdolmetscher. Er übersetzt für Gehörlose, mit Text statt Gebärden. Verblüffende 600 Zeichen schafft er pro Minute.

Der Vortrag wird von einem leisen Tippen begleitet. Mario Kaul, 27, schreibt auf seinem Laptop jedes Wort mit. Unaufhörlich reihen sich die Buchstaben auf der Leinwand hinter dem Referenten aneinander. Das Publikum verfolgt den Text aufmerksam. Ohne Kauls Mitschrift könnten die meisten Zuhörer nichts verstehen. Sie sind hörgeschädigt.

Kaul ist Schriftdolmetscher. Sein Job entspricht dem eines Gebärdensprachdolmetschers - mit dem großen Unterschied, dass er das gesprochene Wort nicht in Gebärden, sondern in Text übersetzt. Mit seinem Laptop begleitet er die Gehörlosen zum Arzt, ins Gericht oder in die Schule. Dort sitzt er neben ihnen und tippt, die Gehörlosen lesen auf dem Bildschirm mit.

600 Zeichen schafft Kaul in der Minute. Schneller können sich Finger kaum bewegen. Damit die Wörter fast ohne Zeitverzögerung auf dem Monitor erscheinen, nutzt er Abkürzungen. Ein Autokorrekturprogramm ergänzt die Buchstabenfolgen zu ganzen Wörtern. Schriftdolmetscher lernen ihre Abkürzungen wie andere Dolmetscher ihre Vokabeln. Allerdings gibt es keine einheitlichen Kürzel, jeder legt sich seine eigenen Wörterbücher an. Rund 16.000 Kürzel hat Kaul im Kopf, jeweils 8000 Deutsche und 8000 Englische.

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Konzert in Gebärdensprache: Zeig doch noch mal "Fernsehturm"
Seit 2007 ist der Beruf vom Deutschen Schwerhörigenbund (DSB) zertifiziert. Erfunden wurde er in den neunziger Jahren - unter anderem von Kauls Mutter. Sie arbeitete damals in einer Beratungsstelle des DSB. Eines Tages stand eine 34-Jährige vor ihr. Sie hatte ihr Gehör verloren und brauchte Hife, um ihren Beruf weiter ausüben zu können. Gebärdensprache konnte sie nicht, schnell lesen aber schon. So begann Gisela Kaul mit dem Schriftdolmetschen.

"Tippse" wird er heute nicht mehr genannt

Mittlerweile sind 70 Schriftdolmetscher im DSB organisiert, 20 arbeiten Vollzeit in dem Beruf. Mario Kaul ist einer von ihnen. Das Mitschreiben für Gehörlose war für ihn anfangs nur ein Studentenjob. Dann begeisterte er sich für das Thema: Seine Magisterarbeit in Germanistik schrieb er über Kommunikationsstörungen. Nach dem Studium machte er sich als Schriftdolmetscher selbständig. "Schreibkraft" oder "Tippse" wurde er damals häufiger genannt. Das passiert heute nicht mehr.

Kauls Terminkalender ist gut gefüllt, rund 75 Euro brutto verdient er pro Stunde. Anfahrt, Auf- und Abbau der Technik oder Wartezeiten gelten als Arbeitsstunden. In den meisten Fällen übernehmen Krankenkasse oder Integrationsamt die Kosten.

Seit drei Jahren bietet der DSB auch eine Ausbildung zum Schriftdolmetscher an. Sie dauert neun Monate und kostet 4000 Euro. Auf dem Lehrplan stehen nicht nur Schnellschreiben und das Pauken von Abkürzungen, sondern auch Rollenspiele und Vorträge über Hörschädigungen.

Dass ein Dolmetscher für Gehörlose ohne Gebärdensprache kommuniziert, sorgt manchmal für Verwirrung. Bei einer Gerichtsverhandlung wurde Kaul vom Richter rausgeworfen: "Er hat nicht verstanden, was ich da mache." Die Verhandlung wurde unterbrochen und einige Tage später fortgesetzt - mit Kaul als Dolmetscher.

Seine Mitschriften löscht er nach jedem Einsatz: "Wünscht ein Kunde ein Protokoll, brauche ich das Einverständnis aller Beteiligten." Dass er die von ihm übersetzten Gespräche für sich behält, ist für ihn selbstverständlich. So verlangt es auch der Ehrenkodex vom Verband der Schriftdolmetscher. Eine gesetzliche Schweigepflicht gibt es aber nicht.

  • Benjamin Stöß
    KarriereSPIEGEL-Autorin Nadine Klees (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin in Saarbrücken.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Eine bewundernswerte Leistung, aber ich wünsche mir
vantast64 27.12.2013
für's Fernsehen einen Gebärdendolmetscher, da es viele Gehörlose/Schwerhörige hier gibt. Insbesondere, da wir durch das Zwangsgeld zum Fernsehen gezwungen werden, ja, auch Schwerhörige. Ideal wäre auch ein Mitschreiber, leider wäre nicht nur das Fernsehen zu geizig gegenüber dieser Minderheit, sondern auch der zu kleine Bildschirm. In höher entwickelten Staaten gibt es seit langem Gebärdendolmetscher im Fernsehen.
2. Dieser Artikel verwirrt mich,
wiesnerh173 27.12.2013
da ich als hörgeschädigter Mensch bei Gericht, Ärzten oder sonst. öffentl. Einrichtungen einen Schriftdolmetscher benötige. Gehörlose Menschen benötigen einen Gebärdendolmetscher. Wobei es Krankenkassen gibt, die die Dienstleistung des Schriftdolmetschers nicht kennen ( wollen). Ansonsten sind die Leistungen von Mario Kaul unbestritten.
3. Seit Herbst 2013 Ausbildung in Bayern möglich
SDI München 30.12.2013
Sehr spannedes und interessantes Porträt dieses zunehmend gefragten Tätigkeitsfeld und Berufsbilds für Dolmetscher. Ich hoffe, an dieser Stelle sei etwas einschlägige Werbung erlaubt: Seit Herbst 2013 ist auch in Bayern die Ausbildung zum Schriftdolmetscher im Bildungsnetzwerk SDI München in Kooperation mit VerbaVoice, dem europaweit ersten Technologieunternehmen für Barrierefreiheit durch Live-Text und Gebärdensprach-Einblendung, möglich. Weitere Informationen finden Sie bei Interesse hier: http://www.sdi-muenchen.de/index.php?id=2563&pk_campaign=Schriftdolmetschen&pk_kwd=spon
4.
CobCom 30.12.2013
Zitat von vantast64für's Fernsehen einen Gebärdendolmetscher, da es viele Gehörlose/Schwerhörige hier gibt. Insbesondere, da wir durch das Zwangsgeld zum Fernsehen gezwungen werden, ja, auch Schwerhörige. Ideal wäre auch ein Mitschreiber, leider wäre nicht nur das Fernsehen zu geizig gegenüber dieser Minderheit, sondern auch der zu kleine Bildschirm. In höher entwickelten Staaten gibt es seit langem Gebärdendolmetscher im Fernsehen.
Das wäre begrüßenswert, die Begründung geht aber fehl. Zunächst werden Sie zwar abgezockt, aber zum Glück im Moment noch nicht zum Zusehen gezwungen. Seit dazu sogar Leute gezwungen werden, die gar keinen Fernseher HABEN, ist die Nutzung oder überhaupt Nutzbarkeit als Begründung entfallen. Oder soll bei diesen Menschen einmal im Jahr das Fernsehballett vorbeischauen? Es geht um Zwangsfinanzierung des letzten massenpropagandafähigen Mediums, sonst nichts.
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