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Dubioses Stellenangebot Und dann kaufte ich eine Schrott-Immobilie

Statt Job: Die Masche mit den Schrott-Immobilien Fotos
Bianka Schneider

"500 Euro im Nebenverdienst" - was verbirgt sich hinter solchen Annoncen? Oft eine Falle. Sabrina Knieriem und Nicole Nixdorf bewarben sich auf einen Job, den es nicht gab. Nun sind sie haushoch verschuldet.

Ein finanzielles Fiasko kann mit einer Jobanzeige wie dieser beginnen: "Nebenberufl., erlernbare Tätigkeit im Büro mit freier Zeiteinteilung. Verdienst dauerhaft ca. 500 Euro pro Woche." Dutzende meldeten sich auf Angebote dieser Art, die im Jahr 2009 in "Wuppertaler Rundschau", "Rheinischer Post" und "Das Solinger" erschienen. Auch Sabrina Knieriem, 33, Energiesachbearbeiterin aus Wuppertal.

Der Fehler ihres Lebens, sagt sie heute. Den Job gibt es nicht. Stattdessen geriet Knieriem in die Hände von Immobilienhaien. Heute steht sie kurz vor der Privatinsolvenz und kämpft gegen die Bank, die ihrer Auffassung nach viel zu leichtfertig Darlehen gewährt hat: die Wüstenrot Bausparkasse AG.

Als Knieriem auf die Anzeige antwortete, lud ihr potenzieller neuer Arbeitgeber sie Mitte 2009 zu einem Seminar ein. Mit zehn weiteren Jobinteressenten sollte sie dort auf ihre angebliche spätere Tätigkeit als Finanzassistentin vorbereitet werden. Doch statt die Teilnehmer in die Materie einzuführen, schürte der Seminarleiter Angst vor Altersarmut und Inflation. Und präsentierte gleich die vermeintliche Lösung: den Erwerb einer Immobilie, die man anschließend vermietet.

Gezielte Abzocke statt Nebenjob

Was die Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Die Jobanzeigen waren nur ein Köder. Sie dienten den Veranstaltern zur Vorbereitung einer offenbar gezielten Abzocke. Die Seminarteilnehmer sollten überteuerte Schrott-Immobilien kaufen.

"Am Anfang gehen die Teilnehmer noch davon aus, dass sie allgemeine Infos zur Vorbereitung ihrer Tätigkeit aufnehmen. Dabei denken sie aber auch immer an ihre eigene Situation", erklärt Frank Vormbaum, der als Anwalt auf das Thema Schrott-Immobilien spezialisiert ist. Der Trick werde geschickt eingefädelt, am Ende habe jeder das Gefühl, "er sei selbst auf die goldene Idee gekommen, dass der Erwerb von Eigentum die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme ist".

Vormbaum schätzt, dass schon Hunderte auf die Masche hereingefallen sind. KarriereSPIEGEL hat mit Dutzenden Menschen gesprochen, die Opfer des Systems geworden sind. Viele stehen heute vor der Privatinsolvenz.

Dahinter steckt die Firma DES, die es in Nordrhein-Westfalen zu jener Zeit an vier Standorten gab. Wofür das Kürzel steht, ist unklar. Im Zuge unserer Recherchen stießen wir auf zehn Mitarbeiter, von denen einzelne als Geschäftsführer in Erscheinung traten. Heute inseriert eine Firma mit dem Namen BfB (Bürogemeinschaft freier Berater) in diversen Kleinanzeigen - mit der selben Adresse, dem selben Büro und zum Teil den selben Verantwortlichen.

Die Lösung für alle finanziellen Sorgen

Die Strategie der DES war clever: Für ihre künftige Arbeit sollten Sabrina Knieriem und die anderen Jobanwärter detailliert die Vermögenssituation von Mandanten in Fragebögen erfassen. Bevor sie auf den ersten Kunden trafen, übten sie das Ausfüllen der Fragebögen: mit ihren eigenen Daten und denen von Geschwistern und Freunden, "so viele wie möglich". Das trug der Seminarleiter den Teilnehmern auf, bevor er sie einzeln zur Tür brachte.

Im nächsten Seminar wurden die ausgefüllten Fragebögen in Einzelgesprächen sorgfältig analysiert. Ergebnis: eine Versorgungslücke, bei jedem! Lösung: eine Immobilie, für jeden! Auch ohne Eigenkapital.

Ab da ging alles ganz schnell. Vom Job war keine Rede mehr, die Mitarbeiter von DES zeigten Exposés von Immobilien, rechneten vor, wie hoch die Mieteinnahmen wären und wie schnell sich die Eigentumswohnung amortisieren würde.

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Sabrina Knieriem hat die Datenerfassung fleißig geübt - mit diesem Bogen. Auch Nicole Nixdorf, 54, reagierte 2009 auf eine Anzeige von DES. Die IT-Kauffrau aus Düsseldorf erinnert sich: "Es wurde verbal Druck aufgebaut und gesagt: Wie kann man nur so dumm sein, es nicht zu machen? Warum überlegen Sie überhaupt noch? Wenn Sie es nicht machen, macht es der Nächste. Die Leute stehen Schlange."

Eine renommierte Bank? Ja, dann machen wir das

Ein weiteres Opfer, Arzthelferin Irina Fluck, sagt: "Die Leute wurden heißgemacht auf die Immobilien, immer in sehr freundlicher, fast schon familiärer Atmosphäre. Und dann stand ja für die Finanzierung auch eine renommierte Bank dahinter, das war dann der Punkt für meinen Mann und mich: Ja, wir machen das."

Die Eheleute Fluck haben eine Eigentumswohnung in Weeze gekauft, für 76.000 Euro. Ein inzwischen eingeschalteter Gutachter schätzt sie auf 36.000 Euro. Nicole Nixdorf hat zwei Eigentumswohnungen in Duisburg zum Gesamtpreis von 182.000 Euro erworben. Heute geschätzter Wert: 95.000 Euro. Auch Sabrina Knieriem hat Eigentum in Duisburg gekauft - im selben Haus wie Nixdorf, für 88.000 Euro. Schätzwert: 15.000 Euro.

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Immobilienhaie auf Verkaufstour: Um diese Schrottimmobilien geht es
Weder das Ehepaar noch die beiden Frauen haben die Wohnungen vor dem Kauf angesehen. Sie ließen sich von den redegewandten Seminarleitern treiben: Eine einmalige Gelegenheit - sofort zugreifen, bevor es ein anderer macht! Ein Seminartag dauerte acht Stunden - eine Menge Zeit, um die Leute zu beeinflussen.

Für die Notartermine wurden sie von Mitarbeitern der Immobilienanbieter zu Hause abgeholt. Egal woher die Wohnungskäufer kamen, die Autofahrt führte immer nach Düsseldorf zu zwei Notaren, die sich auch heute noch eine Kanzlei teilen. "Typisch", sagt Anwalt Vormbaum, "jeder Schrott-Immobilienvertrieb hat einen oder zwei feste Notare."

Gefälschte Dokumente und Unterschriften

Die Darlehen für die Wohnungen gab die Bausparkasse Wüstenrot Nixdorf und Knieriem. Spätestens hier hätte das Spiel ein Ende finden können. Für einen Immobilienkredit sichern sich Banken und Sparkassen ab, prüfen die Finanzsituation der Kreditnehmer und die Qualität der Immobilie. Denn die ist ja ihre Sicherheit, wenn der Kredit nicht zurückgezahlt werden kann.

Doch auch hier wurde getrickst. Genehmigt wurden die Kredite durch zwei Wüstenrot-Mitarbeiter der Filiale Chemnitz in Sachsen. Die Kreditnehmerinnen selbst wohnen in Nordrhein-Westfalen.

Knieriem versichert eidesstattlich, sie habe den Darlehensantrag nie unterschrieben, ihre Unterschrift sei gefälscht worden. Obendrein sollen die Immobilienbetrüger angebliches Eigenkapital angegeben haben, um den Kredit bewilligt zu bekommen. Knieriem sagt, sie habe davon keinen Cent besessen.

Auch in Nicole Nixdorfs Kreditantrag steht, sie verfüge über 42.000 Euro Eigenkapital, das bei der Volksbank Düsseldorf deponiert sei. Dem Antrag liegt ein maschinell erstellter Ausdruck bei - ohne Stempel oder Unterschrift der Volksbank. "Eine Fälschung", sagt Nixdorf, sie ist weder Kundin der Bank, noch hat sie ein Vermögen in dieser Höhe. Die Volksbank bestätigt das.

Nixdorf und Knieriem sagen, sie hätten nie, weder vor noch nach dem Kauf, einen Vertrag oder andere Unterlagen zur Immobilie erhalten. Das Darlehen überwies die Wüstenrot direkt auf ein Treuhandkonto der Notare.

Schwere Fehler - skrupellos ausgenutzt

Unerfahren, wie Knieriem und Nixdorf in diesen Dingen waren, begingen sie schwere Fehler, vor allem den Kauf der Immobilie ohne Besichtigung - interessant war ja nur deren Wert. Kontakt hatten sie immer nur zu den DES-Leuten, die sagten, was zu tun war. Ließen sie Zweifel anklingen, drohte das Geschäft doch noch zu platzen.

Doch auch die Bausparkasse schluderte - und hätte es besser wissen können. Dass ein Stempel oder eine Bestätigung der Volksbank über das Vermögen der Käuferinnen fehlte, hinderte sie nicht daran, die Kredite zu bewilligen. So lieh die Bausparkasse Nixdorf 151.800 Euro. Ob sie etwas gegen die mutmaßlich betrügerischen Mitarbeiter in Chemnitz unternimmt, ist offen.

KarriereSPIEGEL liegen weitere Anträge vor, bewilligt mit offenbar gefälschten Eigenkapitalnachweisen, wieder von den beiden Wüstenrot-Mitarbeitern aus Chemnitz. Persönliche Kundenkontakte zu Knieriem und Nixdorf gab es nicht, weder in der Filiale noch telefonisch. Von den gefälschten Dokumenten erfuhren die Opfer erst hinterher, durch ihre Anwälte und unsere Recherchen.

"Die Dokumente zu prüfen und die nötige Sorgfalt walten zu lassen, das ist doch im eigenen Interesse der Bank", sagt Falko Fecht, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. Hier liege Managementversagen vor, die Bank müsse ihre Mitarbeiter im Griff haben, sodass solche Fehler nicht gemacht werden. "Am Ende ist ja auch die Bank die Betrogene."

20 Prozent für den Vermittler

Doch die Wüstenrot schweigt bis auf Weiteres zu den Vorfällen, verweist auf den laufenden Austausch mit den Anwälten der Geschädigten. Knieriem will sich außergerichtlich einigen, Nixdorf bereitet eine Klage vor. Grundsätzlich, so eine Wüstenrot-Sprecherin, gelte: Wenn "keine sittenwidrige Überteuerung einer Immobilie anzunehmen" sei und die Bonitätsprüfung eines Antragstellers positiv ausfalle, sei "ein Immobilienfinanzierer selbstverständlich frei in seiner Entscheidung, diesem ein Darlehen anzubieten".

Thomas K. (Name geändert) war unter anderem für die DES jahrelang für das Beschaffen neuer Opfer und für die Darlehensabwicklung zuständig. Auch im Jahr 2009, als die gefälschten Kreditanfragen bewilligt wurden. Er sagt: "Man hat seine speziellen Bankmitarbeiter, mit denen man solche Geschäfte abwickelt. Der Banker kennt die nackten Zahlen des Kunden, sowohl die tatsächlichen Einkünfte als auch den eigentlichen Immobilienwert. Mit ihm wägt man ab, wie hoch man das Darlehen ansetzen kann."

Für einen solchen Deal, so der Insider, kassierten bestimmte Banker eine hübsche Provision, natürlich finanziert vom ahnungslosen Kreditnehmer: "Bei einer Finanzierung von 130.000 Euro hat der Bankmitarbeiter 13.000 Euro bekommen. Ich 20 Prozent, also 26.000 Euro, und der Rest ging an die Verkäufer der Immobilie. Der Einzige, der nix bekommen hat, war der Kunde."

Dazu will Wüstenrot ebenfalls nicht Stellung nehmen. Thomas K. sagt, den Chemnitzer Sachbearbeitern müsse bewusst gewesen sein, was sie treiben: "Sobald der Kunde seinen Kredit bewilligt bekommen hat, war klar, dass er betrogen wird." Über die Opfer hätten er und seine Kollegen nie gesprochen, der Job sei einfach zu gut bezahlt gewesen. Deshalb hat auch er das Spiel lange mitgespielt. Bis ihm die Sache zu heiß wurde.

"Wir verbitten uns alle Fragen"

Heute stehen die Opfer in einem Rechtsstreit, in dem sie eine Täuschung nachweisen müssen. Die Staatsanwaltschaft Essen hat Anklage gegen vier mutmaßliche Betrüger erhoben, drei davon DES-Leute. Das Netzwerk scheint weitaus größer zu sein.

Die Firma DES gibt es heute nicht mehr. Die BfB aber inseriert fleißig weiter, mit vergleichbaren Anzeigen. Wir wollten mit den Chefs von BfB über ihre Masche sprechen, doch die sagen: "Wir verbitten uns alle Fragen."

Die Wüstenrot hätte das miese Geschäft als Erste erkennen müssen. Aktuell will sie das Gehalt von Nicole Nixdorf pfänden. An den finanziellen Folgen und der nervlichen Belastung zerbrechen die meisten Opfer.

Die Schrott-Immobilien werfen keine Mieten ab, sind meist unbewohnbar und unverkäuflich. Sie stehen vor der Zwangsversteigerung, wie in Nixdorfs Fall. Beide Wohnungen kommen wahrscheinlich zurück in den Kreislauf. Bis sich neue Käufer finden.

Bianka Schneider (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin im Ruhrgebiet. Ergebnisse dieser Recherche sind bereits in einem Filmbeitrag für die ARD-Sendung "Report Mainz" präsentiert worden.

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insgesamt 162 Beiträge
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1. kein Immobilienkauf ohne Gutachter
HankTheVoice 25.06.2014
hinterher ist man immer schlauer aber wer 100.000€ oder mehr in eine Immobilie investiert, sollte für 1000-1500€ einen Gutachter beauftragen.
2.
deus-Lo-vult 25.06.2014
Wer immer noch auf solche Dinge reinfällt ist nicht nur naiv, sondern auch noch dämlich. Mein Mitleid hält sich doch sehr in Grenzen.
3.
spon-facebook-1410546936 25.06.2014
....heißt es in ihrem Beitrag. Falsch! Diese Strategie ist nicht in erster Linie clever sondern böse und von derselben zerstörenden Gier getrieben, die auch die Finanzkrise ausgelöst hat. Ich bitte Spiegelredakteure darum, halb- oder vollkriminelles Verhalten nicht mit Cleverness in Verbindung zu bringen. Die vermeintliche Intelligenz der im Artikel genannten Leute ist nur an einer Stelle am richtigen Platz: in der Mülltonne!
4. Suboptimal
krawatz 25.06.2014
Wahrscheinlich werden es die Geschädigten schon oft gehört haben. Aber wie kann man etwas kaufen was man noch nie gesehen hat mit Geld das man nicht hat? Betrüger gibts ja schon immer, und selbst Banken haben letztendlich ja dieselbe Masche angewendet. Schrottpapiere verkauft an Leute die sich das nicht leisten konnten. Wann wachen die Menschen endlich auf und begreifen dass es nichts geschenkt gibt und dass Renditen über 5% meist utopisch sind, und dass man eine Investition von 5 Jahresgehältern nicht mal eben so im Hinterhof abschließt?
5. Gehirnwäsche kombiniert mit Gier
static2206 25.06.2014
Das die Leute dumm oder naiv sind, will ich nicht behaupten. Aber viel zu oft schalten viele ihr Gehirn einfach aus, wenn es um leicht verdientes Geld geht. Wenn dann noch ein Profi eine Gehirnwäsche durchzieht, die der Scientology Konkurrenz macht, dann ist so ein Schlamassel vorprogrammiert. Immer dran denken. Man bekommt heut zu tage nichts geschenkt
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