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Seltene Berufe Allein unter Schafen

Beruf Schäfer: Die Letzten ihrer Art Fotos
SPIEGEL ONLINE

Jeden Tag früh raus, kaum Urlaub, drei Euro Stundenlohn. Und trotzdem liebt Verena Jahnke ihre Arbeit. Sie weiß, wie man Schäfchen ins Trockene bringt und vergesslichen Schnuckenmüttern eine Patchworkfamilie verpasst. Verena ist junge Schäferin - ein Beruf, den nur noch wenige Menschen ausüben.

Verena Jahnkes Wochenende beginnt oft am Sonntagabend und endet am nächsten Morgen um 7 Uhr im Stall. Irgendwann hatte sie mal einen Freund, der das nicht verstanden hat: Manchmal fragte er sie schon am Montag gefragt, ob sie am Freitag mit ihm ins Kino geht. Wenn sie daran denkt, schnaubt sie und sagt: "Ich weiß am Freitagnachmittag, ob ich am Freitagabend Zeit habe." Wer das nicht versteht, hat in ihrem Leben keinen Platz.

Am Montagmorgen um 6.30 Uhr steht sie auf und greift sich ihre Klamotten, Gummistiefel inklusive. Erst geht sie in den Stall und füttert die Tiere, dann, gegen 9 Uhr, frühstückt sie selbst: "Wenn ich schon was getan habe, schmeckt es besser."

Verena Jahnke, 20, blaue Augen, blonde Haare und Stupsnase, macht auf dem Hof ihrer Eltern eine Ausbildung zur Schäferin. Derzeit gebe es bundesweit nur 29 junge Männer und Frauen im ersten Lehrjahr und etwa 2000 Berufsschäfer, sagt ein Sprecher der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtsverbände (VDL) - ein Fünftel weniger als noch vor fünf Jahren.

Verena Jahnke hat selbst lange überlegt, ob sie das will - jeden Tag früh raus und spät ins Bett, kaum Urlaub, Stundenlohn von etwa drei Euro. Jedoch: In der elften Klasse hospitierte sie in einer Kanzlei. Danach wusste sie, dass sie nie mehr im Büro sitzen möchte.

Lämmer im Wollpulli gaukeln Schafen eine heile Familie vor

Am Morgen watet sie durch einen Stall mit 160 trächtigen Schafen. Es riecht nach Stroh und Tier, an den Längsseiten steht in abgetrennten Ställen rund ein Dutzend Mütter mit ihren Lämmern - oder solchen, die sie dafür halten. Einem Schaf stupst Verena Jahnke auf die Nase: "Dir haben wir eins untergeschoben", sagt sie.

Neben dem Schaf stakst ein kleines Lamm in einer Art Wollpulli durchs Stroh. Seine richtige Mutter hat nicht genug Milch, die neue Mutter hat nach der Geburt ihr Kind verloren. Verena Jahnke und ihr Vater ziehen dann dem toten Lamm sofort das Fell ab und stülpen es einem anderen für drei, vier Tage über. Wenn die Mutter am Fell ihres toten Kindes riecht, ist sie glücklich; wenn das Lamm die vermeintliche Muttermilch trinkt, ist es satt. Und wenn Verena Jahnke ihre Patchworkfamilie sieht, ist sie zufrieden.

In der Glockenbergsschäferei in Eimke, einem Dorf zwischen Hamburg und Hannover, betreuen Verena Jahnke, ihr Vater, ihre Mutter und zwei weitere Schäfer um die 2000 Schafe und Lämmer. Eigentlich ziehen die das ganze Jahr von Weide zu Weide - nur im Winter mussten sie provisorische Ställe bauen, weil Schnee und Eis alles bedeckten.

Eine Schäferei rentiert sich heute kaum noch

Als Verenas Großvater, auch ein Schafliebhaber, geboren wurde, grasten rund 750.000 Heidschnucken in Norddeutschland, heute sind es noch 20.000. Sollte die Zahl weiter so sinken, könnte das der Umwelt schaden. Denn Schafe nutzen der Natur: In vielen Schutzgebieten dürfen keine Rasenmäher eingesetzt werden, da stutzen die Tiere das Gras. Behörden sparen dadurch Millionen, schätzt der Schäferverband VDL. Ohne Schafe sähe auch die Lüneburger Heide anders aus, beißen sie doch junge Bäume weg. Zudem trampeln sie viele Deiche platt, das macht die Deiche stabil.

Auch wenn der Europäische Gerichtshof im vergangenen Oktober die Schäfer stärkte und ihnen weitere Agrarbeihilfen zusprach, könnte Verena Jahnke auf die meisten Entscheidungen von oben verzichten. Die EU wolle, sagt sie, dass Schäfer jedes Tier elektronisch kennzeichnen. So sollen Seuchen bekämpft werden. Verena zuckt mit den Achseln. Sie weiß nur, dass es teuer wird und sich eine Schäferei heute fast nicht mehr rentiert. In den Einkaufsregalen liegt nur noch wenig deutsches Schaffleisch, Schaffell zu verkaufen lohnt sich kaum noch.

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Sonderbare Jobs: Berufe gibt's, die gibt's gar nicht
Auch ihr Schlachthaus entspricht nicht mehr der EU-Norm, sie mussten es schließen. Ob sie ein neues bauen? Verenas Mutter sitzt am Frühstückstisch und wiegt den Kopf hin und her: "Verena ist jetzt 20 und will den Hof zum Glück weitermachen." Trotzdem überlegt sie, ob es sich lohnt, noch zu investieren. Sie müssten gucken, was da irgendwann für ein Mann in Verenas Leben trete - "wenn der nun gar nicht mit Schafen kann, wird es schwierig".

Zwergkaninchen? "An denen ist nichts dran"

Wer das Landleben nicht mag, würde wohl auch mit Verena Jahnke fremdeln, denn auch wenn sie viel schmunzelt und gern anderen hilft, ist sie manchmal rustikal: Ihre Hasen schlachtet sie selbst, darum haben sie auch keine Namen. "Das wäre fatal", sagt sie. Mit Kleintieren und Ponyhof-Romantik kann sie nichts anfangen. Zwergkaninchen? "An denen ist nichts dran." Meerschweinchen? "Sie zu schlachten, finde ich ekelig." Reiterhöfe? "Da wird immer so viel rumgezickt." Immerhin hat sie ein Schaf als Stecker im Ohr und eins als Kuscheltier im Bett, ein bisschen verspielt ist sie dann doch.

Zwar stört es Verena nicht, Schafen ihr verkotetes Fell zu scheren, aber über das matschige Wattenmeer rümpft sie die Nase: "Einmal war ich dort, das war übelst eklig." Einmal Nordsee und dreimal Spanien mit den Eltern, einmal Finnland mit der Kirchengemeinde, mehr Urlaub ist nicht drin.

Verena Jahnke steht auf der Weide, und in ihrer Tasche blökt ein Schaf: Sie hat eine SMS von ihrem Vater bekommen, der gerade auf einer Versammlung in Hannover ist. Er fragt, ob alles in Ordnung ist. Sie lächelt.

Als sie mittags bei der Herde auf der Weide ankommt, ruft sie: "Oh nein, da hat was gelammt." Das hatte sie schon befürchtet und daher ihren Vater gefragt, ob sie einen Anhänger mitnehmen soll. "Aber Chef sagte: 'Nein, brauchen wir nicht!' Das kommt davon, wenn man auf Chef hört", sagt sie und grinst.

In Berlin hält sie's kaum aus

Sie treibt die 800 Schafe mit ihrer Schäferhündin Anja von einer Wiese auf die nächste, ihr Kollege bringt die beiden Lämmer über die Straße. Dort packt Verena Jahnke die beiden später an den Hinterbeinen und legt sie auf die Wiese: "Jetzt muss die Mutter sich nur noch daran erinnern, dass sie irgendwo mal Lämmer hatte."

Die Lämmer schreien. Doch kein Schaf kommt. Also blökt Verena Jahnke mit und läuft über die Wiese. Hinten links auf der Wiese entdeckt sie schließlich die Mutter und bringt die Lämmer hin. "Da muss ich dir deine Lämmer erst unter die Nase reiben..."

Gegen 16 Uhr fährt Verena zurück. Sie wird wieder durch den Stall mit den trächtigen Schafen schreiten, die Hühner in den Stall bringen, nach den Hasen schauen, die beiden Pferde von der Koppel holen, mit ihren fünf Hunden spazieren gehen und irgendwann mit ihren Eltern auf dem Sofa liegen.

In Eimke leben rund 350 Menschen, sechsmal am Tag fährt ein Bus nach Uelzen, die nächstgrößere Stadt, der Kiosk hat oft um 16 Uhr schon zu. Trotzdem möchte sie woanders nicht leben. Kürzlich war Verena in Berlin: "Für zwei Tage war es ganz okay", sagt sie. "Länger würde ich es aber nicht aushalten. Die Häuser stehen so dicht an dicht."

Frauke Lüpke-Narberhaus (Jahrgang 1983) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin. Ihr Beitrag erschien zuerst im SchulSPIEGEL-Ressort.

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