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Senioren als Models Bitte recht faltig!

Senioren als Models: Bitte recht faltig! Fotos
TMN

Hübsch, schlank und vor allem jung - das gilt in der Modelbranche schon lange nicht mehr ausschließlich. Immer mehr Firmen verlangen auch nach älteren Gesichtern: 16-jährige Magermodels können einfach keinen Treppenlift verkaufen.

Gekonnt lächelt Christine Telger in die Kamera, wirft ihr kinnlanges, blondes Haar in den Nacken und stützt die Hände in die schmale Hüfte. Telger ist Model und 73 Jahre alt.

Bis vor acht Jahren stand die gebürtige Nürnbergerin nicht vor Fotografen, sondern im Klassenzimmer - als Lehrerin für Deutsch und Musik. Nach der Pensionierung kam sie bei einem Vorher-Nachher-Shooting einer Kosmetikfirma auf den Geschmack. "Der Fotograf erzählte mir vom Modeln für Senioren. Das hat mich sofort gereizt." Inzwischen hat Telger Erfahrung, wird immer öfter zu Castings eingeladen und für kleine Werbespots gebucht. "Es läuft richtig gut an", sagt sie.

Nur jung und schlank zu sein, gilt in der Branche schon lange nicht mehr als einziges Erfolgsrezept. Mit dem demografischen Wandel rücken auch die Älteren verstärkt in den Fokus der Werbeindustrie. Kein Wunder: Die Kaufkraft der Senioren wächst. Schon jetzt stammt jeder dritte Euro, der in Deutschland ausgegeben wird, aus den Portemonnaies der über 60-Jährigen, wie das Institut für Wirtschaftsforschung errechnet hat. Tendenz steigend. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2035 Menschen über 50 etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

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Model-Agenten wie Christa Höhs nutzten diesen Trend schon lange für ihr Geschäft. "Der Jugendwahn in der Werbung ist Gott sei Dank vorbei", sagt die 72-Jährige, die früher selbst als Model arbeitete und 1994 die Agentur Seniormodels in München gründete. Nach eigenen Angaben war sie damit die Erste, die vollständig auf Ältere setzte. "Damals war das völlig exotisch. Menschen über 40 standen weder als Werbeobjekt noch als Zielgruppe auf der Liste der Firmen." Das habe sich inzwischen gründlich geändert.

Groß rauskommen auf dem "Zipperlein-Markt"

Heute hat Höhs 700 Models im Alter von 30 bis 97 Jahren in ihrer Kartei. Kunden sind große, internationale Konzerne. Dabei sei es keinesfalls nur der "Zipperlein-Markt", der nach Darstellern über 50 verlange. Ältere Models würden nicht nur für Blasentees, Haftcreme oder Treppenlifte engagiert. Gerade die Versicherungs-, Kreuzfahrt- oder Autobranche setze oft auf ältere Modelle. "Sie stehen einfach mehr für Vertrauen und Seriosität und sind im gleichen Alter wie die Zielgruppe", erklärt Höhs.

Seniormodels sollten allerdings nicht darauf spekulieren, auf den Covern der großen Modezeitschriften zu landen, sagt Knut Schulz von der Agentur Elbmodels in Hamburg, die sich ebenfalls auf die Sparte spezialisiert hat. "Die Mode orientiert sich seit jeher an der Jugend und das wird wohl auch so bleiben." Eine Modelkarriere erst mit 50 oder 60 Jahren zu starten, sei bei viel Talent aber gut möglich, sagt Schulz. Der größte Teil der rund 300 Models zwischen 30 und 80 Jahren in seiner Kartei habe allerdings schon Vorerfahrung in der Mode- oder Schauspielbranche.

Flexibel zu sein, das sei die Grundvoraussetzung in der Branche, erklärt Nicola Siegel, die Telger als Freiberuflerin unter Vertrag hat. "Man sollte möglichst ein zweites Standbein haben. Denn auf regelmäßiges Einkommen kann man nicht bauen." Siegel hat nicht nur Senioren in der Kartei, sondern Frauen und Männer zwischen 18 bis 93 Jahren. Ältere Models hätten zwar viele Vorteile, sagt die Gründerin der Agentur Siegel-Models-Berlin. Sie seien oft sehr engagiert, zuverlässig und immer pünktlich im Studio. "Dafür sind sie aber auch öfter krank und haben mehr Arzttermine als die Jüngeren."

Meine Oma ist jetzt Topmodel

Doch was muss ein älteres Model mitbringen? "Lebenserfahrung und Ausstrahlung, damit können alte Menschen punkten", sagt Höhs. "Das Gesicht muss etwas erzählen." Grundsätzlich müssten ältere Models aber die gleichen Voraussetzungen mitbringen wie jüngere, sagt Schulz. Gute Zähne, gepflegte Haare und eine schlanke Figur seien auch "im älteren Segment" wichtig. Ein paar Pfund mehr dürften es aber schon sein. "Zu dünn kommt im Alter nicht gut an. Das wirkt dann leicht ungesund", erklärt er.

"Man muss schon auf sich achten", sagt Christine Telger. Zweimal pro Woche geht die Oma von fünf Enkeln ins Fitnessstudio. Auch Friseurbesuche stehen regelmäßig auf dem Programm. "Sollte ich gebucht werden, muss ich ja jederzeit genau so aussehen, wie auf den Fotos."

Ein ruhiges Rentnerleben auf der Couch vermisst Christine Telger nicht. Neben ihrer Modelkarriere besucht die Wahlberlinerin noch Italienischkurse an der Universität. Ihre Familie und ihr Partner seien stolz auf sie. "Mein kleiner Enkel hat sogar mit mir angegeben und gesagt: Meine Oma ist jetzt ein Topmodel!"

Söhnke Callsen/dpa/end

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insgesamt 9 Beiträge
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    Seite 1    
1. Einfach nur schön
kandana 04.05.2013
Zitat von sysopTMNHübsch, schlank und vor allem jung - das gilt in der Modelbranche schon lange nicht mehr ausschließlich. Immer mehr Firmen verlangen auch nach älteren Gesichtern: 16-jährige Magermodels können einfach keinen Treppenlift verkaufen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/senioren-als-models-sind-gefragt-wie-nie-a-897974.html
Natürliche Schönheit wirkt doch um vieles anziehender. Es gibt viele Menschen, die sogar erst mit dem Alter an Anziehungskraft gewinnen. Ich bin ja froh, dass man endlich davon weggekommen ist, Faltenpflege mit 20-jährigen Models zu bewerben. Die Diskrepanz zwischen dem beworbenem Produkt und dem Model hat bei mir immer ein müdes Lächeln verursacht...
2. Auch Senioren-Laien sind geeignet
Ronald Dae 04.05.2013
Ältere Menschen sind eine interessante Alternative zu ausstauschbaren, glatten Modellen um die zwanzig. Reife Gesichter sind wesentlich spannender als junge - sie erzählen dem Betrachter mehr "Geschichten". Wie im Text beschrieben, sind sie zuverlässiger und - im Falle von männlichen Modellen - häufig auch weniger prätentiös vor der Kamera. Somit entstehen Charakter-Portraits von starker Aussagekraft und mit besonderem Charme, welche ich als Portrait-Fotograf bei jungen Menschen nur selten finde. Aus meiner Sicht müssen die Modelle auch nicht professionell als Modell tätig sein, um gute Ergebnisse zu liefern. Es ist sogar so, dass die meisten Senioren sich ihrer interessanten Physiognomie gar nicht bewußt sind; häufig höre ich den Satz: "Ach, ich bin doch nicht mehr schön, warum willst du MICH denn fotografieren?". Wenn ich ihnen dann erkläre, dass man für gute Portraits keine Profi-Modelle braucht, sondern der richtige Ausdruck erst vor der Kamera entsteht und ihnen später die Ergebnisse präsentiere, erkennen sie, um wieviel spannender sie sind als der junge, blasse Nachwuchs. Ronald Daedalus Vogel
3.
longhoishong 04.05.2013
Zitat von kandanaNatürliche Schönheit wirkt doch um vieles anziehender. Es gibt viele Menschen, die sogar erst mit dem Alter an Anziehungskraft gewinnen. Ich bin ja froh, dass man endlich davon weggekommen ist, Faltenpflege mit 20-jährigen Models zu bewerben. Die Diskrepanz zwischen dem beworbenem Produkt und dem Model hat bei mir immer ein müdes Lächeln verursacht...
Ich gucke mir trotzdem lieber die 20 jährigen an.
4.
Taraxacum 04.05.2013
Ich finde es gut, wenn Senioren für entsprechende Produkte modeln. Es kommt nicht glaubwürdig herüber, wenn 20-Jährige lächelnd Kleidung und andere Produkte präsentieren, für die sie 40 Jahre zu jung sind. Was mich an dem Artikel gestört hat, ist der Begriff "Magermodel". Ich weiß nicht, ob es auch anderen so geht, aber ich finde den Begriff abwertend und für qualitativen Journalismus nicht angemessen. Normalerweise steht er nämlich in dahingeklatschen Boulevard-Artikeln neben weiteren nervtötenden Wortschöpfungen wie zum Beispiel "Busenblitzer". Des Weiteren ist es auch eine unbedachte Beleidigung dünner Frauen. Man kann aus gutem Grund die Körperdarstellungen in der Werbung kritisieren sowie die fanatische Fixierung auf extrem schlanke Körper, aber das müsste dann auf entsprechend reflektierte Weise geschehen. Schließlich bezeichnet man Übergewichtige auch nicht als "Fettwänste" oder ähnliches. Bedenklich ist eine gedankenlose Wortwahl vor allem deshalb, weil sie Vorurteile schürt. Unter anderem dank wenig geistreicher Journalisten, die meinen der traurigen Diskriminierung dicker Menschen eine Diskriminierung dünner Menschen entgegen zu setzen, glauben jetzt offensichtlich viele Medienkonsumenten, es sei in Ordnung, dünne Menschen zu beleidigen oder ihnen pauschal Magersucht zu unterstellen. Dabei können dünne Menschen in der Regel wenig für die Vorgehensweisen der Werbeindustrie oder den allgegenwärtigen Druck zur Schlankheit, der von Politik, Gesundheitsindustrie und Medien auf die Menschen ausgeübt wird. Sie sind einfach wie sie sind.
5. Alt aber oho
voltaire001 04.05.2013
Zitat von sysopTMNHübsch, schlank und vor allem jung - das gilt in der Modelbranche schon lange nicht mehr ausschließlich. Immer mehr Firmen verlangen auch nach älteren Gesichtern: 16-jährige Magermodels können einfach keinen Treppenlift verkaufen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/senioren-als-models-sind-gefragt-wie-nie-a-897974.html
Alt werden will ohnehin fast jeder, aber dabei muß man eben nicht unbedingt alt aussehen.
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