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Arbeiten trotz Rente "Ich bin verdammt zu putzen"

Jobs im Alter: Warum Rentner arbeiten müssen oder wollen Fotos
DPA

In Deutschland arbeiten Hunderttausende Rentner, meist in Minijobs. Manche wollen im Beruf bleiben, andere müssen. IT-Experte Jochen Michalczyk ist froh über seine Rückkehr in den Job. Dagegen absolviert Putzfrau Maria Watt "ein mörderisches Pensum" in einem Frankfurter Wolkenkratzer.

So hat sich Maria Watt ihren Lebensabend nicht vorgestellt. Die Rentnerin putzt regelmäßig die komplette 28. und die halbe 30. Etage in einem der beiden Frankfurter Wolkenkratzer der Deutschen Bank. Mehr als 1000 Quadratmeter Bürofläche muss Watt, 65, säubern - trotz schmerzender und vom Orthopäden gespritzter Schulter: "Ich bin dazu verdammt zu putzen. Meine Rente reicht einfach nicht aus, ein menschenwürdiges Leben zu führen."

Regale einräumen statt Plackerei beim Putzen, das habe ihr vorgeschwebt, erzählt sie. Doch keine Einzelhandelskette stellte die zierliche Rentnerin ein. Deshalb schmeißt der Wecker sie nun wochentags um drei Uhr früh aus dem Bett. Dann frühstückt Watt, drückt ihrem Ehemann einen Kuss auf die Wange und macht sich auf den Weg: Rente aufstocken.

Seit Anfang vergangenen Jahres hat sie den Job bei einer Reinigungsfirma. Der Stundenlohn liegt unter neun Euro, und oft arbeitet sie mehr als die vertraglich festgeschriebenen zwei Stunden am Tag, um ihr Pensum zu schaffen. Sie ist aber angewiesen auf die 400 Euro, die der Minijob einbringt. Ihre Rente beläuft sich auf 634 Euro, ihr Mann bekommt 211 Euro.

Nach dem Hauptschulabschluss lernte die gebürtige Westerwälderin keinen Beruf und arbeitete als Bürohilfe. 1998 wurde sie arbeitslos, rutschte nach zwei Jahren in Hartz IV. An Altersvorsorge hat Watt damals nicht gedacht: "Wieso auch, das Rentensystem galt ja als sicher", meint sie.

Urlaub auf dem Balkon

Heute kann sie sich keinen Zoo- oder Opernbesuch leisten, geschweige denn eine Reise. "Mein Balkon ist mein Urlaubsort", sagt Watt. Der Ischias schmerzt, seit kurzem auch die Schulter: "Keine Ahnung, wie lange ich das mörderische Pensum noch durchhalte."

Maria Watt zählt zu den vielen Rentnern, die auch in hohem Alter noch berufstätig sind. Allein die Zahl der Ruheständler mit einem Minijob ist seit dem Jahr 2000 auf rund 760.000 gestiegen - ein Plus von 60 Prozent, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Darunter waren im vergangenen Jahr sogar rund 120.000 Minijobber im Alter ab 75 Jahren. Das zeigen Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Linke-Bundestagsfraktion.

Wie Rentner hinzuverdienen können
Mehr Geld im Ruhestand
DPA

Über 760.000 Deutsche im Rentenalter gehen Minijobs nach - weil sie wollen oder weil sie müssen und mit der Rente nicht auskommen. Folgende Regelungen müssen sie dabei beachten:
Arbeiten ab 65 Jahren
Wer bereits die Regelaltersgrenze von mindestens 65 Jahren erreicht hat, kann grundsätzlich unbegrenzt Geld hinzuverdienen, ohne dass es die Rente schmälert. Allerdings haben die Einkünfte unter Umständen Einfluss auf die Höhe einer Hinterbliebenenrente und der Krankenversicherungsbeiträge. Außerdem müssen die zusätzlichen Einkünfte versteuert werden.
Berufstätige Frührentner
Wenn Frührentner im Ruhestand weiter arbeiten, müsse sie Hinzuverdienstgrenzen beachten. Beim Überschreiten dieser Grenzen kann sonst ihre Rente gekürzt werden, wie die Deutsche Rentenversicherung Bund in Berlin erläutert. Wer vor der gesetzlichen Altersgrenze in Rente geht, muss eine generelle Grenze von 400 Euro brutto im Monat beachten. Bei einem höheren Verdienst wird die Rente nur noch anteilig gezahlt. Unter Umständen kann sie sogar ganz entfallen. Eine Ausnahme: Zweimal im Jahr dürfen Rentner die Grenze bis zum doppelten Wert überschreiten. In zwei Monaten sind also Einkünfte bis zu 800 Euro zulässig.
Antrag auf Teilrente
Wer mehr Geld abzugsfrei hinzuverdienen möchte, kann eine Teilrente beantragen. Sie wird in drei Stufen gewährt: als Zwei-Drittel-Teilrente, als Ein-Halb-Teilrente oder als Ein-Drittel-Teilrente. Die Hinzuverdienstgrenzen werden dabei individuell berechnet. Grundlage ist das Gehalt der letzten drei Kalenderjahre vor Beginn der ersten Altersrente. Es kommt auch darauf an, ob der Verdienst in den alten oder neuen Bundesländern erzielt wurde.
Zum Beispiel…
Eine Beispielrechnung anhand des Durchschnittsentgelts der deutschen Arbeitnehmer: Wer in den letzten drei Kalenderjahren vor Rentenbeginn stets 2703 Euro monatlich verdient hat, kann bei einer Zwei-Drittel-Teilrente im Westen 1023 Euro hinzuverdienen, im Osten 908 Euro. Bei einer Ein-Drittel-Teilrente liegt die Hinzuverdienstgrenze im Westen bei 1968 Euro und im Osten bei 1747 Euro.
Hinzu kommen gut 154.000 Menschen im Rentenalter mit sozialversicherungspflichtigen Stellen, fast doppelt so viel wie zwölf Jahre zuvor. Über die Hälfte von ihnen arbeitet auf Vollzeitstellen; Selbständige sind in dieser Statistik der Bundesagentur für Arbeit nicht einmal berücksichtigt.

Ein 65-Jähriger, der arbeiten möchte, sollte "auch die Möglichkeit bekommt, seine Kreativität einzubringen", sagte Angela Merkel am Dienstag. Die Bundeskanzlerin kann Senioren wie Maria Watt nicht gemeint haben - die Frankfurter Rentnerin treibt die nackte materielle Not. Gewerkschaften und Sozialverbände sehen in der hohen Zahl der Minijobber ein Indiz für wachsend Altersarmut. Das Bundesarbeitsministerium entgegnet, dass die Zahl der Senioren in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen sei. Der Zuwachs bei den betagten Minijobbern bewege sich deshalb in "sehr überschaubaren Dimensionen".

"Die karge Rente aufbessern"

Die Altersarmut unter Rentnern bleibe häufig verborgen, weil sich viele alte Menschen scheuten, zum Sozialamt zu gehen, so Ulrike Mascher. Die Vorsitzende des größten deutschen Sozialverbands VdK hält die Zahlen für alarmierend: "Bei den 120.000 über 75-jährigen Minijobbern wird es sich nicht um Universitätsprofessoren handeln, die gern länger arbeiten wollen", sagte sie. "Sondern um Rentner, die Zeitung austragen, Supermarktregale einräumen und andere wenig attraktive Jobs ausüben, um ihre karge Rente aufzubessern."

Nach Ansicht des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind hingegen unter den arbeitenden Senioren auch viele Hochqualifizierte seien. "Viele wollen arbeiten, weil sie sich noch fit fühlen", so der IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer.

Zu den älteren Beschäftigten, die gern arbeiten gehen, zählt Jochen Michalczyk. Er ist mit 69 Jahren wieder im Beruf - weil sein früheres Unternehmen ihn darum bat. Der IT-Spezialist ging vor vier Jahren in Rente, nun holte die Hamburger Otto-Gruppe ihn zurück. Geldsorgen spielten keine Rolle, er hatte Lust, "wieder etwas zu tun".

Zusätzliches Einkommen für "nette Extras"

Nun betreut Michalczyk die Umstellung des alten EDV-Systems auf eine neue Software. Er ist der erste von rund 50 bis 60 Rentnern, die der Versandhandelskonzern wieder einstellt. Michalczyk erhielt zum 1. Juli einen steuergünstigen Vertrag über 50 Arbeitstage im Jahr. Momentan sind es zwei Tage pro Woche, so wird das begrenzte Kontingent schnell aufgebraucht sein.

Michalczyk hat jedoch Lust auf mehr: Wenn die 50 Tage um sind, möchte er über eine Vertragsänderung verhandeln. "Ich freue mich natürlich über den Verdienst", sagt er. "Damit es aber weiterhin Spaß macht, ist wichtig, dass das Geld nicht mehr benötigt wird." Das zusätzliche Einkommen verwende er für "nette Extras" wie die Aktualisierung seiner Technik daheim.

1969 war Michalczyk bei Otto eingestiegen; damals suchte das Unternehmen EDV-Nachwuchs. Er wurde einer der Pioniere des Bereichs und stieg bis zum Abteilungsleiter Controlling auf. Als Michalczyk mit 63 in Rente ging, verließ er die Firma nicht komplett: "Ich wollte nicht gleich von 100 auf 0 gehen." Er arbeitete für zwei Jahre an zwei Tagen im Monat weiter, "das war damals der optimale Weg".

Anfangs genoss Michalczyk seine freie Zeit, "es hat sich wie Urlaub angefühlt". Bis sein Tatendrang zurückkehrte. Er begann, sich kleine Aufgaben zu suchen - machte hier mit, half dort. Und rief schließlich wieder Otto an und fragte, ob es nicht etwas für ihn zu tun gebe.

dpa/jol

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Altersteilzeit
Schade auch - eine Bilanz
"Beliebt, aber nicht zukunftsgerecht" - so fiel das Urteil des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zur Altersteilzeit aus. Zum Ende der staatlichen Förderung zog das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit eine ernüchternde Bilanz.
Eigentlich beliebt,...
Seit 1996 gibt es das Altersteilzeitgesetz und die Zuschüsse der Arbeitsagenturen. Ende 2007 waren 540.000 Personen in Altersteilzeit. Damit nutzte zuletzt jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Alter zwischen 55 und 65 Jahren die Regelung.
...aber nur in einer Variante
Die Möglichkeit, statt reduziert weiterzuarbeiten einfach früher in den Ruhestand zu gehen, wurde erst auf Druck der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ins Altersteilzeitgesetz aufgenommen. Zum Schluss ist in den Betrieben fast nur noch Altersteilzeit nach dem Blockmodell vereinbart worden. Ende 2007 machten 88 Prozent der geförderten Arbeitnehmer Altersteilzeit nach dem Blockmodell, lediglich 12 Prozent arbeiteten in echter Teilzeit.
Liebling der Büroarbeiter...
Auch hier hat sich die Altersteilzeit ganz anders entwickelt als beabsichtigt: Vor allem in den vermeintlich "verschleißfreien" Büroberufen gingen die Beschäftigten in Altersteilzeit. Vorne lagen unter anderem die Bank- und Versicherungsbranche, öffentlicher Dienst und Verwaltung. Menschen in körperlich belastenden Berufen dagegen nutzten die Altersteilzeit dagegen eher selten. Der Grund: Viele Beschäftigte in diesen Berufen konnten sich einen weiteren Gehaltsverzicht während der Altersteilzeit schlicht nicht leisten.
...und Liebling der Unternehmen
7,2 Milliarden Euro haben die Arbeitsagenturen von 1996 bis 2007 insgesamt in die Förderung der Altersteilzeit gesteckt. 2007 kostete ein geförderter Altersteilzeitler die Arbeitsagenturen im Schnitt über 13.000 Euro. Die Bedingung für die Zuschüsse war, dass das Unternehmen einen Arbeitslosen oder Berufsanfänger einstellt. Die Forscher des IAB vermuten aber, dass die Mitnahmeeffekte groß waren: Das heißt, die Unternehmen hätten wohl ohnehin eingestellt – auch ohne Förderung.
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