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Pornodreh in der Freizeit Was geht den Chef mein Hobby an?

Die Verwandlung der Julia Pink: Tagsüber Erzieherin, abends Pornosternchen Fotos
Guido Thomasi

Nach Feierabend kann jeder treiben, was er will. Oder? Eine Erzieherin wurde gefeuert, weil sie in ihrer Freizeit Pornos dreht. Wie weit darf sich der Arbeitgeber ins Privatleben einmischen?

Im knappen BH steht Julia Pink vor der Kamera. Sie liebt es, sich so zu zeigen. Seit Jahren ist die 38-Jährige in Swingerclubs unterwegs, nun spielt sie auch in Pornofilmen mit. In diesem Video lost sie aus, welcher Mann mit ihr auf ein Hüttenwochenende fahren darf. Auf ein Wochenende "mit sehr viel Spaß", wie sie sagt, ehe sie in die Schachtel mit den Losen greift.

Die Verlosung, die Julia Pink in einem Film im Internet präsentiert, ist für sie ein Dankeschön. An all die Männer, die sie mit dem Kauf ihrer DVD "Jetzt erst recht" unterstützt haben. Sie will jetzt erst recht im Internet posieren. Und sie will erst recht Pornos drehen. "Ich brauche das", sagt Pink. "Sex vor Zuschauern ist für mich ein Kick".

Ihre Chefin, die Leiterin eines Behindertenheims der evangelischen Diakonie, hatte für Pinks Privatvergnügen kein Verständnis. Nachdem ein Kollege die Vorgesetzte auf eines der Pornovideos aufmerksam gemacht hatte, feuerte sie die Erzieherin - nach 17 Jahren. Seither kämpft Pink vor Gericht um ihren Job: Ein Gütetermin des Arbeitsgerichts Augsburg in der Außenstelle Donauwörth war am 2. Juli gescheitert. Nun kommt es zum Prozess vor dem Arbeitsgericht.

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Mails, Rauchen, Kleidung: Wie viel Privatleben ist im Büro erlaubt?
Ihr Hobby will die Erzieherin für ihre Arbeit nicht aufgeben. "Das ist für mich ein Ausgleich wie für andere Menschen Sport", sagt sie. Aber wie weit dürfen Arbeitnehmer in ihrer Freizeit gehen? Darf der Chef seinen Mitarbeitern vorschreiben, wie sie ihr Privatleben gestalten und unliebsame Hobbys sogar verbieten?

Angestellte können in ihrer Freizeit grundsätzlich tun, was sie wollen. Das "Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit" ist vom Grundgesetz geschützt. "Der Arbeitgeber darf sich nicht zum Sittenwächter seiner Mitarbeiter aufspielen", sagt Arbeitsrechtsexperte Matthias Rauscher.

Dabei gibt es aber Ausnahmen. Kirchliche Einrichtungen etwa haben per Verfassung Sonderrechte: Sie können von ihren Mitarbeitern verlangen, dass sie ihre Glaubens- und Moralvorstellungen achten. Wie weit sie dabei gehen dürfen, ist umstritten. So erklärte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) 2010 die Kündigung eines Essener Orgelspielers für unwirksam, der nach seiner Ehe eine Beziehung begonnen hatte (Az.: 1620/03).

Zeiten ändern sich - und mit ihr die Moralvorstellungen

Auch Florian Fleig, der Rechtsanwalt von Julia Pink, beruft sich darauf, dass die Zeiten sich geändert haben. "Es gelten nicht mehr die gleichen Maßstäbe wie vor 30 oder 40 Jahren", sagt er. Die Diakonie aber beharrt darauf, dass sich Pinks Zweitleben als Pornosternchen auch heute nicht mit den Werten der Kirche vereinbaren lasse.

Nicht nur in kirchlichen Einrichtungen, auch in sogenannten Tendenzbetrieben wie Parteien oder Gewerkschaften sind Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber gegenüber zu einer gewissen Loyalität verpflichtet. "Sie können von ihren Mitarbeitern verlangen, alles zu unterlassen, was die Glaubwürdigkeit des Betriebs gefährden könnte", sagt Rauscher.

Auch Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sind nicht uneingeschränkt frei darin, was sie in ihrer Freizeit tun. Ein Angestellter im öffentlichen Dienst dürfe in seiner Freizeit den Staat nicht aktiv bekämpfen, urteilte etwa das Bundesarbeitsgericht im Falle eines Mitarbeiters der Oberfinanzdirektion Karlsruhe, der als Mitglied der NPD zur Revolution aufgerufen hatte (Az.: 2 AZR 372/11).

Es kommt aber auch darauf an, auf welcher Hierarchiestufe der Mitarbeiter steht. "Für einen Manager aus der ersten Führungsebene eines großen Atomkonzerns dürfte es problematisch werden, nach Feierabend einen öffentlichen Vortrag darüber zu halten, dass er Atomkraft strikt ablehnt und sich dafür aktiv einsetzt", sagt Arbeitsrechtler Christoph Abeln. Bei einem Sachbearbeiter sei die Lage anders.

Schwierig wird es, wenn ein Mitarbeiter ausfällt, weil er sich bei einer riskanten Sportart verletzt hat. Dabei stellt sich zwar nicht die Frage, ob der Arbeitgeber das gefährliche Hobby verbieten darf - das Persönlichkeitsrecht umfasst auch, nach Feierabend Fallschirm zu springen oder Snowboard zu fahren. Manche Arbeitgeber sind in solchen Fällen aber nicht bereit, nach der Krankschreibung den Lohn weiterzuzahlen.

Das Bundesarbeitsgericht hat drei Fälle definiert, in denen der Mitarbeiter das Risiko eines Arbeitsausfalls selber trägt: Wenn er eine besonders gefährliche Sportart betreibt, den Sport in besonders leichtsinniger Weise ausgeübt oder sich selbst deutlich überschätzt hat. Als besonders gefährlich gilt ein Sport, wenn das Verletzungsrisiko so hoch ist, dass selbst ein gut ausgebildeter Sportler das Risiko nicht vermeiden kann. Explizit wurde eine solche Gefährlichkeit bislang nur dem Kickboxen attestiert (Arbeitsgericht Hagen, Az.: 4 Ca 648/87).

Doch auch jenseits des Risikosports darf ein Mitarbeiter in der Freizeit nicht so über die Stränge schlagen, dass er am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommen kann. Erscheint ein Mitarbeiter wiederholt so verkatert bei der Arbeit, dass ihm im Büro ständig die Augen zufallen, muss er mit einer Abmahnung rechnen.

Julia Pink sagt, ihre Arbeit habe unter den Pornodrehs nicht gelitten. "Was ich in meiner Freizeit tue, geht niemanden etwas an", findet sie nach wie vor. Bei der Arbeit habe sie stets ihr Bestes gegeben. Und die kirchlichen Werte habe sie ihren Schützlingen ebenfalls vermittelt. "Wir haben viel zusammen gebetet."

  • Elke Spanner (Jahrgang 1967) hat Jura studiert. Statt sich durch juristische Akten zu quälen, schreibt sie aber lieber als Journalistin über Recht, Arbeitswelt und Karriere.

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insgesamt 315 Beiträge
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1. Es gab meines Wissens mal den Fall ...
cherrypicker 24.07.2014
... einer Grundschullehrerin, die im Nebenberuf einen Swinger-Club betrieb. Auch hier klagte der Arbeitgeber, er verlor. Allerdings war das keine konfessionell gebundene Schule. Wenn man allerdings bedenkt, dass Kindergärten heute oft zu 100% vo Staat finanziert weren, selbst wenn sie in kirchlicher Trägerschaft sind, dann darf man schon die Frage stellen, inwieweit die Kirche hier noch irgendwelche Sonderrechte ableiten darf.
2. Der Text greift viel kurz
hman2 24.07.2014
Kein Arbeitgeber muss es hinnehmen, wenn ein Mitarbeiter den Ruf der Firma gefährdet. Soviel Loyalität kann jeder AG von seinen AN verlangen, denn das sind nebenvertragliche Pflichten. Auch muss kein AG dulden, wenn ein Mitarbeiter in Konkurrenz zu ihm tritt.
3. Doppelmoral
Humboldt 24.07.2014
Zitat von cherrypicker... einer Grundschullehrerin, die im Nebenberuf einen Swinger-Club betrieb. Auch hier klagte der Arbeitgeber, er verlor. Allerdings war das keine konfessionell gebundene Schule. Wenn man allerdings bedenkt, dass Kindergärten heute oft zu 100% vo Staat finanziert weren, selbst wenn sie in kirchlicher Trägerschaft sind, dann darf man schon die Frage stellen, inwieweit die Kirche hier noch irgendwelche Sonderrechte ableiten darf.
Hat denn der Kollege, der die Kollegin anschwärzte, und welcher offensichtlich in seiner Freizeit Pornos konsumiert, zumindest eine Abmahnung vom Arbeitgeber bekommen, da das Schauen von Pornos ja wohl ebenfalls mit den Moralvorstellungen des kirchlichen Arbeitgeber kollidieren dürfte.
4. Keine Chance
Kiste 24.07.2014
Dieser Fall ist schon grenzwertig. Pornodarstellerin ist nun mal keine normale seriöse Tätigkeit und die Vorstellung, dass man so einer seine Kinder bzw. behinderte Familienangehörige anvertrauen soll, ist sehr gewöhnungsbedürftig. Ich denke, die Richter werden das auch so sehen und urteilen, dass Eltern dieses nucht zugemutet werden kann. Frau Pink wird sich wohl eine neue Arbeitsstelle suchen müssen.
5. Die Kündigung ist unwirksam
berniejosefkoch 24.07.2014
@hman2: wo bitte schön ist der Ruf des Arbeitgebers gefährdet ? Insbesondere weil die Frau schon 17 Jahre ohne Beanstandung da gearbeitet hat? Was hat Freizeitbeschäftigung (welche das immer auch ist und solange die Arbeitskraft nicht beeinträchtigt wird) mit dem Ruf des Arbeitgebers zu tun? Hier ist nicht die Frau hingegangen und hat gesagt "Huhu, ich mache Pornos in meiner Freizeit" sondern ein Kollege hat sie angeschwärzt!
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