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Heavy-Metal-Gesangslehrer Brüllen für Fortgeschrittene

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Er arbeitet im Bunker, die Wände sind angemessen dick - wenn Thomas Fischer loslegt, wird es laut. Sehr laut. Als Shoutcoach bringt er Heavy-Metal-Sängern "gutturalen Gesang" bei. Wie das klingt und aussieht? Unsere tapferste Redakteurin hat sich angrunzen lassen.

Sie kommen zu ihm, weil sie grunzen wollen wie Orks und knurren wie Werwölfe, und dann liegen sie auf dem staubigen Kellerboden zwischen Schlagzeug und Verstärker und machen Pilates. Beine hoch, einmal, zweimal, jetzt noch der Kopf und die Arme dazu. Es zwickt im Bauch, die Muskeln brennen. So soll es nun jeden Tag sein, mindestens 15 Minuten lang. Wer in der dritten Unterrichtsstunde bei der Bodengymnastik immer noch schlaff in sich zusammensackt, wird von Thomas Fischer, 35, nach Hause geschickt. "Dafür ist mir meine Zeit zu schade", sagt er.

Fischer ist Shoutcoach in Aachen. In einem alten Bunker bringt er hinter zwei Meter dicken Betonwänden Heavy-Metal-Sängern das Schreien bei, oder in der Fachsprache: den gutturalen Gesang. Mit Gesang im klassischen Sinn hat das Röhren, das mehr nach Tier als nach Mensch klingt, wenig gemein. Es wird hauptsächlich nicht mit den Stimmbändern gebildet, sondern mit den sogenannten Taschenbändern: Falten im Kehlkopf, die man normalerweise nutzt, um die Luft anzuhalten oder sich zu räuspern. Durch die Taschenbänder wird Luft gepumpt - und hier kommen die Bauchmuskeln ins Spiel, als sogenannte Atemstütze.

"Ein Gitarrist wundert sich ja auch nicht, dass er am Anfang viel üben muss", sagt Fischer. "Für uns ist der Körper das Handwerkszeug, die Grundlagen muss man sich erarbeiten wie bei jedem Instrument auch. Shouten ist harte Arbeit."

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Von Beruf Shoutcoach: Nachhilfe im Grunzen, Knurren, Schreien
Der Schüler, der jetzt vor ihm steht, nickt artig. Paul Bartzsch, 25, hat in Brandenburg Koch und Erzieher gelernt, wohnt jetzt in Berlin und arbeitet hauptberuflich als Sänger einer Heavy-Metal-Band. Ihren Namen We Butter The Bread With Butter haben sie gewählt, weil er "so schön lang und sinnlos ist".

Geht man allein von der Zahl der Facebook-Fans aus, rangiert die Band irgendwo zwischen Fettes Brot und Herbert Grönemeyer. 2011 waren die vier Jungs bei "Rock am Ring" dabei, 2012 beim "Wacken Open Air", im September starten sie eine Tournee durch die USA und haben gerade ihr viertes Album aufgenommen. Ganz so schlecht kann das Brüllen von Paul Bartzsch also nicht sein.

Aus dem Bunker direkt zum Arzt

Thomas Fischer hat trotzdem einiges an den neuen Songs zu meckern: Er versteht die Texte nicht. "Wenn du auf der Bühne stehst, und die Leute kriegen nicht mit, was du singt, hast du ein Problem." Sich im Gebrüll deutlich zu artikulieren, das sei die Kunst des Shoutens. Mit den Stimmbändern habe das nichts zu tun: Es gehe darum, aus dem rauschenden "Grundsound" einzelne Laute zu formen.

Eine "Illusion von Ton" nennt Fischer das: "Man muss den ganzen Körper als Resonanzraum nutzen und die Worte überartikulieren." Ob man das Ergebnis Shouting, Growling, Grunting oder Screaming nennt, ist ihm egal: "Ich sag Shouten. Und Fresse halten."

Paul Bartzsch ist vor zwei Jahren von seinem Tonmeister zu Thomas Fischer nach Aachen geschickt worden. Der Shoutcoach hat in Deutschland wenig Konkurrenz: "Ich kenne niemanden, der etwas Vergleichbares macht", sagt Bartzsch. Die bekannteste Gesangslehrerin für Heavy-Metal-Sänger ist die Amerikanerin Melissa Cross, sie brachte unter anderem den Sängern von Slayer und Slipknot das Brüllen bei. Auf Cross ist Fischer nicht gut zu sprechen, denn sie verkauft für 26,99 US-Dollar auf ihrer Webseite die DVD "The Zen of Screaming", eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Shouten. Unverantwortlich sei das, schimpft Fischer: "Die Leute machen das irgendwie nach und ruinieren sich die Stimmbänder dabei."

Er selbst profitiere sogar von den DVDs, weil sich die enttäuschten Sänger früher oder später bei ihm melden würden, nur sei es dann oft schon zu spät - "Fehler abzutrainieren ist immer schwerer". Zwei Schüler schickte er sogar gleich zum Arzt. Der eine hatte Knötchen auf den Stimmbändern, der andere ein Ödem. Für beide war Schluss mit der Heavy-Metal-Karriere .

"Die Frauen hatten mehr Biss als alle anderen"

"Leider kommen die meisten erst zu mir, wenn sie irgendein Problem haben", sagt Fischer. Kopfschmerzen, Heiserkeit, kratzige Stimme, die Wehwehchen-Liste der harten Kerle ist lang.

Nur zwei Frauen hat Fischer bislang unterrichtet und weit mehr als hundert Männer, aber die beiden Mädels sind ihm in Erinnerung geblieben: "Die hatten mehr Biss als alle anderen." Dabei wäre er am Anfang fast verzweifelt mit ihnen, "meine Übungen haben einfach nicht funktioniert". Ein befreundeter Physiotherapeut gab ihm den entscheidenden Hinweis: Ihre Rumpfmuskulatur war zu schwach.

Fischer ist stolz auf sein Expertennetzwerk, die Grundlage seines Geschäftsmodells. Alles fing 1999 an. Damals war er selbst als Heavy-Metal-Sänger berühmt, ein bisschen zumindest. Mit seiner Band 10 Fold B-Low tourte er durch Europa, verkaufte Platten, hatte Fans.

We Butter The Bread With Butter: Alles was ich will

BMG
Ein Fan ging ihm "tierisch auf die Nüsse". Er wollte lernen, wie man schreit. "Ich weiß es nicht, ich mach es halt, geh weg" - das war Fischers erste Reaktion. Was ihn wurmte: Wie kann es sein, dass er, der Biologiestudent, nicht weiß, was er da macht, was in seinem Körper passiert? Er fing an zu recherchieren, traf sich mit Gesangslehrern und Musikern. Und er brachte seinem nervigen Fan das Schreien bei.

Drei Monate lang eine Unterrichtsstunde pro Woche, dazu tägliche Schrei- und Bauchmuskelübungen, dann seien die meisten "fit genug, um auf eigenen Beinen zu stehen", so Fischer. Er wolle auch gar nicht, dass jemand länger bleibt. Nichts fürchtet er mehr als Langeweile und Routine.

Er will nicht nach Berlin

Deshalb scheut er sich auch, seinen Shouting-Unterricht zum Haupterwerb zu machen. Drei Tage die Woche arbeitet Fischer als Biologe im Qualitätsmanagement eines Umweltlabors. "Ich will mich nicht zwischen den Berufen entscheiden müssen. So habe ich die totale Freiheit." Für die zahle er aber auch: Sein Gehalt als Biologe bewegt sich auf Studentenjobniveau.

Für den Shouting-Unterricht nimmt Fischer 45 Euro für 45 Minuten, im Schnitt. Wer wenig Geld hat, zahlt weniger. Wer von der Plattenfirma geschickt wird, zahlt mehr. Und wer von weither anreist, so wie Paul Barztsch, darf auch mal auf dem Sofa nächtigen.

Manche Freunde belächeln Thomas Fischer: Warum macht er nicht mehr daraus? Warum werden im Schnitt aus 300 Anfragen nur 20 Schüler? "Hey, ich wohne in Aachen. Es kommt keiner nach Aachen", sagt er und lacht. Klar, in Berlin oder Hamburg würde das Geschäft besser laufen, aber er will nicht nach Berlin oder Hamburg. Köln, das ginge noch. Morgens hin, abends zurück.

Eine Homepage hat er nicht, Facebook muss reichen. Auch auf Workshops verzichtet er bislang. "Das passt nicht zu meiner Philosophie." Er will sehen, ob seine Schüler alles richtig machen und nicht doch die Stimmbänder nutzen. Unterricht in ganz kleinen Gruppen, das will er jetzt mal ausprobieren. Nur stressig darf es nicht werden. Maximaler Spaß, das ist Fischers Lebensmotto: "Ich will nie an den Punkt kommen, dass ich morgens aufwache und keinen Bock auf meinen Job habe."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 17 Beiträge
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    Seite 1    
1. Heavy Metal war mal...
sergiii 01.08.2013
Heavy Metal war mal: 4-5 Jungs die sich in einem Proberaum trafen. Dort so laut spielten, dass der Sänger nicht mehr hörbar war. Der Sänger musst immer lauter schreien. Dazu hatte er noch etwas zu sagen, da hat alles gepasst. Heavy Metal heute: Es gibt eine korrekte Technik zum Schreien. Ich lach mich tot. Metal-Sänger heutzutage "schreien" auf Zimmerlautstärke, gute Verstärker machens möglich. Zu sagen hat keiner mehr was.
2.
pestilenz1349 01.08.2013
"LoL, guck mal! Die stinkenden Langhaarigen verhalten sich als würden sie echte Musik machen !!! XD" Toll, SPON.
3. Lehrer Gesucht
stumpen89 01.08.2013
Ich suche genau so einen netten und guten Lehrer in Leipzig. Hat einer von euch vielleicht Erfahrungen und kann mir einen guten Lehrer empfehlen?
4. Weitermachen
shatreng 01.08.2013
Interessanter Artikel, interessanter Mann!
5.
Modorok 01.08.2013
Zitat von sergiiiHeavy Metal war mal: 4-5 Jungs die sich in einem Proberaum trafen. Dort so laut spielten, dass der Sänger nicht mehr hörbar war. Der Sänger musst immer lauter schreien. Dazu hatte er noch etwas zu sagen, da hat alles gepasst. Heavy Metal heute: Es gibt eine korrekte Technik zum Schreien. Ich lach mich tot. Metal-Sänger heutzutage "schreien" auf Zimmerlautstärke, gute Verstärker machens möglich. Zu sagen hat keiner mehr was.
Was für ein Bulshit. Noch kein Sänger hat wirklich geschriehen.
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