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Berater von Lottogewinnern Lassen Sie uns über Ihre Millionen sprechen!

Lottospieler im Glück: Wir haben gewonnen! Fotos
AFP

Wenn Bernd Willers an der Tür klingelt, will er über Geld reden. In dieser Woche über 27,5 Millionen Euro. So viel hat ein Nordrhein-Westfale am Freitag im Eurojackpot gewonnen. Ein Fall für Willers, denn er berät Lottogewinner. Den Kauf eines Porsche empfiehlt er aber nur in Ausnahmefällen.

In dieser Woche wird Bernd Willers seinen 961. Lottogewinner kennenlernen. 27 Millionen 545.857 Euro und 50 Cent hat er am Freitag im Eurojackpot gewonnen, es ist der dritthöchste Einzelgewinn in der Geschichte des deutschen Lottos. Willers weiß, dass der Gewinner ein Mann ist und in der Region Rhein-Sieg wohnt, aber ob alt oder jung, alleinerziehend oder mit Großfamilie, verschuldet oder arbeitslos, das wird er erst am Küchentisch erfahren.

Seit 36 Jahren arbeitet Willers bei Westlotto, seit elf Jahren ausschließlich als Gewinnerberater. "Ich habe sicherlich einen Traumjob: Ich habe nur mit glücklichen Menschen zu tun", sagt er. "Finanziell glücklichen zumindest."

Ob eine halbe Million oder 40 Millionen Euro, die Abläufe sind immer gleich: Willers setzt sich mit den Glückspilzen an den Wohnzimmertisch oder in die Küche, entscheidet sich für Selters statt Sekt - er ist mit dem Auto da - überprüft auf dem Spielschein sicherheitshalber noch mal alle Zahlen und dann sagt er den Gewinnern, was sie nun tun sollen und was lieber nicht.

Tante Erna anrufen? Erst noch einmal drüber nachdenken. Den Steuerberater kontaktieren? Nicht nötig, Lottogewinne sind steuerfrei. Sofort kündigen? Lieber nicht. Einen Ferrari kaufen? Lieber nicht. Einen Audi? Schon eher.

"Wir wollen die Leute ja nicht mit Geld überschütten und sie dann alleine lassen", sagt Willers. Diese Philosophie hat sich bei Westlotto in den siebziger Jahren durchgesetzt, seinen Job nennt man dort in einem Atemzug mit Spielerschutz und Spielsuchtbekämpfung. Grundsätzlich können sich alle Westlottospieler nach einem Gewinn kostenlos beraten lassen, egal, wie viel sie gewonnen haben. Für weniger als 400.000 Euro verlässt Willers aber nur selten seinen Schreibtisch.

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Die anderen 15 Lottogesellschaften in Deutschland verzichten auf einen hauptberuflichen Gewinnerberater. Mit den Umsätzen von Westlotto können sie aber auch nicht mithalten: 1,64 Milliarden Euro erwirtschaftete das Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen im Jahr 2011, das sind 25 Prozent des gesamten deutschen Lottoumsatzes. 765 Millionen Euro wurden 2011 von Westlotto als Gewinne ausgeschüttet - die Wahrscheinlichkeit auf den Jackpot liegt bei "6 aus 49" bei 1 zu 140 Millionen.

Ob, wann, wo und wie oft sie Bernd Willers treffen wollen, entscheiden die Gewinner. Willers ist da flexibel. "Ich will mich nicht aufdrängen", sagt er. Einmal hat er einen Neu-Millionär an der Autobahnraststätte getroffen, er wollte den Gewinn vor seiner Frau geheim halten. Willers hat nichts dazu gesagt. "Es steht mir nicht zu, das Privatleben anderer zu kommentieren oder zu bewerten."

Das Gesicht darf niemand erkennen

Der erste Kontakt entsteht meist telefonisch über das Service-Center der Lottozentrale. Wer sechs Richtige hat, ruft dort an, muss die Nummer seines Spielscheins durchgeben und wenn alles stimmt, hört man irgendwann die Stimme von Bernd Willers. Eine dunkle, freundliche Stimme.

Das Gesicht dazu kennen nur Freunde und Verwandte - und Lottogewinner. Willers passt auf, dass keine Fotos von ihm im Internet auftauchen. Das wäre das Ende seines Jobs. Nicht darüber reden, das ist die erste Regel, die er seinen Schützlingen einbläut. "Wenn der Nachbar mich an der Tür erkennt, wäre alles vorbei", sagt er.

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Am Anfang freue sich jeder mit, aber das schlage schnell in Neid und Missgunst um. Hämische Kommentare, flehende Bettelbriefe, aufdringliche Anlageberater: "Wer in Ruhe weiterleben will, muss seinen Gewinn geheim halten."

Das gewonnene Geld könne man ja trotzdem ausgeben, nur bitte etwas dezenter. VW statt Ferrari, Eigentumswohnung statt Diamantencollier. Autofans rät Willers immer erst zur Probefahrt: "Nur weil eine Karosse unglaublich teuer ist, muss sie nicht unbedingt glücklich machen." Einen Gewinner konnte er allerdings nicht überzeugen. Die Ärzte hatten ihm gesagt, dass er nur noch wenige Monate leben werde - und er war fest entschlossen, einen Porsche Cayenne zu kaufen. "In so einem Moment versuche ich natürlich auch nicht mehr, jemanden von seinem Wunsch abzubringen", sagt Willers.

Sprachlos war er auch, als ein alter Mann bei seinem Besuch zu weinen anfing. Seine Frau war gerade verstorben, er selbst litt an Krebs. "Solche Situationen zeigen auch mir immer wieder: Geld ist nicht alles", sagt Willers. Die meisten seiner Schützlinge seien sich dessen aber bewusst: "Lottogewinner sind viel vernünftiger, als man in der Öffentlichkeit annimmt." Der Job endet zwar für ihn meistens schon nach einer Woche, dann ist das Geld überwiesen, "aber wenn jemand alles sinnlos verprasst, würde ich das schon mitbekommen".

"Darf ich Sie umarmen?"

Ein besonderes Verhältnis sei das, zwischen ihm und den Gewinnern. "Ich bin oft der Einzige, der außer ihnen davon weiß, dadurch werde ich irgendwie zur Vertrauensperson." Manche erzählten ihm gleich ihre ganze Familiengeschichte: "Es ist erstaunlich, wie diese Situation die Zunge löst." Nur Jubelschreie, die hört Willers nie. "Der Überraschungsmoment ist ja schon vorbei, wenn ich komme." Der bisher emotionalste Moment: Eine alte Dame fragte ihn, ob sie ihn einmal umarmen dürfe.

Eine pädagogische Ausbildung hat Willers nicht. Er ist Bankkaufmann, hat BWL studiert. Zur Gewinnerbetreuung kam er durch Zufall: In der Revisionsabteilung war jeder einmal dran. An seinen ersten Gewinner kann er sich noch genau erinnern. Es ging um 600.000 Deutsche Mark, "wahrscheinlich war ich aufgeregter als der Gewinner", sagt Willers. Der Einsatz machte ihm Spaß, er engagierte sich - und durfte den Job schließlich komplett übernehmen.

Zwei- bis dreimal die Woche ist er zu Beratungsgesprächen unterwegs, meistens in Nordrhein-Westfalen, hier wohnen fast alle Westlotto-Spieler. Manchmal muss er auch in andere Bundesländer, in Hessen war er mehrmals, einmal auch in Mecklenburg-Vorpommern. Die restliche Zeit arbeitet er in der Abteilung Spielbetrieb, sie ist für die Überweisung der Gewinne zuständig. Er selbst spielt nur selten Lotto. Sein bisher höchster Gewinn: 40 DM für vier Richtige.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 60 Beiträge
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1. .
frubi 14.08.2012
Zitat von sysopWenn Bernd Willers an der Tür klingelt, will er über Geld reden. In dieser Woche über 27,5 Millionen Euro. So viel hat ein Nordrhein-Westfale am Freitag im Eurojackpot gewonnen. Ein Fall für Willers, denn er berät Lottogewinner. Den Kauf eines Porsche empfiehlt er aber nur in Ausnahmefällen. Skurriler Beruf: Berater für Lottogewinner gibt Millionären Ratschläge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,849325,00.html)
Wieso braucht man den für Geld einen Berater? Einen Steuerberater vielleicht, damit einen die ANzugträger aus den Finanzämtern keinen Dolch in den Bauch stoßen aber für alles andere braucht man doch keinen Berater. Man sollte das Geld in 2 Teile aufteilen. 1: Geld für Dinge, die man sich sofort bzw. in naher Zukunft leisten möchte. 2: Restbetrag auf ein Konto einzahlen und mit der Bank eine Vereinbahrung treffen, dass ich maximal Summe X pro Monat abheben kann. Diese Vereinbahrung müsste dann alle 5 Jahre erneuert werden. So würde ich es jedenfalls machen. Mir würden schon 500.000 € reichen, um mich aus dem Arbeitsleben 8 - 17 Uhr zu verabschieden.
2. Tja.
rainer_d 14.08.2012
Da hat man die Millionen und kann sie doch nicht mit vollen Händen ausgeben. Klassischer Fall von "Man kann nicht alles haben". In dem Fall: Geld und ein ruhiges Leben mit Freunden, die nicht bloss wegen des Geldes anrufen.
3.
mm71 14.08.2012
Zitat von frubiWieso braucht man den für Geld einen Berater? Einen Steuerberater vielleicht, damit einen die ANzugträger aus den Finanzämtern keinen Dolch in den Bauch stoßen aber für alles andere braucht man doch keinen Berater. Man sollte das Geld in 2 Teile aufteilen. 1: Geld für Dinge, die man sich sofort bzw. in naher Zukunft leisten möchte. 2: Restbetrag auf ein Konto einzahlen und mit der Bank eine Vereinbahrung treffen, dass ich maximal Summe X pro Monat abheben kann. Diese Vereinbahrung müsste dann alle 5 Jahre erneuert werden. So würde ich es jedenfalls machen. Mir würden schon 500.000 € reichen, um mich aus dem Arbeitsleben 8 - 17 Uhr zu verabschieden.
Sie würden sich vermutlich wundern, wie Ihre Ausgaben ansteigen, wenn Sie plötzlich den ganzen Tag Zeit haben.... Ist aber auch egal. Wenn man etwas nicht kann, weil man es nicht gelernt und keine Übrung darin hat, dann ist es keinesfalls unklug, sich Rat zu holen. Allerdings will auch das gekonnt sein... Schnorrer und inkompetente Absahner gibt's natürlich zu genüge...
4. Nun ja,
fort-perfect 14.08.2012
Zitat von frubiWieso braucht man den für Geld einen Berater? Einen Steuerberater vielleicht, ....
ich denke schon, dass es sinnvoll ist sich vom Lottomann etwas erzählen zu lassen. Ich zumindest wüsste nicht sofort, wie ich mit 1 Millionen € umgehen sollte.... zumindest würde ich das Geld bei meiner Bank hier auf dem Dorf nicht einzahlen..... da wissen innerhalb von Tagen mit Sicherheit die ganzen Vereinshansel bescheid.... Verprassen würde ich die Kohle nicht, allerdings wäre das Thema "abhängig beschäftigt" durch, stattdessen vielleicht noch mal an die Uni und sogenannte "brotlose Künste" studieren und natürlich mit meiner Frau reichlich in Urlaub fahren, solange wir beide noch einigermaßen kriechen können ;-))....
5. Geld allein macht nicht glücklich
buktu1975 14.08.2012
Ich denke, wenn man vorher unglücklich war (und nicht nur wegen Geldsorgen), wird man mit Geld auch nicht glücklicher sein. Auch wenn Lottospielen ja an sich eine "Dummensteuer" ist, spiele ich doch gelegentlich Lotto. Am meisten freue ich mich die Tage auf die Ziehung, weil ich in Tagträumen gelegentlich vom Gewinn träume. Bei einem echten Millionengewinn wüsste ich aber wegen der damit verbundenen Probleme (das Leben würde sehr wahrscheinlich ein komplett anderes sein) nicht, ob ich mich freuen oder Angst haben sollte...;o)
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