Die Schauspieler "Bei den Endproben ist man Leibeigener"
Schauspieler wie Therese Dörr und Michael Schütz geben dem Theater sein Gesicht und suchen nach den großen Momenten, in denen alles gelingt. Das Lampenfieber packt sie auch nach vielen Jahren noch. Ein Traumjob? Sicher. Einer mit vielen Abers.
Das Ziel ist klar, aber der Weg liegt im Dunkeln. Zwei Wochen vor der Premiere von Shakespeares "König Richard der Dritte" am Bochumer Schauspielhaus kann Michael Schütz noch nicht sagen, wohin die Reise gehen wird. Das muss er auch nicht. Schütz ist Schauspieler, nicht Regisseur. Und froh darüber: "Ich würde so etwas nicht machen wollen", sagt er und lacht.
Mit seiner Kollegin Therese Dörr sitzt Schütz an einem Herbstvormittag im Restaurant des Schauspielhauses. Durch die Glasfront sehen sie die Kollegen ins Haus gehen. Um 11 Uhr beginnt die Probe, die sich, Mittagspause eingerechnet, bis 23 Uhr hinziehen wird. Längst nicht in allen Szenen wird Schütz selbst auf der Bühne stehen.
"Wie viel Lebenszeit man als Schauspieler damit verbringt zu warten ", sagt Schütz mit einem Seufzer: Während der Proben wird er nur während seiner Szenen gebraucht, die restliche Zeit muss er in Rufweite bleiben. Auch Therese Dörr muss in der fertigen Inszenierung eine halbe Stunde geschminkt und im Kostüm im Zuschauerraum sitzen. Erst dann steht sie auf und verführt den König auf der Bühne.
Maximal flexibel. Selbstausbeutung inklusive
Während der Proben mit Regisseur Roger Vontobel ändern sich die Szenen laufend. Texte werden umgestellt, Szenen umgedeutet, Kostüme ausprobiert. Mit all diesen schnellen Veränderungen müssen die Akteure Schritt halten und sie aufnehmen.
Zwei Wochen vor der ersten Vorstellung haben die beiden Schauspieler noch nicht in ihre Rollen gefunden. "Ich setze mich nicht mit allem intellektuell auseinander, sondern spiele erst mal und biete es dem Regisseur an", sagt Therese Dörr. Das brauche Zeit und die Möglichkeit auszuprobieren.
Dafür müssen die Schauspieler jenen Spieltrieb aufrecht erhalten, der schon für Friedrich Schiller Glückseligkeit und moralische Vollkommenheit miteinander vereinte. Das ist nicht immer leicht, wenn Schauspielen der Beruf ist. Theaterschaffende kennen die unsicheren Arbeitsbedingungen: Zwei-Jahres-Verträge, Abhängigkeit von Intendant und Regisseur, eine mittelmäßige Bezahlung. Der Beruf verlangt von ihnen maximale Flexibilität und eine gewisse Dosis Selbstausbeutung. "Nicht selten kommt gegen Mitternacht eine SMS, die für den nächsten Morgen eine Probe ankündigt", erzählt Michael Schütz, "in der Phase der Endproben ist man Leibeigener."
"Vor jeder Premiere habe ich Schiss"
Ist Theaterschauspieler also alles andere als ein Traumjob? "Nein", sagt Therese Dörr. "Und ich habe mir auch noch nie Sorgen gemacht, wie es weitergeht." Für sie ist es Luxus, mit jeder Produktion neu über die großen Themen nachzudenken - wie etwa bei der Richard-Produktion über Macht und ihre Anziehungskraft.
Doch alles Nachdenken und Ausprobieren nützt nichts gegen das Lampenfieber am Tag der Premiere. Michael Schützt erzählt: "Ich verbringe die Zeit damit, meinen Text noch einmal durchzulesen - aber vor jeder Premiere habe ich Schiss. Und obwohl ich schon seit vielen Jahren auf der Bühne stehe, wird es nicht weniger."
Davon wird man ihm am Abend der Premiere nichts anmerken können: Lässig und scheinbar entspannt sitzt er in einem Sessel, während das Publikum den Saal betritt. Auch Therese Dörr kennt das Gefühl der Anspannung: "In diesem Momenten frage ich mich immer, warum ich diesen Beruf gewählt habe."
Die Antwort bekommt sie auf der Bühne. Manchmal gebe es diese Momente, in denen man fliegt, in denen Großes entsteht, wo man sich wirklich frei machen kann und einfach nur spielen, sagt Dörr. Solche Momente sind besonders, und sie sind selten. Dafür sind sie alle Mühen wert.
- KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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