Von Fritz Habekuß
Konzentrierte Ruhe liegt in der Luft der Theaterschneiderei am Bochumer Schauspielhaus. Nur das Rattern einer Nähmaschine und leise Gespräche sind zu hören, kein Radio stört die Arbeit der Schneiderinnen an ihren Kostümen.
Ein paar Meter weiter steht die Tür zum Büro von Britta Brodda offen, wie immer. Sie ist die Leiterin der Abteilung und hat damit die Hoheit über Herren- und Damenschneiderei, Schuh- und Hutmacher und den Kostümfundus. Stoffe und Schnitte sind das Leben von Britta Brodda. In ihrem Büro sitzt sie an einem überraschend aufgeräumten Schreibtisch. "In dem ganzen kreativen Chaos muss ja jemand die Übersicht behalten", sagt sie.
Über die Jahre hat sich Britta Brodda einen Blick antrainiert, mit dem sie ihr Gegenüber taxiert. "Das ist fast schon krankhaft: Ich schaue sofort nach Schuhen. Für mich ist das unglaublich wichtig - denn es sagt etwas über den Menschen aus", sagt Brodda und schaut ein wenig ernster als sonst.
Was Kleidung über Menschen verrät, ist eine der Grundfragen von Broddas Arbeit. Um Antworten darauf zu finden, arbeitet sie eng mit dem Kostümbildner zusammen, der in Abstimmung mit dem Regisseur ein Konzept für eine Inszenierung entwickelt. Diese enge Zusammenarbeit setzt der Kostümbildner dann mit der Schneiderei fort, zumindest im Idealfall.
Im Idealfall bekommt Britta Brodda auch von Hand gezeichnete Skizzen der Kostüme für die einzelnen Rollen, in der Realität ist das aber die Ausnahme. Statt handgemalten Figurinen gibt es heute meist Ausrisse aus Katalogen oder Ausdrucke auf dem Netz. Aus diesen Vorgaben schneidert Broddas Abteilung dem Schauspieler sein Kostüm auf den Leib - und muss damit Kostümbildner und Regisseur zufrieden stellen.
Auch abends sind Schneider da
Der Regisseur von Shakespeares "König Richard III.", Roger Vontobel, der regelmäßig in Bochum arbeitet, stellt an die Kostüme besondere Herausforderungen, lässt es der Schweizer doch auf der Bühne gern mal richtig krachen: Blutspritzer, Essen- und Schlammschlachten sind typisch für seinen Regiestil. Für die Schneiderei heißt das: Alles muss waschbar und ein wenig robuster sein.
Zu den Aufgaben der Damen- und Herrenschneider, die übrigens verschiedene Berufe sind, gehört auch der Abenddienst. Dann betreuen sie die Schauspieler vor, während und nach der Vorstellung, helfen beim Ankleiden, beruhigen und laufen auch schon mal in die Kantine und holen einen heißen Tee. "Aber nur, wenn sie nett fragen."
Um in der Theaterschneiderei zu arbeiten, müssen die Frauen - Männer sind hier in der Minderheit - neben der normalen Ausbildung vorweisen, dass sie außergewöhnlich viel Talent haben: Einfach nur Anzüge anzufertigen, das reicht nicht. Wer ans Theater will, muss über historische Techniken, Materialien und Schnitte Bescheid wissen und viel Kreativität mitbringen. Denn Kostüme im Theater sind nie gleich.
Deswegen kommen die vielen Teile aus dem Kostümfundus auch eher selten zum Einsatz auf der Bühne: "Jeder Kostümbildner will etwas neues. Selbst wenn ein Teil schon im Fundus hängt, können wir uns sicher sein, dass er es in einer anderen Farbe bei uns bestellt."
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